Text/Vortrag im Archiv für kritische Gesellschaftstheorie
Der vorliegende Beitrag untersucht Ghada Sasas Aufsatz Oppressive Pines: Uprooting Israeli Green Colonialism and Implanting Palestinian A’wna nicht als bloßen Einzeltext, sondern als exemplarischen Fall eines Argumentationsmusters, das in Teilen der gegenwärtigen Sozial- und Geisteswissenschaften zunehmend an Einfluss gewonnen hat. Im Zentrum steht die Frage, wie sich postkoloniale Theorie, akademischer Aktivismus und geschichtspolitische Deutungsmuster in einem Text verbinden, der vorgibt, israelische Umwelt- und Forstpolitik zu analysieren, tatsächlich jedoch ein bereits feststehendes kolonialismustheoretisches Deutungsraster auf seinen Gegenstand anwendet. Die Analyse rekonstruiert zunächst Sasas theoretisches Programm, insbesondere ihre Verwendung des Settler-Colonial-Paradigmas und des Begriffs „green colonialism“, und arbeitet sodann die methodischen, historischen und umweltpolitischen Probleme dieser Argumentation heraus. Gezeigt wird, dass konkurrierende historische Deutungen, innerisraelische forstpolitische Debatten, ökologische Zielkonflikte sowie palästinensische Fachliteratur zur Mehrdimensionalität von Entwaldung und Ressourcennutzung systematisch marginalisiert oder in ein moralisches Täter-Opfer-Schema integriert werden. Der vorliegende Beitrag versteht sich daher nicht als Rezensionsessay im engeren Sinne, sondern als Untersuchung einer Form gegenwärtiger Analyse, in der wissenschaftliche Argumentation zunehmend durch aktivistische, normative und theoretisch vorstrukturierte Deutungsmuster überformt wird.
Schlagwörter: Postkolonialismus; Antizionismus; Forstpolitik; Nahostkonflikt; Wissenschaftskritik.
This article examines Ghada Sasa’s Oppressive Pines: Uprooting Israeli Green Colonialism and Implanting Palestinian A’wna not merely as an isolated text, but as an exemplary case of an argumentative pattern that has gained increasing influence in parts of contemporary social sciences and humanities. It asks how postcolonial theory, academic activism, and politics of historical interpretation converge in a text that claims to analyse Israeli environmental and forest policy, yet in fact applies a preconceived colonialism-theoretical framework to its subject matter. The article first reconstructs Sasa’s theoretical programme, especially her use of the settler-colonial paradigm and the concept of “green colonialism,” and then identifies the methodological, historical, and environmental-policy problems that follow from it. It argues that competing historical interpretations, internal Israeli forestry debates, ecological trade-offs, and Palestinian specialist literature on the multidimensional causes of deforestation and resource use are systematically marginalised or absorbed into a moralised victim-perpetrator schema. This text is therefore not conceived as a review essay in the narrow sense, but as an analysis of a form of contemporary scholarship in which argumentation is increasingly overlaid by activist, normative, and theoretically pre-structured modes of interpretation.
Keywords: Postcolonialism; Anti-Zionism; Forest Policy; Middle East conflict; Critique of Science.
Der Aufsatz „Oppressive Pines: Uprooting Israeli Green Colonialism and Implanting Palestinian A’wna“ von Ghada Sasa (2023) verbindet postkoloniale Theorie, Umweltpolitik und den israelisch-palästinensischen Konflikt zu einer umfassenden antizionistischen Großerzählung. Die folgende Analyse argumentiert, dass der Beitrag weniger durch die Untersuchung konkreter Umwelt- und Forstpolitik als durch die Anwendung eines bereits feststehenden kolonialismustheoretischen Deutungsrasters geprägt ist. Unter dem Etikett einer Analyse israelischem „green colonialism“ entwickelt Sasa ein dichtes Netz aus theoretischen Schlagworten. Es wird vom „apartheid state“, „settler colonialism“ bis hin zur „Europeanisation“ und „Judaisation“ Palästinas gesprochen. Im Endeffekt werden weniger historische und ökologische Zusammenhänge analysiert als moralische Schuldzuweisungen organisiert.[1]
Gerade weil Sasa ihre Anklage in die Sprache kritischer Umweltpolitik kleidet, fällt zudem auf, was im Text nicht vorkommt: die real existierenden forstwissenschaftlichen und forstpolitischen Debatten in und über Israel. Seit Jahrzehnten wird dort – wie in vielen anderen Ländern auch – kontrovers darüber gestritten, welche Baumarten geeignet sind, welche Folgen historische Aufforstungsprogramme hatten, wie Naturschutz, Biodiversität, Klimaschutz, Erholungsfunktion und soziale Interessen gegeneinander abzuwägen sind und welche Fehler frühere forstliche Strategien aufweisen (Perevolotsky und Sheffer 2009; Schorr 2014; Rothschild 2019; Pearce 2019; Klein 2020; Tal und Billig 2020). Diese Konflikte und Zielkonflikte bleiben bei Sasa weitgehend unsichtbar. Israelische Wälder, Nationalparks und Naturschutzgebiete erscheinen stattdessen ausschließlich als Instrumente einer kolonialen „Eliminierung der Indigenen“.
Damit verweist der Aufsatz auf ein grundlegenderes Problem. Obwohl er den Anspruch erhebt, einen Beitrag zu umweltpolitischen und ökologischen Debatten zu leisten, ersetzt er die Analyse konkreter Umweltpolitik weitgehend durch moralische Zuschreibungen und identitätspolitische Kategorien. Empirische Ambivalenzen, konkurrierende Erklärungen und fachliche Kontroversen werden nicht untersucht, sondern in ein bereits vorgegebenes Deutungsmuster eingeordnet. Wissenschaftliche Erkenntnis entsteht hier nicht durch die kritische Prüfung von Hypothesen, sondern durch die Anwendung einer Theorie, deren Ergebnis von Beginn an feststeht.
Der vorliegende Beitrag versteht Sasas Aufsatz daher nicht primär als Untersuchung israelischer Umwelt- oder Forstpolitik, sondern als Symptom einer weiterreichenden Entwicklung, nämlich der Tendenz, historische Komplexität, wissenschaftliche Kontroversen und empirische Ambivalenzen zugunsten moralisch aufgeladener Täter-Opfer-Schemata aufzulösen. Die folgende Analyse ist deshalb ausdrücklich nicht als klassische Rezension eines Einzeltextes angelegt. Sie behandelt „Oppressive Pines“ vielmehr als exemplarischen Fall eines breiteren Argumentationsmusters, das in weiten Teilen post- und dekolonialer Debatten zunehmend an Einfluss gewonnen hat.[2] Im Zentrum steht daher weniger die Korrektur einzelner historischer oder empirischer Aussagen als die Rekonstruktion jener theoretischen und methodischen Voraussetzungen, aus denen diese Aussagen hervorgehen. Dass ein derart einseitiger und methodisch schwacher Text in einer renommierten, peer-reviewten Fachzeitschrift erscheinen konnte, wirft dabei nicht zuletzt Fragen nach den gegenwärtigen Qualitätsstandards akademischer Begutachtungsprozesse auf.
Sasa entwickelt ihre Argumentation zunächst, indem sie israelischen „green colonialism“ in zwei größere historische Zusammenhänge einbettet: in die Geschichte des Zionismus und in diejenige „westlicher“ Umweltpolitik. Zionismus erscheint als europäische, von Beginn an siedlerkoloniale Bewegung, die Palästina als Standort eines zukünftigen jüdischen Staates anvisiert und in deren Verlauf „hundreds of thousands of mostly European Jews“ in das Land einwandern, zwei Drittel der „Indigenous population of Palestine“ vertreiben und auf 78 % des Territoriums die „settler colony ‚Israel‘“ (221) errichten. Kolonialismus wird als europäisches Eroberungsprojekt seit 1492 gefasst, das den Globalen Süden „racialised, […] feminised, […] and sexualised […]“ (221) sowie in kapitalistische Ausbeutungsstrukturen einbindet;[3] Siedlerkolonialismus unterscheidet sich davon durch seinen „genocidal character“ (221), da er nicht nur Strukturen, sondern letztlich Völker selbst auslöschen wolle.
