26.01.2026

Antwort auf den Flyer „Erinnerungskultur darf kein Werkzeug des Rassismus sein“

Am 19.1. hielt Ingo Elbe einen Vortrag zum Thema Antisemitismus und postkoloniale Theorie an der Universität Tübingen. Im Vorfeld mobilisierten große Teile der Tübinger Linken zu einer Kundgebung gegen seinen Auftritt, die dann auch mit ca. 80-100 Personen vor dem Hörsaal stattfand. Die Veranstaltung konnte nur mit Security und Polizeischutz durchgeführt werden. Der Saal war sehr gut gefüllt (ca. 150 Leute). Bis auf eine Transparent-Aktion im Hörsaal und Zwischenrufe eines Uni-Mitarbeiters verliefen Vortrag und Diskussion störungsfrei.

Im Flyer, der zur Teilnahme an der Kundgebung aufrief, ist unter anderem zu lesen, jüdische Identität dürfe ebenso wenig instrumentalisiert werden wie der Holocaust. Aber genau das praktizieren die Autoren des Aufrufs selbst: Es werden „jüdische Stimmen“ ins Feld geführt, die Israel kritisieren und den Zionismus ablehnen (Stimmen, die – nebenbei – eine Minderheit im jüdischen Diskurs sind[1]). Im Unterschied dazu rekurriert Ingo Elbe nicht auf jüdische Identität, sondern er knüpft positiv an inhaltliche Positionen an oder er kritisiert diese. Es ist also nicht Ingo Elbe, der „jüdische Stimmen entlang politischer Verwertbarkeit sortiert“, sondern der Aufruf seiner Kritiker.

Mit der Wahrheit nehmen sie es auch sonst nicht so genau – etwa wenn sie behaupten, der Internationale Gerichtshof habe „in einer ersten Entscheidung anerkannt, dass die Völkermordvorwürfe gegen Israel plausibel sind“.[2] Dies ist keineswegs der Fall, wie die ehemalige Präsidentin des Internationalen Gerichtshofs Joan Donoghue klarstellte: "It did not decide, and this is something where I'm correcting something that's often said in the media. It did not decide that the claim of genocide was plausible."[3] Wie Florian Markl präzisiert: „Für ‚auf den ersten Blick plausibel‘ hat er also nicht die Behauptung erklärt, Israel hätte gegen die Genozid-Konvention verstoßen oder Völkermord begangen, sondern bloß, dass die von Südafrika vorgeworfenen israelischen Handlungen ein Fall für die Völkermordkonvention sein könnten – unabhängig davon, ob die Vorwürfe nun zutreffend sind oder nicht.“[4]

Zum eigentlichen Gegenstand des Vortrags von Ingo Elbe haben die Autoren des Aufrufs erstaunlich wenig zu sagen: Angeblich stehen seine Positionen im Kontext einer Erinnerungspolitik, die „eine problematische Hierarchie des Leids“ „produziert“, indem sie die „Thematisierung von Genoziden, kolonialer Gewalt oder rassistischer Verbrechen als ‚Relativierung des Holocaust‘ abwertet“. An diesen Behauptungen ist so gut wie alles falsch. Wer, wie Ingo Elbe, die These vertritt, dass der Holocaust ein präzedenzloses Verbrechen ist, vertritt keine Hierarchie des Leids, sondern die wissenschaftlich fundierte Ansicht, dass der Holocaust sich in signifikanten Punkten von anderen Formen der Massengewalt unterscheidet. Ebenso absurd ist die Behauptung, dabei würden Forschungen zur kolonialen Gewalt als Relativierung des Holocaust abgetan. Was Elbe unter anderem kritisiert, sind zentrale Theorie-Elemente der Postkolonialen Studien, die die spezifischen Differenzen zwischen Kolonialismus und Holocaust einebnen oder die in Gestalt eines negativen Eurozentrismus einseitig ‚den Westen‘ für Massengewalt verantwortlich machen, während antisemitische und autoritäre Akteure des sogenannten ‚globalen Südens‘ und ihre Massenverbrechen von der Kritik weitgehend ausgenommen oder gar als Widerstandsbewegungen gefeiert werden. Vor dem Hintergrund der von Elbe kritisierten Theorie-Strömung verwundert es denn auch nicht, dass die Autoren des Flyers jedes kritische Wort zur genozidalen und antisemitischen Hamas[5] vermissen lassen.

In einem Punkt haben die Autoren jedoch recht: Die Erinnerung an den Holocaust „ist eine ethische Verpflichtung in der Gegenwart“. Diese Verpflichtung besteht jedoch nicht darin, einen Genozid in Gaza zu erfinden,[6] sondern denjenigen den Spiegel vorzuhalten, die die Erinnerung an den Holocaust instrumentalisieren, um ihr antisemitisches Ressentiment in ein moralisches Gewand zu kleiden.


[1] Umfragen in Europa und den USA aus den Jahren 2019 und 2020 konstatieren, dass 73% der europäischen Juden die Unterstützung Israels als wichtig erachten und 80% der amerikanischen Juden sich als proisraelisch bezeichnen. Vgl. zu den entsprechenden Umfragen unter Diaspora-Juden sowie zum Gesamtkomplex, der hier angedeutet wurde: Alex Feuerherdt/Florian Markl, Boykottbewegungen gegen Israel. Alter Hass in neuem Gewand. Leipzig, S. 90-102. Eine Umfrage aus dem Jahr 2025 in den USA stellt fest, dass Juden Israel zu 73% mehrheitlich positiv gegenüberstehen (vgl. https://www.israelnetz.com/amerikaner-sehen-israel-zunehmend-kritisch/)

[2] Demoflyer Tübingen 19.1.2026.

[3] https://www.jpost.com/israel-hamas-war/article-798766

[4] Florian Markl, Der andere Krieg. Wie das Völkerrecht gegen Israel missbraucht wird. Wien 2025, S. 142.

[5] Vgl. u.a. https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=5183482

[6] Vgl. zur Kritik des Völkermordvorwurfs gegen Israel: https://kritischebildung.de/beitraege/genozid-vorwurf

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