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Cara-Julie Kather

The Epistemic Violence of Mathematics

Decolonial-Feminist Re-Writings of the »Rational« and the »Human«

Erscheinungsjahr: 2026

Cara-Julie Kathers The Epistemic Violence of Mathematics ist ein erstaunliches Buch. Die 2025 als Dissertation angenommene und 2026 bei transcript erschienene Arbeit ist keineswegs deshalb bemerkenswert, weil sie behauptet, die Mathematik sei historisch in Kolonialismus, Patriarchat und verschiedenartige soziale Ausschlüsse verstrickt gewesen. Dafür bietet die Wissenschaftsgeschichte reichlich Anschauungsmaterial; so entwickelte sich beispielsweise die moderne Statistik im 19. und frühen 20. Jahrhundert in enger Verbindung zur Eugenik und zur sogenannten Rassenanthropologie. Eine solche Untersuchung wäre also weder besonders überraschend, geschweige denn prinzipiell problematisch. Es ist vielmehr Kathers Entschlossenheit, mit der sie mathematische Begriffe ihrer fachlichen Bedeutung entkleidet und aktivistisch umdeutet, die ihre Arbeit herausstechen lässt. So handle es sich bei der wohlbekannten Gleichung „1+1 = 2“ nicht bloß um einen banalen mathematischen Satz, sondern ausdrücklich um die Chiffre westlicher Vergewaltigungskultur. Bewährte wissenschaftliche Konzepte wie Verifizierbarkeit, Widerspruchsfreiheit und, damit einhergehend, der rigorose mathematische Beweis erscheinen bei Kather einzig und allein als abstrakte Herrschaftstechniken, die es strikt abzulehnen gilt; an ihre Stelle treten, erheblich zu Lasten mathematischer wie mathematikhistorischer Präzision, Kategorien wie Fühlen, Schmecken, Berühren, „Welten wiedergebären“[1] und die Schöpfung neuer sogenannter „thinking-beings“[2].

The Epistemic Violence of Mathematics gehört damit zur Avantgarde der aktivistischen Wissenschaft[3]: Nicht Kathers Untersuchung selbst bringt ihre eigenen Begriffe und gegebenenfalls ihre politischen Konsequenzen hervor, sondern ein vorausgesetztes emanzipatorisches Ziel organisiert von vornherein die Auswahl der Untersuchungsgegenstände, die Begrifflichkeiten und die Bewertung der Forschung. Gleichzeitig ist Kathers Arbeit einer Strömung postkolonialer Theorie zuzuordnen, die von Ingo Elbe zutreffend mit der Bezeichnung „Gestalten der Gegenaufklärung“[4] charakterisiert wurde. Universalität, Objektivität und Rationalität werden von den Protagonisten dieser Strömung auf einen partikularen westlichen Ursprung zurückgeführt und als Herrschaftsformen „provinzialisiert“, während demgegenüber das „Heterogene“, „Lokale“, Körperliche oder vermeintlich Unmittelbare eine epistemische Aufwertung erfährt.

Kathers Argumentation reproduziert in auffälliger Weise Problemlagen, die Elias Hechinger in ähnlicher Form für postkoloniale Wissenschaftskritik und den Begriff der „epistemischen Gewalt“ exemplarisch herausgearbeitet hat.[5] Erstens erscheint der universale Geltungsanspruch wissenschaftlicher Rationalität nicht als fallibler Anspruch, dessen Reichweite und Voraussetzungen immanent zu prüfen wären, sondern wesentlich als Ausdruck einer westlich-kolonialen Machtordnung; aus der Kritik falscher Universalität wird damit tendenziell eine Kritik des Universalen selbst. Zweitens fungieren die von Kather kaum konkret untersuchten indigenen und sonstigen marginalisierten Wissensformen vornehmlich als positiv besetztes Gegenbild zur vermeintlich abstrakten, rationalistischen und gewaltförmigen „Mathematics“. Und drittens bleibt gerade deshalb auch ihre Kritik weitgehend im Modus abstrakter Epistemologiekritik: Die konkrete historische Genese mathematischer Formen, ihre inneren Auseinandersetzungen, Vermittlungen und interkulturellen Transfers treten hinter die politische Semantik von „epistemischer Gewalt“, „Othering“ und Widerstand zurück.