Parallel dazu zeichnet sie „modern environmentalism“ (221) als Produkt kolonialer Verwaltungen, die Naturschutzinstrumente wie Wälder, Reservate und Nationalparks entwickelt hätten, um Ressourcen zu sichern, Landnahme zu erleichtern und indigene Gemeinschaften unter dem Deckmantel ökologischer Sorge zu vertreiben. Unter Rückgriff auf Richard Grove spricht sie hier von „green colonialism“ und versteht darunter die „weaponisation“ ökologischer Diskurse zur Durchsetzung „of White supremacist, patriarchal, and capitalist aims“ (222); Israel wird als nachträglicher Akteur in diese Linie gestellt, der „Biocentrism“ , verstanden als die Produktion von einer „duality between the ‘environment’ and humanity, where the interests of the latter […] are neglected or even readily suppressed in the noble name of protecting the former“ (222) übernimmt, Schutzgebiete einrichtet und Umweltgruppen zu politischen Fragen zum Schweigen bringe.
Von diesem theoretischen Rahmen ausgehend beschreibt Sasa die israelische Schutzgebietspolitik als Instrument der Kolonisierung. Sie verweist auf mindestens 380 Naturreservate und 115 Nationalparks, die als „green colonies“ (223) fungierten, also als „grüne“ Träger von Landnahme und ethnischer Säuberung. Anhand einer Karte der Natur- und Parkbehörde Israels argumentiert sie, diese Gebiete seien gezielt in vier Regionen konzentriert: um Jerusalem, im Westjordanland und auf den Golanhöhen, im Süden des israelischen Kerngebiets sowie im Norden, also dort, wo noch viele der „original inhabtitants of 1948 Palestine still reside“ (223); demgegenüber seien die überwiegend jüdischen Zentral- und Tel-Aviv-Distrikte nahezu frei von Schutzgebieten. Während das Außenministerium Nationalparks und Reservate als Schutz von Natur, historischen und archäologischen Stätten ausweist, betont Sasa, dass Palästinenser mit Ausweisung ihrer Flächen als Park oder Reservat faktisch die Möglichkeit verlören zu bauen, Felder zu bestellen oder Familien zu gründen, während „Jewish colonists“ (223) in Einzelfällen sogar Wohnbebauung und großflächige Projekte innerhalb solcher Gebiete genehmigt bekämen. Hinzu komme, dass viele dieser „green colonies“ auf zuvor von Israel selbst bepflanztem Land lägen und „devoid of any significant archaeological findings or natural treasures“ (224) seien; Aufforstung fungiere damit als frei disponibler Marker staatlicher Präsenz, der bei späteren Infrastrukturprojekten auch wieder entfernt werden könne. Sasa resümiert:
„From concentrating protected areas in Palestinian-majority regions to dispossessing their Indigenous inhabitants, Israel evidently employs environmental policies to colonise Palestine inconspicuously, rather than enhance the non-human environment.“ (224)
Im Abschnitt zur „green wall“ (224) rückt Sasa die Funktion dieser Schutzgebiete als Barriere gegen die Rückkehr von Flüchtlingen in den Vordergrund. Kurz nach der Besetzung weiterer palästinensischer Gebiete sei die „Green Line“ (224) durch Baumpflanzungen befestigt worden, um den Westjordanlandraum räumlich vom übrigen historischen Palästina abzuschneiden, die Bewegungsfreiheit der dort lebenden – überwiegend als Flüchtlinge registrierten – Palästinenser weiter einzuschränken und die Überwachung zu erleichtern. Ähnlich würden in der Wüste Negev Aufforstungsprojekte eingesetzt, um beduinische Weidenutzung und Siedlungsformen zu unterbinden; Beduinen, die in traditionellen Gebieten verblieben, würden als „‘invaders’“ (224) gerahmt. Ergänzend verweist sie auf rechtliche und ökonomische Ausschlussmechanismen. So müssten Palästinenser, die nach Ausweisung ihrer Flächen als Wald oder Park weiterhin Felder bestellen oder betreten, mit Geldstrafen, Verhaftungen und Gewalt unter dem Vorwurf unerlaubten Betretens und Schädigung der Umwelt rechnen; Zäune, Eintrittsgebühren und differenzierte Tarife – etwa Rabatte nur für jüdische Besucher – vertieften diesen Ausschluss.[4] Symbolisch stellt sie dies in den Kontext kolonialer Eigentumsideologien, in denen Landbesitz an „‘civilized’ individuals or nations“ (224) gebunden wird. Der Jüdische Nationalfonds (JNF) habe palästinensisches Land aufgeforstet, nachdem man den Palästinensern mangelnde Bewirtschaftung vorgeworfen habe, während gleichzeitig Olivenbäume, Kakteen und andere vegetative Eigentumsmarker systematisch zerstört würden. Statistisch unterlegt sie diese Deutung mit dem Hinweis, dass „green colonies“ etwa 44 % der 1948 entvölkerten Dörfer überdecken und große Teile der Golanhöhen als geschützte Flächen, Militärzonen oder „vakant“ ausgewiesen seien; insgesamt seien rund 88 % des kolonisierten Territoriums auf diese Weise blockiert, während nur ein kleiner Teil des Landes real von der jüdischen Mehrheitsbevölkerung bewohnt werde, was in ihren Augen die physische Möglichkeit einer palästinensischen Rückkehr belege: „Hence, following the dismantlement of Israeli settler colonialism, including its green variant, Palestinian return is entirely viable […].“ (225)
Im anschließenden Abschnitt „Dehistoricisation, Judaisation, and Europeanisation“ (225) verlagert Sasa den Fokus von der materiellen zur symbolischen Ebene. Unter dem Slogan, „die Wüste zum Blühen“ zu bringen, würden Wälder und Parks auf einer angeblich desolaten und menschenleeren Landschaft angelegt. Dieses Motiv liest sie als Fortschreibung kolonialer terra nullius-Vorstellungen. Demgegenüber betont sie, Palästinenser hätten vor 1948 „a blossoming society, economy, culture, and land“ gehabt (225) Sie fasst zusammen: „Israel employs green colonies to Judaise, Europeanise, and dehistoricise Palestine, obliterating Palestinian identity and quelling resistance to Israeli oppression […].“ (225) Israelische Aufforstung seit 1948 sei überwiegend mit nicht‑heimischen Nadelbaumarten erfolgt, die lokale Ökosysteme schädigten, Weidewirtschaft erschwerten und aufgrund hoher Brennbarkeit sogar neue ökologische Risiken erzeugten. Parallel dazu seien Hunderttausende heimische Obst- und Olivenbäume zerstört worden, was sie als „desertification“ (226) durch koloniale Politik beschreibt.
