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„Postmoderner Wahn in Historyland“

Die Rückkehr der Götter in Dipesh Chakrabartys postkolonialer Theorie

Erscheinungsjahr: 2026

Im Zuge der kritischen Feuilletondebatte über antisemitische und antiliberale Tendenzen postkolonialer Studien nach dem 7. Oktober äußerte sich der Religionssoziologe Detlef Pollack in der FAZ auch über Dipesh Chakrabarty, einen Protagonisten der indischen postkolonialen Studien, die sich auch Subaltern Studies nennen. Chakrabarty bleibe „[t]rotz seiner Deprivilegierung Europas […] der aufklärerischen Tradition der westlichen Moderne verpflichtet.“ (Pollack 2024) Pollack bezieht sich damit auf das Projekt, Europa zu „provinzialisieren“, also den Nachweis zu führen, dass a) bestimmte Werte, die von Europa als universell deklariert werden, klassenspezifisch oder kolonial grundiert und damit partikular sind, und dass b) empirische ökonomische Entwicklungshypothesen sowie sozialtechnologische Empfehlungen von spezifisch europäischen gesellschaftlichen Bedingungen abhängig sind und fälschlicherweise auf andere Verhältnisse übertragen werden. Was Pollack jedoch übersieht: Chakrabarty und andere postkoloniale Denker belassen es, allen vorgeblichen Distanzierungen vom Kulturrelativismus zum Trotz, nicht bei diesem aufklärerischen Projekt. Vielmehr streben sie eine Provinzialisierung von Wissenschaft auf der Ebene grundlegender Rationalitäts- und Erkenntnisbegriffe sowie ontologischer Annahmen an und reden damit einem Relativismus das Wort, der bereits universelle Geltungsansprüche wissenschaftlicher Aussagen als koloniales Erbe betrachtet, das es zu ‚verlernen‘ gelte. Dabei greift Chakrabarty mit Hans-Georg Gadamer, Martin Heidegger und Michel Foucault auf gegenaufklärerische deutsche und französische Traditionen sowie auf indische religiöse Weltbilder zurück.

Ich werde dies am Beispiel eines für Chakrabartys Irrationalismus mustergültigen Aufsatzes zeigen, der seinem Werk „Europa als Provinz“ entnommen ist. Hier behandelt Chakrabarty sogenannte ‚minoritäre Geschichten‘, die im postmodernen Jargon auch als ‚subalternes Wissen‘ bezeichnet werden, und versucht deren Verhältnis zur etablierten ‚westlichen‘ Geschichtswissenschaft zu bestimmen. Er präsentiert dabei drei Verhältnisse zwischen minoritären Geschichten und Geschichtswissenschaft: eines der Unterordnung ersterer unter letztere, eines der Nebenordnung und eines der Überordnung minoritärer Geschichten über geschichtswissenschaftliche Methoden. Im Folgenden werde ich zeigen, dass diese Verhältnisbestimmungen problematisch sind und sich zudem kein konsistentes Verhältnis dieser Verhältnisbestimmungen untereinander herstellen lässt.

Der Aufsatz erschien zuerst in der Zeitschrift "Aufklärung und Kritik", Heft 95, März 2026, 33. Jahrgang, Nr. 1


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