Den Ausgangspunkt von Kathers Überlegungen bildet dementsprechend die Diagnose, dass eine Vielzahl indigener mathematischer Wissensformen, die in der Arbeit selbst allerdings nicht näher konkretisiert werden und für die Kather auf wenige, allesamt selbst inhaltlich vage gehaltene Sekundärquellen[6] verweist, durch eine spezifisch westliche, von Kather durchgehend großgeschrieben als „Mathematics“ bezeichnete Form der Mathematik verdrängt worden sei.[7] Die westliche Form selbst sei schließlich als die einzig legitime Form mathematischen Wissens universalisiert worden. Diesen Vorgang versteht Kather im Anschluss an die indisch-amerikanische Literaturwissenschaftlerin Gayatri Spivak als „epistemische Gewalt“. Sogenannte marginalisierte Arten des Wissens würden zum Schweigen gebracht, aus einem Bereich des Wissens ausgeschlossen oder gar einem „epistemicide“ unterworfen. Unter Rückgriff auf vor allem Sylvia Wynter sucht Kather den Begriff ontologisch zu erweitern. Epistemische Gewalt richte sich nicht allein gegen Wissensbestände, sondern gegen Formen des „thinking-being“ selbst, indem bestimmte Weisen des Denkens zugleich als weniger rational und damit als weniger menschlich qualifiziert würden. Mathematik, Rationalität und Menschsein verschmelzen hierzu im für das erste Kapitel titelgebenden „Mathematics-Rationality-Human Continuum“.[8]

Präzise definiert wird das zentral behandelte „Mathematics-Rationality-Human Continuum“ in Kathers Arbeit jedoch nicht, was mit erheblichen Schwierigkeiten der Exegese einhergeht. Der gebotene Versuch einer Exemplifizierung wiederum beschränkt sich auf eine kleine Auswahl großteils populärwissenschaftlicher Literatur, sodass durchweg die Frage offen bleibt, inwiefern Kathers abstraktes Deutungsschema repräsentativ für die mathematische Disziplin ist. Anstatt die vorausgesetzte Verschränkung und das behauptete epistemische Verhängnis derselben an der mathematischen Disziplin selbst aufzuzeigen, erschöpft sich die Arbeit zunächst in umfangreichen und doch recht allgemein gehaltenen Ausführungen zur Mathematikgeschichte, mit denen sogleich die eigentlichen Schwierigkeiten beginnen.

Mathematikgeschichtliche Einordnung

Die Genealogie der von Kather kritisierten „Mathematics“ setzt für sie bei dem Vorsokratiker Parmenides ein[9], dessen einziges Werk ein in Fragmenten überliefertes Lehrgedicht ist, aus dem selbst ansatzweise keine logische, geschweige denn mathematische Theorie hervorgeht. Aus der dortigen Gegenüberstellung von Sein und Nichtsein, Wahrheit und Irrtum entwickelt Kather nachträglich Grundzüge einer axiomatischen und sogar binären Denkform, die sie im weiteren Verlauf als für die westliche Mathematik konstitutiv behandelt. In der fachlichen Rezeption herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass mit den Elementen sich bei Euklid gerade der Text vorfindet, an dem sich die Ausbildung einer systematisch deduktiven, von Definitionen, Postulaten und Beweisen getragenen Mathematik historisch begründet.[10] Für die historische Anlage von Kathers Arbeit ist es durchaus bezeichnend, dass Euklid in ihren gesamten Ausführungen zur mathematischen Axiomatik bloß beiläufig in einem Zitat über seine Vorgänger erscheint, während der Gedichtsinterpretation von Parmenides vergleichsweise kurzem Werk dagegen mehrere Seiten eingeräumt werden.