Schließlich beschreibt Sasa, wie Schutzgebiete zur Judaisierung und Europäisierung der Landschaft eingesetzt würden. Wälder würden systematisch über den Ruinen ethnisch gesäuberter Dörfer angelegt, Wegweiser und Informationsmaterialien in Parks blendeten palästinensische Ortsnamen, Gründungsdaten, Einwohnerzahlen und Hinweise auf Vertreibung oder Massaker weitgehend aus, während jüdische und insbesondere europäische Geschichtsschreibungen (etwa die römisch‑klassische Antike) hervorgehoben würden (226). Nicht‑heimische Kiefern, häufig sogar anstelle symbolisch aufgeladener Olivenbäume gepflanzt, zielten in ihrer Lesart auf eine bewusste Europäisierung des Landschaftsbildes. Der Jüdische Nationalfonds eigne sich zudem palästinensische Gartenformen wie bustans an, indem sie diese als eigene ökologische Leistung präsentiere. Diese Praktiken fasst Sasa im Unterkapitel „Cultural genocide and stifling resistance“ (227) als Formen kulturellen Genozids. Die Marginalisierung der arabischen Sprache, die Aneignung kulinarischer und landwirtschaftlicher Praktiken und die Fragmentierung palästinensischer Identität – etwa hin zu lokalen statt nationalen Bezugspunkten – erodierten das Bewusstsein einer gemeinsamen Geschichte und erschwerten kollektive Mobilisierung:
„Indeed, Palestinian youth are becoming fragmented by Israel’s systemic assaults upon their cultural heritage and national identity, to the extent that some have begun identifying with their city or even neighbourhood, rather than Palestinianism […]. Moreover, by partitioning the Palestinian community, Israeli green colonies hamper any potential for a revolutionary struggle.“ (227)
Gleichzeitig ermöglichten es aufgeforstete und „gereinigte“ Gelände israelischen Besuchern, Natur zu genießen oder Militärdienst zu leisten, während Palästinenser daran gehindert würden, Ruinen und ehemalige Dörfer als Orte der Trauer, Erinnerung und politischen Neuanfänge wiederanzueignen. In dieser doppelten Funktion – Verdeckung palästinensischer Vergangenheit und Unterbindung zukünftiger Widerstandspraxen – sieht Sasa den Kern der dehistorisierenden, judaisierenden und europäisierenden Wirkung israelischer „green colonies“ (227).
Im Abschnitt „Israeli greenwashing on a global level“ (227) erzählt Sasa die Geschichte des Jüdischen Nationalfonds als zentralem Akteur einer globalen Imagepolitik. Der Fonds sei bereits 1901 gegründet worden, um Land für jüdische Kolonisation zu erwerben, habe aber den Großteil seines Bodens durch Enteignung gewonnen und kontrolliere heute einen Großteil des Territoriums von „1948 Palestine“ (227). Indem der Staat große Flächen an eine als Umwelt‑NGO präsentierte Organisation übertrage, könne er Landnahme und Vertreibung „grün“ kaschieren. Öffentlich trete der Jüdische Nationalfonds mit der Selbstbeschreibung auf, hunderte Millionen Bäume gepflanzt und Israel zum einzigen Land mit einem Netto‑Zuwachs an Bäumen gemacht zu haben. Spendenboxen mit Bildern jüdischer Jugendlicher, die das Land „wiederherstellen“, dienten Sasa als Beispiel für eine Pädagogik, die Zionismus als Umwelt- und Aufbauprojekt positiv besetze. Viele Juden weltweit sähen den Fonds daher als harmlose „tree-planting and playground-building organisation“ (228) und würden sich durch Spenden unbewusst an einem kolonialen Projekt beteiligen.
Unter der Überschrift „Green Orientalism“ (228) verknüpft Sasa dieses Greenwashing mit breiterer israelischer hasbaraund klassischen orientalistischen Mustern. Sie argumentiert, dass Israel sich nicht nur als ökologischer Vorreiter und Schutzmacht aller Juden inszeniere, sondern zugleich als „world gay (pinkwashing) and vegan (veganwashing) haven“ (228), sowie zunehmend auch als „indigenes“ Kollektiv, indem es die Indigenitätskategorie für sich in Anspruch nehme. Diese „Markenstrategie“ verortet sie in der Kampagne „Brand Israel“ ab Mitte der 2000er Jahre, deren Ziel es sei, das Bild eines modernen, progressiven, rationalen und zivilisierten Staates zu etablieren – im Kontrast zu einem als rückständig, gewalttätig, irrational und ökologisch verantwortungslos dargestellten palästinensischen „Anderen“. Die besondere Wirksamkeit dieser Propaganda erklärt sie damit, dass sie auf bestehende antiarabische Ressentiments und Islamophobie in westlichen Gesellschaften treffe; so könnten auch Teile der westlichen Linken das israelische Selbstbild als „nachhaltig“ und „progressiv“ übernehmen, während Palästina zugleich als Ausnahmefall gilt („Progressive Except for Palestine“ (228)). Die anhaltende Anerkennung des Jüdischen Nationalfonds als gemeinnützige Umweltorganisation in vielen Staaten gilt ihr als Beleg dafür, dass dieses Zusammenspiel von Greenwashing und Orientalismus die israelische Apartheid im globalen Maßstab stabilisiert.
Im Abschnitt „Implanting A’wna“ (228) verschiebt Sasa den Fokus von der Analyse israelischer Politik hin zu Formen palästinensischer ‚Gegenwehr‘ und zu einem „alternativen“ Umweltverständnis. Zunächst listet sie verschiedene Praktiken des Widerstands gegen „Israeli opression“ (228) auf: die globale BDS‑Kampagne und die „Stop the JNF“-Initiative, die den Gemeinnützigkeitsstatus des Jüdischen Nationalfonds angreifen, die iNakba‑App, mit der „over 500 ethnically cleansed or damaged Palestinian localities“ (229) kartiert werden, Lobbyarbeit für Beschilderungen in „green colonies“ (229), die die verdeckten Dörfer benennen, sowie palästinensisch organisierte Touren durch solche Orte. Hinzu kommen Projekte wie „Trees for Life: Planting Peace in Palestine“ (229), die Olivensetzlinge an Fellachen (die traditionell Ackerbau betreibende Landbevölkerung) verteilen, insbesondere an kleine, junge und von Frauen geführte Betriebe, deren Land von Israel konfisziert wurde, sowie vegane Konferenzen, die „decolonisation“ (229) mit Umwelt‑ und Menschenrechten verknüpfen. Parallel dazu spricht Sasa von einer „resistance“ (229) des Landes selbst, da nicht‑heimische, israelisch gepflanzte Bäume als besonders brand‑ und krankheitsanfällig beschrieben werden und Olivenbäume teils nach Jahrzehnten der Zerstörung wieder austreiben.
Auf dieser Basis führt sie dann die Begriffe a’wna (Zusammenarbeit), sumud (Standhaftigkeit), a’wda (Rückkehr) und die islamische Idee von tawhid (Einheit) als Grundpfeiler eines palästinensischen Umweltverständnisses ein. Diese Konzepte will sie als Bausteine einer „anti-oppressive, atemporal, spiritual, and scientific alternative to Western environmentalism“ verstanden wissen, die die „human–nature binary“ (231) überwinden soll. Zugleich betont sie, dass sie trotz aller Betonung indigener Verbundenheit mit dem Land den „racist trope of the ecological savage“ (220) zurückweist, also die romantisierende Gleichsetzung Indigener mit der Natur. Insgesamt versteht Sasa „Implanting A’wna“ als Gegenentwurf: Wo israelischer „green colonialism“ mit Biologismus, Kapitalismus und Kolonialismus verschränkt sei, verkörpere palästinensische Umweltpraxis für sie einen „holistic, anti-racist, feminist, socialist, spiritual, scientific, and nonlinear“ (231) Zugang, der menschliche und ökologische Befreiung zusammendenkt.
In der Conclusion zieht Sasa ihre Linien noch einmal explizit zusammen und macht zugleich ihren eigenen Standort klar. Sie resümiert, sie habe gezeigt, dass Israel „protected areas“ nutze, um Palästinenser zu enteignen, Rückkehr zu verhindern, Palästina zu „dehistorisicise, Judaise and Europeanise“ und sein „apartheid image“ global zu „greenwashen“, während palästinensische Konzepte wie a’wna, sumud, a’wda und tawhid eine „anti-oppressive“ Alternative zu „Western environmentalism“ (231) böten. Daraus leitet sie die normative Forderung ab, weiße Vorherrschaft, Orientalismus, Patriarchat, Kapitalismus und die Mensch–Natur‑Dichotomie zugleich zu überwinden.
