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Der Film „Palästina 36“ ist ein Affront gegen die Geschichte

Erscheinungsjahr: 2026

Für das US-amerikanische Medium The Free Press verfasste Oren Kessler, Autor des Werks Palästina 1936, zu Beginn des Jahres 2026 eine Rezension zum Film „Palästina 36“, deren Kurzform wir im Folgenden auf Deutsch wiedergeben.

Das Genre der Filmkritik ist eines, in dem ich normalerweise nicht schreibe. Aber in diesem Beitrag geht es um mehr als nur darum, ob dieser spezielle Film zwei Stunden Ihrer Zeit wert ist. Es geht um die belastete Vergangenheit und die unruhige Gegenwart, um die historische Aufarbeitung und darum, wie staatliche Medien das öffentliche Verständnis eines äußerst komplexen Themas bereichern und fördern können – oder genau das Gegenteil bewirken.

Wenn es eine auf düstere Weise positive Folge der Schrecken gibt, die den Nahen Osten seit der von der Hamas angeführten Invasion Israels am 7. Oktober 2023 heimgesucht haben, dann ist es das wiedererwachte öffentliche Interesse an den Ursprüngen des Konflikts. Es ist eine Geschichte, mit der ich überaus vertraut bin: Mein Buch Palästina 1936: Der Große Aufstand und die Wurzeln des Nahostkonflikts,[1] das nur wenige Monate vor den Angriffen erschien, zeichnet ein wegweisendes Kapitel des Konflikts und seine bis heute andauernden Folgen nach.

Dieses wiederauflebende Interesse zeigt sich auch in der Filmindustrie: Von den 15 Filmen, die für den diesjährigen Oscar für den besten internationalen Spielfilm auf der Shortlist stehen, drehen sich drei um palästinensische Geschichten – zwei davon sind Historienfilme. Einer trägt den Titel „Palästina 36“.[2]

Unter der Regie von Annemarie Jacir und mit maßgeblicher Finanzierung[3] durch das British Film Institute (BFI), BBC Film, das Doha Film Institute aus Katar und den staatlichen türkischen Sender TRT trotzt „Palästina 36“ den historischen Aufzeichnungen (und erfindet solche bisweilen sogar eigens), um die Vergangenheit im Dienste einer zeitgenössischen politischen Agenda umzuschreiben.

Präsentiert wird der Arabische Aufstand von 1936-1939 als Moralstück über koloniale Grausamkeit und arabischen Widerstand, während die von den Ausschreitungen hauptsächlich betroffene Gruppe, die Juden im Mandatsgebiet Palästina, bestenfalls als stimmlose Pantomimenfiguren dargestellt wird. In den schlimmsten Momenten sind Juden korrupte Figuren hinter den Kulissen, auf die angespielt wird, die aber kaum zu sehen sind.

Ich habe eine ganze Reihe von Einwänden gegen diesen Film, beschränke mich jedoch auf drei seiner gravierendsten Mängel:

  1. Die völlige Verzerrung der Darstellung, wie Juden Land erworben haben (jedes Stück Land, das sie besaßen, wurde bezahlt – es wurde ihnen nicht von perfiden Briten „übertragen“).
  2. Das völlige Fehlen einer Person namens Hajj Amin al-Husseini[4] (vielleicht haben Sie schon einmal von ihm gehört).
  3. Das Ausblenden der fast 400.000 Juden, die 1936 im Mandatsgebiet Palästina lebten. Ich meine das nicht im übertragenen Sinne. Ich meine, dass die Anzahl der Worte, die in diesem Film von Juden gesprochen werden, dieselbe ist wie die Spieldauer des Films in Stunden: Zwei.

Es ist der letzte dieser Punkte, der die eklatanteste Auslassung darstellt. Nach acht Minuten, bei einer Feier zur Einweihung der Palestine Broadcasting Corporation, schiebt der Hochkommissar für Palästina, Arthur Wauchope – gespielt vom Oscar-Preisträger Jeremy Irons – eine namenlose Gestalt mit einem künstlichen Bart ans Mikrofon, damit sie „Kol Yerushalayim“ („Die Stimme Jerusalems“) intoniert, bevor ein namenloser arabischer Würdenträger das entsprechende „Iza’at al-Quds“ ausspricht. Eine spätere Szene zeigt jüdische Einwanderer in der Ferne, die zwar stumm bleiben, aber unübersehbar hellhäutig sind und hinter einer Kibbuz-Mauer fleißig schuften. Und das war’s. Es handelt sich um eine eklatante, ungeheuerliche Auslassung.

Wir haben es also zu tun mit einem Film über einen arabischen Aufstand gegen Juden, aus dem Letztere geradezu wegretuschiert wurden, weil die Filmemacherin offenbar wünscht, sie wären gar nicht erst da gewesen. Aber Wunschdenken ist das eine – die Wahrheit sieht anders aus.

Auf dem Werbeplakat des Films für die arabische Welt erkennt man neben Irons vielleicht Liam Cunningham (Davos Seaworth in „Game of Thrones“) und Robert Aramayo (den jungen Eddard Stark in derselben Serie). Was man nicht sieht, ist auch nur eine einzige jüdische Figur, denn sie wurden aus dem Film herausgewünscht.

Der Film hat durchaus seine Vorzüge: Das Archivmaterial wurde gekonnt restauriert, koloriert und in den Film eingebunden. Es gibt ein paar belustigende Momente, wie zum Beispiel, als ein arabisches Kind einem britischen Besucher den Esel seiner Familie als „Balfour – Lord Balfour“ vorstellt. Mehrere der arabischen Darsteller – viele von ihnen israelische Staatsbürger – liefern überzeugende Darbietungen, aber:

Aus historischer Sicht handelt es sich um ein gewissenloses Fiasko.

Bis vor einem Jahr trug der Film noch den Titel „All Before You“.[5] Damals war ich über die Änderung verwirrt (es gibt – falls das noch der Klärung bedarf – keinen Zusammenhang zwischen meinem Buch und dem Film), aber der Titel allein wäre kein Grund für einen Kommentar gewesen. In diesem historisch ungebildeten Zeitalter sehr wohl kommentarbedürftig ist meiner Meinung nach jedoch die Treue des Films gegenüber den historischen Aufzeichnungen.

Von Katar oder der Türkei, neben dem Iran zwei der wichtigsten staatlichen Unterstützer der Hamas, ist nichts anderes zu erwarten. Vom BFI und der BBC jedoch, meine ich, kann und muss man Besseres verlangen. Ebenso von den Oscars.

[1] https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/oren-kessler-palaestina-1936-9783446282902-t-5561.

[2] Letztlich hat es der Film nicht zur Nominierung gebracht [Anm. d. Ü.].

[3] Siehe https://deadline.com/2025/02/mk2-amp-lucky-number-annemarie-jacir-palestine-36-jeremy-irons-hiam-abbass-1236280450/.

[4] Siehe https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/hajj-amin-al-husayni-the-mufti-of-jerusalem; ausführlich zur Rolle des NS-Kollaborateurs Amin al-Husseini im Arabischen Aufstand von 1936-1939, siehe – neben Oren Kesslers genanntem Buch – auch https://www.hentrichhentrich.de/buch-schattenarmee.html [Anm. d. Ü.].

[5] Siehe https://www.thefilmcollaborative.org/fiscalsponsorship/projects/allbeforeyou.

 


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