Noch problematischer ist Kathers Behandlung der Neuzeit. Unter der Überschrift der Aufklärung erscheinen Descartes und Kant im Wesentlichen als weitere Stationen einer bereits in der griechischen Philosophie ausgebildeten Verbindung von mathematischer Notwendigkeit, Rationalität und Menschsein.[11] Diese Darstellung hält einer interpretationshistorischen Überprüfung nicht stand. Bei der frühneuzeitlichen Mathematik handelt es sich keineswegs um die bloße inhaltliche Weiterung einer älteren Denkform, sondern um deren radikalen systemischen Umschlag. Mit analytischer Geometrie, Infinitesimalrechnung und der seit Leibniz sich ausbildenden Vorstellung funktionaler Abhängigkeit geht die Bestimmung eines Gegenstandes durch seine zugrunde liegenden Wesenseigenschaften zunehmend in seine Bestimmung aus gesetzmäßigen Beziehungen über.[12] Das mathematisch Bestimmte wird mit Beginn der Neuzeit, zugespitzt formuliert, weniger als etwas verstanden, das zunächst für sich besteht und anschließend Relationen eingeht, als grundsätzlich aus einem gegebenen Funktionszusammenhang heraus erfasst.[13] Nicht zuletzt überführt die Mathematik der Neuzeit Allgemeingültigkeit in Gültigkeit relativ zu einem Axiomensystem und bringt eben jene Pluralität von Mathematiken hervor, deren Herstellung Kather als „disobedience against universalism“[14] im dritten Kapitel ihrer Arbeit von außen an die Disziplin heranzutragen meint. Kathers makroskopische Geschichtszeichnung kann einen solchen Gestaltwandel nicht erfassen, ihr fehlt dafür schlicht die notwendige Schärfe. Die historische Spezifik der Neuzeit, in der das Systemdenken seine ontologische Explikation erfährt und zur mathematischen Grundgestalt ausgebildet wird, gerät dadurch vollständig aus dem Blick.

Gleichermaßen bleibt außer Betracht, dass die Mathematik der westlichen Welt ihre eigenen Erkenntnisformen keineswegs stets affirmiert, sondern sie seit langem selbst zum Gegenstand fachlicher Auseinandersetzungen macht. Schon die modernen Grundlagenstreite um Formalismus, Intuitionismus und die Reichweite axiomatischer Verfahren lassen sich schwerlich in das Bild einer einheitlichen mathematischen Rationalität einfügen. Die ausführlichen Diskussionen über beispielsweise den Rationalitätsbegriff führten keineswegs zu seiner Verwerfung. Besonders deutlich wird das an Martin Wagenscheins umfassendem mathematikdidaktischen Programm eines ursprünglichen Verstehens[15], das sich gerade gegen eine vom Gegenstand und seiner Erfahrung abgelöste Formalisierung richtet, ohne deshalb das exakte Denken preiszugeben. Erfahrung und Anschauung bilden bei Wagenschein keinen Gegenentwurf zur mathematischen Rationalität, sondern den Weg, auf dem diese überhaupt zu verstehendem Vollzug gelangen soll.

Während Kathers Genealogie westlicher Mathematik also grobe inhaltliche Lücken aufweist, fehlen Beschreibungen „indigener“ Mathematik und Mathematikgeschichte dagegen vollständig. Indische, babylonische, chinesische und amerindische Mathematiken werden in der Arbeit zwar ausdrücklich genannt[16], aber nicht weiter untersucht, was für eine Studie mit dekolonialem Anspruch bemerkenswert ist. Eine derartige Untersuchung müsste jedoch in Betracht ziehen, dass sich die Mathematik im geografischen Sinne zu keiner Zeit hermetisch abgeschlossen oder zentralisiert entwickelte, sondern vielfach und auf höchst dezentrale Art als interkulturelle Brücke fungierte. Indische Zahlzeichen und Rechenverfahren gelangten über die islamische Welt nach Europa; griechische, indische und persische Traditionen wurden in der arabischsprachigen Mathematik aufgenommen und weiterentwickelt. Noch im mongolischen Eurasien des 13. und 14. Jahrhunderts lässt sich ein intensiver Austausch zwischen islamischer und chinesischer Astronomie und Mathematik beobachten, so etwa in der Übertragung islamischer astronomischer Tafeln nach China und chinesischer Kalenderkenntnisse in die persisch-arabische Wissenschaft.[17]