Bemerkenswert ist, dass sie ihren eigenen Status ausdrücklich benennt:
„In fact, as an activist-scholar, I encourage myself and others to consistently problematise binaries wherever they may dwell, acknowledge and utilise our positions of power, and embrace intersectional and interdisciplinary methods, with the ultimate aim of achieving social and environmental justice.“ (231)
Entsprechend endet der Text mit einem Mobilisierungsaufruf: „Clearly, we must amplify our efforts to oppose the dehumanisation of Palestinians, and the appropriation of environmental, LGBTQ+, feminist, and other progressive movements for oppressive ends.“ (231) Die Schlusssektion markiert den Artikel damit offen als Beitrag eines „activist-scholar“, der wissenschaftliche Analyse, eigene Positionierung und politische Handlungsaufforderung bewusst verschränkt.
Bevor auf die historischen und (umwelt-)politischen Gehalte von „Oppressive Pines“ eingegangen wird, lohnt ein Blick auf die methodische und methodologische Grundstruktur des Aufsatzes. Viele der später zu diskutierenden Probleme folgen nicht erst aus einzelnen Fehlinterpretationen, sondern aus einem bestimmten Verständnis dessen, was wissenschaftliches Arbeiten leisten soll.
Sasa positioniert sich im Schlussteil ausdrücklich als „activist-scholar“ (231) und verknüpft ihren Beitrag mit einem im letzten Abschnitt bereits formulierten dezidiert politischen Ziel. Politische Motivation ist für sich genommen kein Makel, entscheidend ist vielmehr, ob der Text trotz dieser Motivation Strukturen erkennen lässt, in denen zentrale Deutungsmuster grundsätzlich scheitern könnten. Hier zeigen sich jedoch erste Probleme. Der Aufsatz lässt kaum erkennen, unter welchen empirischen Bedingungen seine Kernthesen falsifiziert werden könnten. Es wird weder diskutiert, welche Beobachtungen gegen die These eines israelischen „green colonialism“ sprechen würden, noch welche alternativen Erklärungen – etwa konkurrierende Interessen innerhalb der israelischen Gesellschaft, ökologische Zwänge oder forstökonomische Erwägungen – denkbar wären. Der Begriff „green colonialism“ erscheint nicht als heuristische Kategorie, deren Tragfähigkeit sich im Abgleich mit widersprüchlichem Material erweisen oder auch scheitern könnte, sondern als interpretatives Raster, das die Beobachtungen bereits vorstrukturiert. Die Analyse fragt nicht, welche ökologischen, forstpolitischen oder historischen Funktionen bestimmte Maßnahmen hatten und welche Zielkonflikte mit ihnen verbunden waren. Sie fragt primär, wie diese Maßnahmen innerhalb des bereits vorausgesetzten Narrativs eines kolonialen Projekts interpretiert werden können.
Auffällig ist in diesem Zusammenhang die eng gefasste Literaturbasis. Die Darstellung von Zionismus, Nakba und israelischer Umweltpolitik stützt sich fast ausschließlich auf Autoren und Organisationen aus einem antizionistischen Milieu – etwa Ilan Pappé, Salman Abu‑Sitta, B’Tselem und Publikationen des „International Jewish Anti‑Zionist Network“. Abweichende oder konkurrierende Forschungspositionen zur Entstehung des Zionismus, zur Genese palästinensischer Nationalidentität oder zur innerisraelischen Debatte um Aufforstung und Naturschutz – etwa forstwissenschaftliche Arbeiten von Perevolotsky und Sheffer (2009) oder Policy‑Analysen zur israelischen Forstverwaltung (Osem et al. 2024) – bleiben weitgehend unberücksichtigt. Kontroversen werden nicht rekonstruiert, um dann argumentativ entschieden zu werden, sondern durch eine relativ homogene Textgemeinschaft gleichgerichteter Quellen ersetzt. Auch die Begrifflichkeit ist stark normativ aufgeladen. Bereits im Abstract wird Israel als „apartheid state“ eingeführt, der „environmentalism“ instrumentalisiere, um „the Indigenous people of Palestine“ zu eliminieren und ihre Ressourcen zu usurpieren (219). Der zentrale Untersuchungsbegriff – „Israeli green colonialism“ – fungiert nicht als offene analytische Kategorie, sondern als definitorischer Ausgangspunkt. So gelten Schutzgebiete, Wälder und Nationalparks von vornherein als Instrumente eines kolonialen Projekts und werden anschließend als Belege für vier bereits formulierte Funktionen (Landnahme, Verhinderung der Rückkehr, Dehistorisierung/ Judaisierung/ Europäisierung, globales „greenwashing“) herangezogen. Was sich empirisch ändern müsste, damit diese Diagnose zu revidieren wäre, bleibt unscharf. Die Argumentationsweise weist strukturelle Ähnlichkeiten zu dem auf, was in der Debattenforschung als „Gish-Gallop“ beschrieben wird: In rascher Folge werden sehr viele weitreichende Behauptungen zu Geschichte, Demografie, Recht, Umweltpolitik und globalen NGOs eingeführt, oft auf der Basis einzelner Beispiele oder Aktivistenberichte. Die Vielzahl der Thesen erschwert eine systematische Überprüfung der jeweils zugrunde liegenden Evidenz erheblich. In der Logik von Brandolinis Gesetz kostet die Prüfung und gegebenenfalls Widerlegung schwach belegter oder einseitiger Behauptungen deutlich mehr Aufwand als ihre Formulierung. Der Aufsatz erzeugt so durch Dichte und moralische Schärfe einen Eindruck von Evidenz, ohne die einzelnen Schritte durchgängig mit konkurrierenden Deutungen zu konfrontieren.
Besonders bemerkenswert ist dabei, worüber der Text kaum spricht. Wälder, Nationalparks und Aufforstungsprogramme bilden den expliziten Untersuchungsgegenstand, doch zentrale ökologische und forstwissenschaftliche Fragen bleiben weitgehend unbehandelt. Der Leser erfährt vergleichsweise wenig über Waldökologie, Biodiversität, Bodenschutz, Wasserhaushalt, Brandregime oder konkurrierende forstliche Leitbilder in Israel – dabei liegen hierzu umfangreiche Fachpublikationen und Policy‑Dokumente vor. Die Rolle verschiedener Baumarten, die Entwicklung von „productive“ zu „protective forestry“, interne Konflikte zwischen dem Jüdischen Nationalfonds, Naturschutzorganisationen und lokalen Gemeinden, all das taucht höchstens am Rande auf. Wälder und Schutzgebiete fungieren primär als politische Symbole, ihre ökologische Realität tritt hinter ihre metaphorische Funktion als Zeichen von „colonisation“, „green wall“ oder „cultural genocide“ zurück. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt des Beitrags von der Analyse realer Umwelt- und Forstpolitik hin zur moralischen Interpretation ihrer Symbole.
