Text/Vortrag im Archiv für kritische Gesellschaftstheorie
Der Aufsatz „Epistemische Gewalt in der eurozentrischen Wissensproduktion“ von Julian Prugger und Michael Reder, erschienen in Leviathan 53/2 (2025), verfolgt einen dezidiert postkolonialen Zugriff auf die globale Klimadebatte. Ausgehend von der These, dass „neutrales“ naturwissenschaftliches Wissen Gewalt impliziere, analysieren die Autoren am Beispiel des REDD+‑Programms (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation) Formen „epistemischer Gewalt“, durch die indigene Wissenssysteme marginalisiert, funktionalisiert und letztlich in ihrer eigenen Möglichkeit zur Selbstrepräsentation beschädigt würden. Im Namen situierten, pluralen Wissens fordern sie ein „Verlernen kolonialer Wissensformen“ (210) sowie neue Formen „epistemischer Kooperation“ (227) zwischen eurozentrischer Klimawissenschaft und indigenen Kosmologien.
Der Beitrag steht damit exemplarisch für eine Strömung postkolonialer Theorie, die Ingo Elbe (2021, 2026) in seiner Kritik an Dipesh Chakrabarty, Hans-Georg Gadamer und anderen post- und dekolonialen Autoren als „Gestalten der Gegenaufklärung“ charakterisiert hat: Universelle Geltungsansprüche wissenschaftlicher Rationalität werden nicht primär korrigiert und präzisiert, sondern als koloniales Herrschaftsinstrument denunziert, um partikularistische, oft spiritualistisch aufgeladene Wissensformen als gleichrangige oder gar überlegene Alternativen zu etablieren. Diese Provinzialisierung von Wissenschaft bleibt nicht folgenlos. Im Kontext von Klimapolitik und Forstwirtschaft droht sie, jene naturwissenschaftlichen Instrumente zu delegitimieren, die für die Erfassung, Modellierung und politische Regulierung globaler Entwaldungsprozesse unverzichtbar sind.
Der vorliegende Rezensionsessay setzt an dieser Stelle an. Er liest Pruggers und Reders Text aus der Perspektive einer aufklärerisch inspirierten Ideologiekritik, die an einem fallibilistischen Universalismus von Wahrheit und Freiheit festhält. Einerseits wird anerkannt, dass koloniale Wissensordnungen reale Ausschlüsse produziert haben und dass Programme wie REDD+ erhebliche Probleme der Landnahme, Monopolisierung und funktionalistischen Integration indigener Akteure aufweisen. Andererseits wird die zentrale Kategorie der „epistemischen Gewalt“ als begrifflich inflationär und theoretisch verfehlt zurückgewiesen. Indem sie jede asymmetrische Wissensordnung und jeden universalen Geltungsanspruch unter Gewaltverdacht stellt, verwischt sie die Grenze zwischen notwendiger Kritik und tatsächlicher Entmündigung und verkehrt wissenschaftliche Selbstreflexion in eine pauschale Selbstbezichtigung des „Westens“.
(Zuerst erschienen auf: Kritiknetz.de 10.5.2026. https://www.kritiknetz.de/ideologiekritik/1615-postkoloniale-gegenaufklaerung)
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