Unter demselben Gesichtspunkt wird auch die von Kather gebotene Darstellung eines Beginns der Mathematikgeschichte im antiken Griechenland historisch fragwürdig. Die griechische Mathematik entstand nicht voraussetzungslos, sondern knüpfte in erheblichem Umfang an ältere Wissensbestände des Vorderen Orients, insbesondere des alten Mesopotamiens, an. Auch das zeigt sich besonders deutlich an der mathematischen Astronomie jener Zeit. Griechische Gelehrte übernahmen und verarbeiteten babylonische Beobachtungsdaten, Rechenverfahren und sogar das auf der Zahl 60 beruhende Sexagesimalsystem, dessen Spuren sich bis heute etwa in der Einteilung von Winkelgraden sowie von Stunden und Minuten finden. Auch Verfahren zur Berechnung astronomischer Perioden und zur Vorhersage von Himmelserscheinungen hatten in Babylonien bereits eine lange Tradition.[18] Die von Kather dargelegte Vorstellung eines genuin griechischen Anfangs der Mathematikgeschichte verdeckt somit gerade jene historischen Vorgänge der Übernahme, Übersetzung und Weiterentwicklung, durch die mathematisches Wissen geschichtlich überhaupt erst seine jeweiligen Formen gewann. Wohlgemerkt geschieht auch dies in einer Arbeit, die einen imaginierten Vernichtungsprozess ebenjenes Wissens zu kritisieren versucht. Doch stattdessen reproduziert Kathers Kritik eines vermeintlichen westlichen Universalismus ausgerechnet dessen klassische Geografie.

Mathematische Abenteuer

Von der beabsichtigten historischen Rekonstruktion führt Kathers Argumentationsgang schließlich zur positiven Frage, wie eine von den unterstellten Gewaltverhältnissen befreite Mathematik aussehen könnte. Diese gestaltet sich bei Kather recht eigentümlich. Unter dem Titel einer „wild mathematics“ soll mathematisches Denken nicht länger durch Beweis, Widerspruchsfreiheit, Notwendigkeit oder Problemlösung konstituiert sein, sondern unter anderem fühlen, Erfahrungen verdichten, Körperlichkeit erschließen und Möglichkeiten „schmecken“. Mathematik werde so von einem Verfahren zur Bestimmung von Sachverhalten zu einer Ausdruckspraxis umdefiniert.[19]

Als Beispiel führt Kather drei gleichzeitig zu lesende Gleichungen an: „1+1=2“, „1+1=0“ und „1+1=1000“.[20] Diese drei Gleichungen sollen gemeinsam Vergewaltigungskultur, die Unmöglichkeit geforderter Glaubwürdigkeitsbeweise und, in leicht abgewandelter Form, ein darüber hinausweisendes „more-than“[21] symbolisieren. Zugleich sollen sie als Anschauungsbeispiel für mathematische Wildheit dienen.[22] Das lässt den mathematisch bewanderten Leser freilich ratlos zurück. Der Sachverhalt ist nämlich, rein mathematisch betrachtet, geradezu banal; jede der drei Gleichungen kann unter geeigneten Bedingungen zur Geltung kommen.[23] Die einzige Wildheit, die sich hier vorfindet, ist diejenige, die Kather den Gleichungen mit ihrer politisch-aktivistischen Semantik auferlegt. Insbesondere bei dem vermeintlichen Zusammenhang jener Formeln zu einer Vergewaltigungskultur handelt es sich um eine rein phantasmagorische Konstruktion, die in Kathers Arbeit grob und sprunghaft aus der Schilderung einer Individualerfahrung heraus begründet wird.

Ähnlich verhält es sich auch mit Kathers ausführlicher Rezeption eines 2017 veröffentlichten Essays der brasilianischen Theoretikerin und Aktivistin Denise Ferreira da Silvas, der den außergewöhnlichen Titel 1 (life) ÷ 0 (blackness) = ∞ − ∞ or ∞ / ∞: On Matter Beyond the Equation of Value trägt. Im mathematischen Sinne ist das Nonsens; die Ausdrücke sind aus pragmatischen Gründen undefiniert.[24] Für da Silva verwandeln sich diese Leerstellen jedoch in die Chiffre einer materia prima, eines formlosen Seins jenseits der Wertbestimmung;[25] bei Kather wird daraus wiederum eine Ressource für die Erzeugung neuer Subjektivitäten und Welten.[26] Betrachtet man die Funktion, die dem Unbestimmten hier zukommt, so gewinnt Kathers Argumentation an dieser Stelle einen geradezu esoterischen, beinahe okkulten Zug. Was beabsichtigt nicht im Horizont des betrachteten Kalküls liegt, erscheint bei ihr als Zugang zu einer tieferen ontologischen Wirklichkeit.