Schließlich verschwimmen im Text systematisch die Ebenen von Analyse und Anklage. Der normative Rahmen – Zionismus als von Beginn an „settler colonial […] and antisemitic“ (221), Israel als strukturell unterdrückendes Projekt, Palästinenser als indigene Träger einer holistischen Gegen‑Ökologie – wird zu Beginn gesetzt und am Ende politisch zugespitzt, dazwischen aber kaum noch als Hypothese behandelt, die an Gegenbeispielen scheitern könnte. Die Auswahl der Beispiele dient primär der Bestätigung dieses Rahmens und nicht seiner Prüfung. Nach gängigen wissenschaftlichen Standards würde ein solches Vorgehen erhebliche methodische Rückfragen provozieren wie etwa zur Einseitigkeit der Quellenbasis, zur Operationalisierung zentraler Begriffe, zur Falsifizierbarkeit der Leitthesen und zur Trennschärfe zwischen empirischer Rekonstruktion und normativer Bewertung. Dass ein derart aufgebauter Text in einer peer‑reviewten Fachzeitschrift als Beitrag zur Umweltpolitik publiziert wird, ist daher nicht nur ein Problem dieses einen Aufsatzes. Es verweist auf eine Verschiebung des Wissenschaftsverständnisses, in der die moralisch richtige Position zum Ausgangspunkt der Analyse wird und empirische Komplexität vor allem als Material zur Illustration eines vorausgesetzten Narrativs dient. In den folgenden Abschnitten wird zu zeigen sein, wie sich diese methodische Grundstruktur konkret in der Geschichtsschreibung, in der Verwendung des Settler‑Colonial‑Paradigmas und in der Rede vom „green colonialism“ niederschlägt und welche blinden Flecken dabei insbesondere in Bezug auf Geschichte und Umweltpolitik entstehen.
In Sasas Text zeigt sich die geschichtspolitische Schwäche weniger in einzelnen falschen Daten, die für sich genommen schon einer eigenen Kritik bedürften,[5] als in der Konstruktion zweier essenzialisierter Kollektive. „Indigenous Palestinians“ (231) erscheinen als seit Jahrhunderten relativ homogene, agrarisch verwurzelte Bevölkerung, deren Identität gewissermaßen naturwüchsig gegeben ist, während „European Zionists“ (221) als fremde Siedler auftreten, die als Block in ein ansonsten in sich stimmiges Gefüge einbrechen. Dass sowohl palästinensische wie jüdische Nationalidentitäten historisch im 19. und 20. Jahrhundert entstehen, sich in Auseinandersetzung mit Kolonialherrschaft, innergesellschaftlichen Konflikten und globalen Ideengeschichten formen, wird so in eine simple Herkunftslogik „hier Indigene, dort Kolonisatoren“ übersetzt. Die Komplexität moderner Nationenbildung – mit konkurrierenden Entwürfen, politischen Niederlagen und inneren Bruchlinien – verschwindet hinter zwei Kollektivsubjekten, deren Eigenschaften von vornherein feststehen.[6]
Das von Sasa übernommene Settler‑Colonial‑Paradigma verstärkt diese Tendenz, indem es Israel primär als Struktur und weniger als historisches Geschehen betrachtet. Kritiker der Settler‑Colonial‑Studies weisen darauf hin, dass dieses Paradigma dazu neigt, konkrete Konfliktverläufe, politische Entscheidungen und Alternativpfade nur noch als Illustrationen einer vorgegebenen Makroerzählung vom „elimination of the native“ (Wolfe 2006) zuzulassen (Berkovits 2021; Lenhard 2024; Szeftel 2025; Kirsch 2025). Genau das lässt sich hier beobachten: Die Balfour‑Deklaration, die Migrationsbewegungen vor 1948, der UN‑Teilungsplan, der arabisch‑israelische Krieg, innerpalästinensische Klassenspannungen und konkurrierende politische Projekte werden nicht als offene, historisch zu rekonstruierende Konfliktfelder behandelt, sondern erscheinen nur insofern, als sie das Bild eines von Anfang an genozidalen Siedlerprojekts bestätigen. Was nicht passt – etwa Araber, die sich von Beginn der arabisch-israelischen Auseinandersetzungen an auf die Seite der Zionisten stellten, jüdische Landkäufe, die Persistenz einer großen arabischen Minderheit innerhalb Israels, die Vertreibung und Flucht jüdischer Gemeinden aus arabischen Staaten oder interne israelische Kontroversen (Rensmann 2013; Morris 2023; Cohen 2026) – bleibt weitgehend unsichtbar oder wird als bloßes Detail abgetan. Außerdem finden weder der arabische bzw. palästinensisch-arabische Antisemitismus noch die historischen Verbindungen einzelner palästinensischer Akteure zum Nationalsozialismus Erwähnung (vgl. dazu bspw. Cüppers 2025; Grigat 2025).
Besonders deutlich wird die theoretische Engführung dort, wo die spezifische Lage des Zionismus im 20. Jahrhundert ausgeblendet wird. Das Paradigma behandelt Juden weitgehend so, als handle es sich um eine klassische europäische Siedlergesellschaft mit Mutterkolonie und klarer Metropole – etwa nach dem Muster britischer, französischer oder niederländischer Kolonialreiche. Dass es im Fall des Zionismus keine staatliche „Mutterkolonie“ gibt, sondern vor allem Fluchtbewegungen aus zunehmend feindlichen Umgebungen, dass die jüdische Diaspora zugleich über Europa, den Nahen Osten und Nordafrika verstreut ist, dass es jahrtausendealte religiöse und kulturelle Bezüge zum Land gibt und dass nach 1948 auch Hunderttausende Juden aus arabischen Staaten vertrieben werden, sprengt das einfache Schema „Europa exportiert sein Überbevölkerungsproblem in den Süden“.[7] Ohne diese Besonderheiten zu thematisieren, wird Zionismus im Paradigma der Siedlerkolonialgeschichte „normalisiert“ und gerade dadurch historisch verfehlt.
Hinzu kommt eine asymmetrische Behandlung der Akteure: Palästinenser tauchen bei Sasa als Träger einer kollektiven Erfahrung „der Kolonisierten“ auf – mit Geschichten, Traditionen, Begriffen wie sumud oder a’wda. Jüdische Akteure hingegen erscheinen kaum als historische Subjekte mit eigenen Erfahrungen, internen Konflikten und politischen Dilemmata, sondern vor allem als Funktionsträger einer Struktur. Sie sind die Vollstrecker „westlicher Kolonialität“, Verkörperungen von „Europeanisation“ und „Judaisation“. Diese Asymmetrie ist analytisch problematisch, weil sie genau jene Komplexität tilgt, die man bei anderen Gegenständen der postkolonialen Forschung zu Recht einzufordern gewohnt ist. „Judaisierung“ erscheint bei Sasa ausschließlich als koloniale Überformung eines zuvor als homogen „palästinensisch“ imaginierten Raums; dass jüdische Präsenz, religiöse Bezugnahmen und Institutionen in der Region selbst eine lange Geschichte haben, kommt in dieser Semantik gar nicht mehr in den Blick. Damit wird „jüdisch“ begrifflich von vornherein mit Kolonisierung kurzgeschlossen. Jede sichtbare jüdische Markierung im Raum – Synagogen, Ortsnamen, Gedenkorte – kann nur noch als nachträgliche, illegitime Überprägung gelesen werden, nicht als Teil einer vielschichtigen historischen Topographie.
Noch auffälliger wird diese Problematik durch die gleichzeitige Rede von „Europäisierung“. Denn wenn Zionismus bei Sasa als europäisches Siedlerprojekt verstanden wird, stellt sich die Frage, weshalb es überhaupt noch eines zusätzlichen Begriffs der „Judaisierung“ bedarf. Sind die jüdischen Akteure in diesem Raster europäische Kolonisatoren, warum müssen sie dann zugleich als Träger einer eigens jüdischen Überformung markiert werden? Die begriffliche Doppelung legt nahe, dass „jüdisch“ hier nicht einfach in „europäisch“ aufgeht, sondern als eine zusätzliche, von Europa unterschiedene Qualität erscheint. Juden sind in dieser Semantik zugleich Repräsentanten Europas und doch mehr als bloß Europäer. Sie fungieren als besondere, ortlose Transformationsmacht, die Landschaft, Geschichte und politische Ordnung gleichermaßen umcodiert. Gerade darin liegt die ideologische Brisanz der Unterscheidung. Israel ist in dieser Darstellung zugleich „zu jüdisch“ und „zu europäisch“. „Judaisierung“ bezeichnet die vermeintlich partikularistische Überformung des Raumes, „Europäisierung“ seine Einordnung in einen westlich‑kolonialen Universalismus. In beiden Fällen dient der Begriff weniger einer präzisen historischen Beschreibung als einer Delegitimierung jüdischer Sichtbarkeit. Dass vergleichbare Kategorien – etwa eine „Arabisierung“ oder „Islamisierung“ des Raumes – für osmanische, arabisch‑nationalistische oder islamistische Herrschafts‑ und Kulturpolitik bei Sasa nicht vorkommen, unterstreicht die Asymmetrie. Nur jüdische Präsenz erscheint als koloniale Verfälschung, andere historische Prägungen bleiben demgegenüber selbstverständlich oder unsichtbar. In dieser doppelten Codierung berührt Sasas Argumentation ein klassisches Motiv des modernen Antisemitismus, nämlich die Vorstellung des Juden als zugleich partikularistisch‑anders und abstrakt‑universalistisch, als ethnisch‑religiös markierter Fremdkörper und als Träger westlicher, kapitalistischer oder kosmopolitischer Abstraktion (Elbe 2024). Die Figur des „wurzellosen“ Juden wird hier nicht offen ausgesprochen, aber strukturell anschlussfähig gemacht. Jüdische Kollektivität erscheint weder als historisch gewachsene Zugehörigkeit noch als legitime politische Selbstbestimmung, sondern als ortlose Macht der Überschreibung. Genau diese Ambivalenz bleibt bei Sasa unreflektiert. Sie verstärkt den Eindruck, dass jüdische Akteure nicht historisiert, sondern in ein Strukturmodell eingepasst werden, in dem ihre Rolle bereits vor jeder empirischen Analyse feststeht.
Schließlich bleibt das Settler‑Colonial‑Raster selbst außerhalb jeder Prüfung. Weder diskutiert Sasa, unter welchen empirischen Bedingungen die Einstufung Israels als Siedlerkolonie zu revidieren wäre, noch welche Beobachtungen zumindest gegen eine monokausale Deutung sprächen, wie etwa der Umstand, dass Teile der israelischen Forst‑ und Umweltpolitik durch interne Kritik und ökologische Erwägungen geprägt wurden und nicht eins zu eins aus Kolonisationsinteressen ableitbar sind. Mangels solcher Falsifikationskriterien verliert das Paradigma seinen analytischen Charakter und wird zu einer Schablone, die die Wirklichkeit sortiert, statt von ihr geprüft zu werden. Die geschichtspolitische Schwäche von „Oppressive Pines“ liegt daher nicht unbedingt in einzelnen bestreitbaren Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung oder zur Zahl zerstörter Dörfer, sondern in der Entscheidung, den israelisch‑palästinensischen Konflikt von vornherein ausschließlich als Fallstudie eines universellen Siedlerkolonialmodells zu lesen und alles, was sich diesem Modell entzieht, an den Rand zu drängen.
Die bisherigen Kapitel haben gezeigt, dass Sasa historische und politische Entwicklungen konsequent durch das Settler-Colonial-Paradigma interpretiert und empirische Befunde diesem Raster unterordnet. Besonders deutlich tritt diese Logik dort hervor, wo der Text vorgibt, einen Beitrag zur Umwelt- und Forstpolitik zu leisten, denn gerade hier zeigt sich eine auffällige Diskrepanz zwischen Gegenstand und Analyse. Obwohl Wälder, Schutzgebiete und Aufforstungsprogramme den expliziten Untersuchungsgegenstand bilden, treten ökologische Fragestellungen weitgehend hinter eine kolonialismustheoretische Moralerzählung zurück. Wälder erscheinen bei Sasa nicht primär als ökologische Systeme mit spezifischen Funktionen, Zielkonflikten und Managementproblemen, sondern als politische Zeichen. Nationalparks, Naturreservate und Aufforstungen werden nahezu ausschließlich danach bewertet, welche Rolle sie im Projekt des „green colonialism“ spielen. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, welche ökologischen Wirkungen bestimmte Maßnahmen haben oder nach welchen umweltpolitischen Kriterien sie kritisiert werden könnten, sondern welche Funktion sie innerhalb eines vermeintlichen Projekts der „Eliminierung der Indigenen“ erfüllen. Damit verschiebt sich der Fokus von Umweltpolitik auf Symbolpolitik und die ökologische Realität der Wälder tritt hinter ihrer metaphorischen Funktion zurück. Gerade deshalb lohnt ein Blick auf jene Debatten, die eine Analyse israelischer Forst- und Umweltpolitik eigentlich berücksichtigen müsste, im Aufsatz jedoch weitgehend fehlen.
So rekonstruierten beispielsweise Amir und Rechtman (2006) bereits Anfang der 2000er-Jahre die israelische Aufforstungspolitik des 20. Jahrhunderts in fünf Phasen, die jeweils durch unterschiedliche Ziele und Waldbilder gekennzeichnet sind. Die frühen JNF‑Pflanzungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts verstanden Wald zunächst als „agricultural crop“ (40), vor allem Olivenhaine, mit denen Spenden kapitalisiert, Arbeitsplätze geschaffen und landwirtschaftliche Einkommen gesichert werden sollten. Dies war ein Versuch, der weitgehend scheiterte. In der Mandatszeit und den ersten Staatsjahrzehnten verschob sich die Politik hin zu dicht gepflanzten Nadelholzbeständen (vor allem der Aleppo-Kiefer) als Instrumente des Landbesitzschutzes, der Siedlungsförderung, des Erosionsschutzes und der Beschäftigung von Einwanderern. Wälder dienten außerdem der Tarnung militärischer Infrastruktur. Diese Phase führte zu einem „institutionalized landscape, different and foreign to local vegetation landscapes“ (39), wie Amir und Rechtman schreiben: dichte, homogene Kiefernwälder, „very dense coniferous forests“, die „did not support rich biological diversity“ (43) und im krassen Kontrast zur mediterranen Macchie standen. In den 1970er und 1980er Jahren wuchs die öffentliche Kritik an diesen „pine deserts“ (44), wie israelische Umweltaktivisten die biodiversiätsarmen Plantagen nannten; gleichzeitig nahm die Bedeutung der Wälder als Erholungsräume für eine zunehmend urbane Gesellschaft zu. Seit den 1990er Jahren wird Aufforstung in den offiziellen Planungsdokumenten – etwa der National Outline Scheme No. 22 – explizit als Bestandteil einer multifunktionalen offenen Landschaft verstanden. So sollen Wälder offene Räume sichern, Biodiversität schützen, Erholung ermöglichen, Erosion bremsen und ökonomische Nutzungen wie Weide und begrenzte Holzproduktion integrieren (Kaplan 2011).
Perevolotsky und Sheffer (2009) stellen diese Entwicklung in den breiteren Kontext eines internationalen Paradigmenwechsels von holzorientierter Monokulturforstwirtschaft hin zu „ecological forestry“ oder „New Forestry“. Klassische Forstwirtschaft produzierte „mono‑specific, even‑aged plantations“, um „maximize and sustain the yield of a single resource – commercial timber“ (36). In Israel wurde dieses Modell trotz geringem Holzrenditepotenzial lange übernommen. Aleppo‑Kiefer‑Monokulturen sollten einen relevanten Anteil des nationalen Holzbedarfs decken, und bis in die 1970er Jahre dominierte die Vorstellung des Waldes als Produktionssystem. Die ökologische Kritik daran war früh und deutlich. Amir und Rechtman (2006) verweisen auf die Bezeichnung „pine deserts“ für die dichten, gleichaltrigen Kiefernwälder, deren „low diversity of species“ (44) und schlechte Eignung für Erholungsnutzung bemängelt wurde; die Plantagen erzeugten instabile Habitate, waren pestanfällig (Matsucoccus‑Befall) und wirtschaftlich kaum tragfähig. Perevolotsky und Sheffer (2009) halten fest, dass „many conservationists still perceive the monoculture pine forests as inappropriate for the local natural conditions and foreign to the natural landscape of the country“ (36). Die Antwort darauf war keine simple Fortschreibung der alten Praxis, sondern eine schrittweise Umorientierung. So erklärte der JNF die bestehenden Kiefernwälder zu „pioneer forests that will be gradually replaced by sustainable mixed forests“ (38), testete Mischbestände aus Kiefern und einheimischen Laubbaumarten und passte Pflanzdichten, Pflege‑ und Durchforstungsregime an ökologische Kriterien an. In den heute maßgeblichen Policy‑Dokumenten – etwa Tal (2012) zur „Bible of Afforestation“ und der englischen Fassung der „Forest Management Policy of Israel“ (Osem et al. 2024) – stehen nicht mehr Holzvolumen, sondern „Provision of recreational services“, „Support for Israel’s unique biodiversity“, „Soil and water conservation“ und der Schutz offener Landschaften im Zentrum (Tal 2012, S. 85).