Dieser Einwand richtet sich nicht dagegen, mathematische Zeichen künstlerisch oder politisch zu verwenden. Das geschieht bekanntlich seit langem und kann ergebnisreich sein. Problematisch ist, dass Kathers Dissertationsschrift solch eine Symbolik als Überwindung der Mathematik innerhalb der Mathematik ausgibt. Eine Gleichung, die nicht wahr sein muss, keine festgelegte Interpretation besitzt und ausdrücklich Widerspruchsfreiheit und Notwendigkeit abstreift, ist keine besonders fruchtbare Gleichung. Sie ist überhaupt keine Gleichung mehr, sondern eine graphisch als Mathematik kostümierte Metapher. Bereits da Silvas Setzung der Eins als Leben und der Null als Schwärze lässt sich nur als eine strikt künstlerische Setzung auffassen. Kathers intendierter Transfer dieser in einen wissenschaftlichen Kontext präsentiert sich im Gesamtbild nur noch suggestiv; er transportiert schlicht keinen fassbaren Erkenntnisgewinn.

„Mathematische“ Gegenaufklärung

The Epistemic Violence of Mathematics holt in mehrfacher Hinsicht auf höherer Ebene gerade jene Struktur zurück, deren Überwindung das Buch verspricht. Insbesondere stehen auf der einen Seite Ordnung, Rationalität und ein „Human“; dem gegenübergestellt werden Wildheit, Somatik und ein „more-than-human“[27]. Zugleich wird die Vielzahl der von Kather nur abstrakt angeführten indigenen, schwarzen, weiblichen und neurodivergenten Erfahrungen ihrerseits einer einzigen Gegenstruktur eingeordnet. Unterschiedlichste geschichtliche und kulturelle Formen gelten nach Kather als verwandt, insofern sie sich als Abweichung vom „Mathematics-Rationality-Human Continuum“ lesen lassen. Kathers erklärter Kampf gegen sogenanntes binäres Denken produziert so seine eigene umfassende Binärität.[28] Aus der Kritik einer Vereinnahmung entsteht eine neue Vereinnahmung. In anderen Worten: Differenz darf verschieden sein, sofern sie „wild“ ist.

„Wild mathematics“ sei, so Kather, gerade nichts Neues, sondern müsse „re-membered“ und „re-collected“ werden; sie habe immer schon an den Rändern der mathematisch-rationalen Welt gelebt.[29] Die Zukunft erscheint bei ihr damit als Wiedergewinnung eines vermeintlich verschütteten Ursprünglichen. Gerade weil diese Gestalt als dasjenige erscheint, was unter den Schichten westlicher Rationalität „immer schon“ vorhanden gewesen sei, gerät Kathers dekolonial-queerfeministischer Ansatz somit letztlich zu einem vereinnahmenden Regress auf einen herbeigesehnten Naturzustand. Sogenannten marginalisierten Wissensformen wird dabei die philosophische Rolle zugeschrieben, eine verlorene Unmittelbarkeit von Körper, Gefühl und Beziehung zu verwahren, die die westliche Rationalität vermeintlich zerstört habe.[30] Kathers Programm berührt damit einen romantischen Kern der Gegenaufklärung, in dem Emanzipation als Wiedergewinnung einer vor-liegenden Unmittelbarkeit erscheint. Fortschritt bedeutet bei Kather nicht etwa die reflexivere Ausbildung universaler Formen, sondern das „re-membering“ eines angeblich immer schon vorhandenen Wilden, das Rationalisierung lediglich verschüttet habe.

Folgt man schließlich Kathers bevorzugter Gestalt (ungeordnet statt geordnet, relational statt bestimmt, fühlend statt rational, körperlich statt abstrakt, usw.), finden sich tatsächlich unter den historisch ursprünglichen Formen der Mathematik, wie sie auf frühen Tontafeln aus dem alten Mesopotamien überliefert sind, die größten Ähnlichkeiten zu einer anscheinend wilden Mathematik. Diese genoss in den mesopotamischen Gesellschaften allerdings einen zur methodischen Wahrsagung vergleichbaren gesellschaftlichen Status. Der mathematische Gedanke war zudem vergleichsweise roh und formlos, und doch keineswegs irrational. Der mesopotamischen Kultur allgemein die Ziel- und Zweckgerichtetheit ihrer Mathematik abzuerkennen, wäre ahistorisch.

Es drängt sich also die Frage nach Kathers eigener epistemischer Praxis auf. Wird, vorsichtig zugespitzt, die Riemannsche Vermutung nicht etwa durch eine Synergie mathematischer Bemühungen beantwortet werden, sondern frei nach dem menschlichen Geschmackssinn? Spätestens an dieser Stelle, Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, tritt die Absurdität von Kathers Emanzipationsversprechen deutlich hervor. Die von ihr geforderte Befreiuung von epistemischer Autorität, die den Verlust des Vertrauens in tradierte epistemische Praxis zum Anlass nimmt, die Privilegierung subjektiver Kritierien einzufordern, führt letzten Endes zu einer Unmöglichkeit des erkenntnisorientierten Sprechens über (mathematische) Sachverhalte überhaupt. Wer eine Gleichung nach mathematischen Kriterien zurückweist, kann innerhalb Kathers Schema kaum mehr bloß einen mathematischen Einwand erheben; er steht stets in der Gefahr, ebenjene Rationalitätsordnung zu reproduzieren, deren Gewalt die Theorie zuvor vorausgesetzt hat. Andersherum gewendet erscheint infolgedessen jede getätigte Behauptung gleichermaßen als wahr und falsch unbestimmbar, denn könne man sie verifizieren, würde man im selben Zuge ihr klassisches logisches Gegenteil falsifizieren. Kathers theoretisches Argument immunisiert sich also gegen jede Form fachlich fundierter Kritik.

Für die Theorie, die Kather im Rahmen ihrer Dissertationsschrift entwickelt, bleibt daher nur die Bezeichnung „pseudomathematisch“ übrig. Sie behält den Namen der Mathematik bei und gibt im selben Moment sämtliche Kriterien preis, an denen sich bemisst, ob etwas Mathematik ist. Übrig bleibt eine Praxis, die sich mathematisch nennt, ohne dass noch anzugeben wäre, woran ihr Gelingen oder Scheitern zu erkennen sein sollte, eine Praxis, die eo ipso unkommunizierbar wird. Als künstlerischer Versuch wäre Kathers „wild mathematics“ besser aufgehoben. Die Hervorhebung von Erfahrung, das Erschließen von Körperlichkeit, das Schmecken von Möglichkeit sind allesamt Verfahren, für die es der mathematischen Nomenklatur gar nicht bedürfte. Ihre gesamte Brisanz bezieht Kathers Konzeption ausschießlich daraus, dass sie beansprucht, Mathematik zu sein. Mittels der Autorität des vorliegenden Begriffes probiert Kather diesen in ihre dekolonial-queerfeministische Machtideologie einzuordnen. Die verschieden aufgezeigte Zirkularität dieses Vorgangs ist daher unvermeindlich.

Fazit

The Epistemic Violence of Mathematics und seine gegenaufklärerische Theorie könnten zunächst den Eindruck eines grundsätzlichen Angriffs auf das exakte Denken erwecken. Dieser Eindruck dürfte jedoch weniger Kathers eigentlicher Intention entspringen als einer verkürzten Vorstellung mathematischer Ursprünge und der daran anschließenden, schwer überblickbaren Geschichte mathematischen Geschehens an all seinen verschiedenen Schauplätzen in der Welt. Gegen Moderne und Aufklärung richtet sich die Arbeit demgegenüber sehr wohl und mit einer programmatischen Eindeutigkeit. Der Großteil ihrer Polemik gilt gerade den Strukturmerkmalen der mathematischen Disziplin, die in der Moderne ihre entschiedenste Ausbildung erfuhren und Mathematik schließlich zu einem paradigmatischen und erfolgreichen Medium aufgeklärter Erkenntnis werden ließen.