Ein weiterer Komplex, den Sasa nicht behandelt, ist die Auseinandersetzung mit Waldbrandregimen, Wasserhaushalt und Klimawandel. Perevolotsky und Sheffer (2009) beschreiben die klassische Feuervermeidungsstrategie – dichte Straßennetze, Entfernung von Unterwuchs, aggressive Brennstoffreduktion – und verweisen zugleich auf neuere Ansätze, Feuer als ökologischen Prozess zu begreifen und etwa kontrollierte Beweidung und „prescribed burning“ (Tal 2012, S. 90) als Instrumente einzusetzen. Tal zeigt, wie die „Bible of Afforestation“ Beweidung ausdrücklich als Mittel der Brennstoffkontrolle rehabilitiert und sogar den Einsatz von Feuer als Managementoption diskutiert, nachdem zuvor jahrzehntelang eine Politik des strikten Feuerunterdrückung dominierte. Gleichzeitig wird in diesen Texten betont, dass israelische Wälder in einem ausgeprägten Trockenheitsgradienten liegen, dass „97 % of its territory is defined as drylands“ (82) und dass Aufforstung in semiariden Gebieten nur unter sorgfältiger Abwägung von Wasserhaushalt, Bodenerosion und Biodiversität gerechtfertigt werden kann. Die Policy‑Papiere sprechen von der Notwendigkeit, Wälder als „renewable resource that represents the local landscape“ (Osem et al. 2024, S. 19) zu entwickeln, Pflanzdichten drastisch zu reduzieren, naturnahe Sukzession zuzulassen und den Boden‑Wasser‑Haushalt zu monitoren. Die Debatte darüber ist keineswegs harmonisch. So kritisieren Umweltverbände Aufforstungen in den südlichen Trockengebieten als unnatürliche „afforestation“, die mediterrane Gehölze in immer trockenere Zonen schiebt, während Forstleute darauf verweisen, dass die betreffenden Flächen durch Überweidung und Bodenerosion bereits stark degradiert sind und Aufforstung hier vor allem erosions- und klimabedingte Schäden begrenzen soll (Osem et al. 2008; Perevolotsky und Sheffer 2009; Ṭal 2013; Rothschild 2019; Pearce 2019).
Bemerkenswert ist ebenfalls, dass selbst die palästinensische Fachliteratur zur Forst- und Umweltpolitik ein erheblich komplexeres Bild der Waldentwicklung in Israel, der Westbank und im Gazastreifen zeichnet, als es Sasa in ihrem Konzept des „green colonialism“ nahelegt. Studien des Applied Research Institute Jerusalem (ARIJ) (Ghattas et al. 2006) und von der palästinensischen Universität Hebron (Aburajab-Tamimi 2009) beschreiben die Waldökosysteme als Resultat einer langen Geschichte multipler Belastungen: Kriege, Besatzung, Landkonfiskationen, aber ebenso Übernutzung durch lokale Bevölkerung, fehlende Regulierung und institutionelle Schwäche.[8]
So verorten Ghattas, Hrimat und Isaac (2006) die Ursachen des Waldverlusts in einem Bündel menschlicher und natürlicher Stressoren. Sie halten fest, dass die Waldflächen zwischen 1971 und 1999 um 23 Prozent zurückgingen; rund 80 Prozent der Zerstörung führen sie auf israelische Maßnahmen (Siedlungen, Militärflächen, Straßenbau) zurück, zugleich konzedieren sie aber ausdrücklich, dass 14 Prozent der Waldzerstörung auf die Holzeinschläge durch lokale Palästinenser zurückzuführen sind, während weitere 6 Prozent auf Eigentumsübertragungen entfallen (2). In einer Schlüsselformulierung heißt es:
„Palestinians also deplete forested areas through woodcutting used for fuel (either as biomass or for coal production). These activities, combined with natural destructive elements such as wind, snow, soil erosion, ageing, and accidental fires left dramatic scars on forests in the West Bank and Gaza.“ (6)
Der Text insistiert an anderer Stelle, dass „even nowadays, the irresponsible and uncontrolled cutting of trees endangers forests in West Bank“ (18).
Auch ökonomische Analysen von der Universität Hebron problematisieren explizit palästinensische Beiträge zur Degradation natürlicher Ressourcen. Talat Aburajab‑Tamimi (2009) beschreibt die Entwicklung der Wald- und Agrarlandschaften als Folge „[s]uccessive cycles of trees cutting and neglect“ (2) über Jahrhunderte hinweg, in denen unterschiedliche Eroberer und Kriege die Kulturlandschaft immer wieder zerstörten. Neben israelischer Militärzerstörung und politisch bedingten Landkonfiskationen benennt er Faktoren wie intensive Holznutzung, fehlende Forschung und Monitoring, mangelnde Gesetze sowie Überweidung. Besonders deutlich wird dies in der Feststellung: „Anyway, overgrazing is one of the major factors damaging the forests that are under the Palestinian control.“ (2) Herdendruck, insbesondere durch Ziegen, wird als einer der wichtigsten Treiber der Umwandlung von Wäldern in verarmte Strauchvegetation beschrieben.
Insgesamt entsteht in diesen Arbeiten ein Bild, das weder die israelische Politik verharmlost noch die palästinensische Gesellschaft idealisiert. Die Autoren verbinden scharfe Kritik an israelischen Maßnahmen – Konfiskation von rund 93 Prozent der Wald- und Weideflächen, „predetermined deforestation policy“ (Ghattas et al. 2006, S. 18) zugunsten von Siedlungen und Militärinfrastruktur – mit einer nüchternen Analyse interner Fehlentwicklungen wie fehlende oder nicht durchgesetzte Forstgesetze, kurzfristige ökonomische Zwänge, Unwissen und institutionelle Defizite. Daraus leiten sie die Notwendigkeit einer eigenständigen palästinensischen Forstpolitik ab, die Inventarisierung, Monitoring, rechtliche Rahmensetzung und Bewusstseinsbildung umfasst, statt die Verantwortung monokausal nach außen zu projizieren.
Gerade vor diesem Hintergrund wird die Einseitigkeit von Sasas Deutungsangebot sichtbar. Während die palästinensische Fachliteratur die Wälder als ökologische und sozioökonomische Gemeingüter in einem hochgradig verwobenen Geflecht von Besatzung, Armut, Energiemangel, institutioneller Schwäche und traditioneller Nutzungspraktiken analysiert, reduziert „Oppressive Pines“ denselben Gegenstand weitgehend auf ein Symbol israelischer Herrschafts‑ und Verdrängungspolitik. Wo ARIJ und Aburajab‑Tamimi die ambivalente Rolle palästinensischer Akteure offen thematisieren, kennt Sasas Raster nur das dichotome Verhältnis von „kolonialem“ Wald und „indigener“ Bevölkerung. Die palästinensischen Studien selbst zeigen damit, dass eine seriöse Umwelt- und Forstanalyse im Kontext des Nahostkonflikts gerade nicht in der moralischen Polarisierung, sondern in der sorgfältigen Rekonstruktion dieser Mehrdimensionalität besteht.