Abschließend wird auch die ontologische Grundfigur der Arbeit sichtbar. Für Kathers dekolonial-queerfeministische Theorie fungiert die konzeptionelle Unterdrückung (insbesondere in kolonialer Spielart) geradezu als eine politisch präformierte und gefühlsgeprägte mathesis universalis, eine vorausgesetzte patikulare Grundordnung, über die sich die Gestalten der von ihr betrachteten Gegenstände überhaupt erst lesen lassen. Mathematik, Objektivität, Subjektivität und in nicht geringerer Weise Seinsmöglichkeiten überhaupt werden in Kathers Theorie durchgängig vom Primat einer als kolonial-patriarchal bestimmten Unterdrückungsordnung her bestimmt, wohingegen die eigentliche Genese der Untersuchungsgegenstände sekundär erscheint. In diesem theoretischen Spiel wird sogar Kathers fragwürdige Darstellung der Mathematikgeschichte für die eigene Entwicklung ihrer Theorie praktisch unerheblich.

Kathers Arbeit ist deshalb interessant, bloß gewiss in einem anderen Sinne, als sie selbst beabsichtigt. Sie ist ein erstaunlich klares Dokument dafür, wie dekoloniale Theorie eine derartige Ontologie der Vereinnahmung transportieren kann, sodass am Ende selbst 1+1=2 zum Schauplatz kolonial-patriarchaler Weltbildung wird. Kathers Arbeit ist ein Kunststück postmoderner Gegenaufklärung.

[1] Kather, S. 155, eig. Übers.

[2] Kather, S. 18. Der Neologismus „thinking-being“ bezeichnet zugleich das denkende Wesen und die Praxis seines Denkend-Seins. Die philosophische Pointe gewinnt Kather aus der englischen Doppeldeutigkeit von being als „Sein“ und „Wesen“; der Bindestrich hat entsprechend einen nicht unerheblichen Teil der ontologischen Vermittlungsarbeit zu leisten.

[3] Zur Kritik aktivistischer Wissenschaft vgl. Thomas Land, Die konformistische Rebellion des Abolitionismus von Daniel Loick und Vanessa E. Thompson. Wie der Politaktivismus die theoretische Begriffsbildung ruiniert, Kritiknetz 2023; Ingo Elbe, Antisemitismus und postkoloniale Theorie. Der „progressive“ Angriff auf Israel, Judentum und Holocausterinnerung, 2. Aufl., Berlin 2024; Paul Boghossian et al., Report on the State of Scholarship in the Humanities and the Humanistic Social Sciences, Vanderbilt University / Washington University in St. Louis 2026.

[4] Vgl. Ingo Elbe, Gestalten der Gegenaufklärung. Untersuchungen zu Konservatismus, politischem Existentialismus und Postmoderne, 2., überarb. Aufl., Würzburg 2021.

[5] Vgl. Elias Hechinger, Postkoloniale Gegenaufklärung. Klimawissenschaft, Kosmologie und die Provinzialisierung des Wissens, Kritiknetz / Archiv für kritische Gesellschaftstheorie, 2026, im Anschluss an Ingo Elbe, insb. S. 1–3. Hechinger bündelt die Problematik in vier miteinander verschränkten Momenten: Ausweitung des Gewaltbegriffs, Kulturalisierung wissenschaftlichen Universalismus, Projektion indigener Akteure als epistemisches Gegenbild und Abstraktheit der Epistemologiekritik.

[6] Darunter ein mehrmals als „Bishop 1990“ zitierter, im Literaturverzeichnis allerdings nicht nachgewiesener Titel.

[7] Vgl. hierzu und im Nachfolgenden S. 15-18.

[8] Der Begriff des „continuum“ besitzt in Kathers Arbeit eine auffällige Universalzuständigkeit. Neben dem „Mathematics-Rationality-Human Continuum“ finden sich unter anderem ein „reason-human continuum“, ein „continuum of the normative and the epistemic“, ein „Mathematics-Thinking continuum“, ein „Mathematics-Human continuum“, ein „Thinking-Being Continuum“ sowie verschiedene „continua of violence“. Vgl. Kather, S. 32 f., 38, 46 f., 80 f., 84–87, 117.

[9] Vgl. Kather, S. 47–51.

[10] Dies bedeutet freilich nicht, dass die deduktive Mathematik mit Euklid voraussetzungslos begonnen hätte. Euklids Elemente bündeln vielfach ältere Traditionen; sie bilden jedoch den klassischen überlieferten Text, in dem die axiomatisch-deduktive Gestalt der Mathematik erstmals in umfassender Form ihre Konkretion erfährt. Über Jahrhunderte blieb dieses Werk für die Entwicklung der Mathematik paradigmatisch.

[11] Vgl. Kather, S. 66-80, bes. S. 79 f.

[12] Hierbei handelt es sich nur um einige wenige Beispiele.

[13] Vgl. grundlegend Ernst Cassirer, Substanzbegriff und Funktionsbegriff. Untersuchungen über die Grundfragen der Erkenntniskritik, Berlin 1910; Heinrich Rombach, Substanz, System, Struktur. Die Ontologie des Funktionalismus und der philosophische Hintergrund der modernen Wissenschaft, Bd. 1, Freiburg/München 1965.

[14] Kather, S. 147.

[15] Vgl. Martin Wagenschein, Ursprüngliches Verstehen und exaktes Denken. Pädagogische Schriften, Stuttgart 1965.

[16] Vgl. Kather, S. 66.

[17] Eine grundlegende Übersicht bietet George Gheverghese Joseph, The Crest of the Peacock. Non-European Roots of Mathematics, 3. Aufl., Princeton 2010, bes. S. 12–28, 453–455.

[18] Eine umfassende Darstellung findet sich bei Otto Neugebauer, The Exact Sciences in Antiquity, 2. Aufl., Providence 1957.

[19] Vgl. zu diesem Absatz Kather, S. 160 f., 169 f., 173, 176 f.; zusammenfassend S. 198.

[20] “I created in order to give mathematical expression to rape culture: 1+1equals2 and 1+1equals0 and 1+1equals1000. The first equation describes the logic the survivor-victim is evoked to Fulfill: Give us proof and we will believe you is a 1+1equals2 logic. 1+1equals0 describes the how proving [sic] the credibility requested of the survivor-victim is systemically unfulfillable. 1+1equals1000 symbolizes the immensity of possibility that lies within and beyond the confinements of said unfulfillable credibility.” Kather, S. 162.

[21] Dazu genügt es offenbar, die dritte Gleichung um einige Nullen zu erweitern: „1+1equals1000000000“ soll wiederum ein „being more-than“ ausdrücken. Kather, S. 134.

[22] “Wild mathematics is a practice of language-making. Here again, 1+1equals2 and 1+1equals0 and 1+1equals1000 provide examples.” Kather, S. 163.

[23] In der Arithmetik modulo 2 bezeichnen 0, 2 und 1000 dieselbe Restklasse (denselben Rest bei der Division durch 2). Daher gelten dort 1+1=0, 1+1=2 und 1+1=1000 zugleich.

[24] Wäre etwa der Ausdruck 1÷0 definiert, etwa 1÷0 = n, so gälte durch simples Multiplizieren auf beiden Seiten der Gleichung, dass 1 und 0 einander entsprächen: 1 = n · 0 = 0. Bei ∞ – ∞ und ∞ / ∞ wiederum handelt es sich um unbestimmte Formen aus der Analysis, welche schlicht anzeigen, dass aus einem unbestimmten Grenzwertausdruck (noch) nichts folgt.

[25] Vgl. Kather, S. 172.

[26] Vgl. Kather, S. 174 f.

[27] Kather, S. 188.

[28] Bezeichnenderweise fasst Kather diese Gegenordnung selbst als „a continuum of resistance, a continuum of wild, and of more-than-human thinking-being“ auf. Kather, S. 198.

[29] Vgl. Kather, S. 160, 199.

[30] Vgl. Kather, S. 160, 169 f., 188 f., 198 f.

 


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