Keine dieser Debatten – Kritik an Monokulturen, Umstieg auf Mischwälder, veränderte Zielhierarchien, Feuer‑ und Wasserfragen, Klimaanpassung oder palästinensische forstwissenschaftliche Kontroversen – spielt in Sasas Aufsatz eine systematische Rolle. Wo einschlägige Literatur vorkommt, wird sie selektiv als Beleg für die These „green colonialism“ genutzt. So verweist Sasa (2023, S. 224–226) etwa auf Amir und Rechtmann um zu zeigen, dass Wälder teilweise über zerstörten Dörfern liegen oder mit Militärräumen überlappen, ohne zu erwähnen, dass dieselben Autoren die politische Instrumentalisierung der Aufforstung kritisch als „foreign to the local Mediterranean vegetation“ (Amir und Rechtman 2006, S. 46) und als Ausdruck von Staats‑ und NGO‑Interessen analysieren und für eine andere, biodiversitätsorientierte Forstpolitik plädieren.
Die ökologische Frage – welche Wälder unter welchen Bedingungen sinnvoll sind, wie man Fehler korrigiert, wie man Feuer‑, Wasser‑ und Biodiversitätsziele austariert – wird so durchgängig durch eine moralische Frage ersetzt: Dient eine Maßnahme dem Siedlerprojekt oder dem indigenen Widerstand? Dass diese Maßnahme zugleich innerhalb Israels Gegenstand scharfer fachlicher und politischer Kontroversen ist, fällt aus dem Blick. Die zentrale Frage lautet damit nicht, ob israelische Forst‑ und Naturschutzpolitik kritisiert werden kann – selbstverständlich kann und sollte sie kritisiert werden –, sondern anhand welcher Kriterien. Eine Analyse, die auf Basis forstwissenschaftlicher, ökologischer und umweltpolitischer Maßstäbe die Geschichte der Monokulturen, die innerisraelische Kritik an „pine deserts“, die Versuche des Umbaus zu Mischwäldern, die Brand‑ und Wasserproblematik und die ökologischen Risiken von Aufforstungen in Trockengebieten durchdekliniert, könnte zu einem harten Urteil kommen, bliebe aber an ihrem Gegenstand. Im Aufsatz von Sasa werden diese fachlichen Kriterien weitgehend durch ein kolonialismustheoretisches Deutungsmuster ersetzt, das Wälder, Nationalparks und Naturschutzgebiete vor allem als moralische Zeichen liest. Gerade dort, wo der Text vorgibt, Umweltpolitik zu analysieren, wird er so zum Beispiel für das, was in Teilen der postkolonialen Literatur schiefläuft: Die Umwelt verschwindet hinter der Kolonialismusfolie und mit ihr die Möglichkeit einer ernsthaften, auch selbstkritischen ökologischen Analyse.
Eine vollständige Widerlegung aller historischen, politischen und begrifflichen Behauptungen, die Ghada Sasa in „Oppressive Pines“ versammelt, würde den Umfang des vorliegenden Textes bei weitem sprengen. Tatsächlich wäre hierfür eher eine Monographie als eine kurze Einordnung erforderlich. Genau darin liegt jedoch bereits ein Teil des Problems. Der Aufsatz operiert mit einer Fülle weitreichender Behauptungen, normativer Setzungen und theoretischer Etiketten, deren Überprüfung einen unverhältnismäßigen Aufwand erfordert, während ihre Formulierung oft nur wenige Zeilen beansprucht. Brandolinis Gesetz erhält hier wissenschaftspolitische Relevanz.
Die vorangegangene Analyse hatte daher nicht das Ziel, jede einzelne Behauptung zu widerlegen. Sie sollte vielmehr die Struktur des Textes freilegen. Diese Struktur besteht in der Anwendung eines bereits feststehenden Deutungsrasters auf einen komplexen historischen und umweltpolitischen Gegenstand. Geschichte erscheint nur noch als Illustration des Settler-Colonial-Paradigmas, Umweltpolitik nur noch als Ausdruck von „green colonialism“, Wälder und Schutzgebiete nur noch als Symbole einer vorab definierten Unterdrückungsstruktur. Was diesem Raster widerspricht oder seine Eindeutigkeit infrage stellen könnte, also beispielsweise konkurrierende historische Deutungen, innerisraelische Debatten, ökologische Zielkonflikte oder institutionelle Lernprozesse, wird weitgehend ausgeblendet.
Gerade deshalb ist „Oppressive Pines“ weniger als Beitrag zur Umweltpolitik, Environmental Studies oder Forstwissenschaft interessant als vielmehr als Dokument einer Entwicklung, die in Teilen der gegenwärtigen Geistes- und Sozialwissenschaften zu beobachten ist. Eine wissenschaftliche Analyse tritt dabei zunehmend hinter moralische Positionierung zurück und Theorien dienen nicht mehr primär dazu, Wirklichkeit zu erklären, sondern dazu, politische Urteile zu legitimieren.
Diese Entwicklung ist in den vergangenen Jahren von unterschiedlichen Autoren kritisch beschrieben worden. So haben etwa Jan Gerber, Monika Albrecht, Heiko Heinisch oder jüngst Ingo Elbe auf die Tendenz hingewiesen, komplexe historische Konflikte in postkolonialen Deutungsmustern auf binäre Oppositionen von Kolonisatoren und Kolonisierten zu reduzieren (Gerber 2021; Albrecht 2023; Heinisch 2025; Elbe 2021, 2024, 2025, 2026). Auch Elias Hechinger (2025, 2026) oder Thomas Land (2023) haben an anderer Stelle argumentiert, dass sozialwissenschaftliche Forschung ihre kritische Funktion verliert, wenn empirische Ambivalenzen nicht mehr untersucht, sondern lediglich in bereits feststehende politische Narrative einsortiert werden. „Oppressive Pines“ liefert hierfür ein besonders anschauliches Beispiel.
Das eigentliche Problem des Aufsatzes besteht daher nicht darin, dass israelische Umwelt- oder Forstpolitik kritisiert wird. Eine solche Kritik ist legitim, notwendig und in vielen Fällen auch berechtigt. Problematisch ist vielmehr die Ersetzung fachlicher, historischer und ökologischer Analyse durch eine moralische Totalerzählung, deren Ergebnis bereits vor Beginn der Untersuchung feststeht. Wo Wissenschaft aufhört, ihre eigenen Voraussetzungen kritisch zu prüfen, verliert sie ihren erkenntnisorientierten Charakter. Sie wird zur Bestätigung dessen, was sie bereits zu wissen glaubt. Gerade deshalb wirft der Erfolg eines Aufsatzes wie „Oppressive Pines“ Fragen auf, die über den israelisch-palästinensischen Konflikt weit hinausreichen. Er betrifft nicht nur die Qualität einer einzelnen Publikation, sondern die Frage, welche Standards wissenschaftlicher Argumentation in Teilen des akademischen Betriebs heute noch gelten. Dass ein derart einseitiger, selektiver und methodisch schwacher Text in einer renommierten peer-reviewten Fachzeitschrift erscheinen konnte, sollte Anlass zur kritischen Selbstreflexion geben. Nicht nur in den Environmental Humanities, sondern weit darüber hinaus.
Literaturverzeichnis
Aburajab-Tamimi, Talat (2009): The market failures of Palestinian natural resources. Hebron University. Online verfügbar unter https://dspace.hebron.edu/xmlui/bitstream/handle/123456789/181/The%20market%20faluire%20of%20Palestinian%20natural%20resouces.pdf?sequence=1&isAllowed=y, zuletzt geprüft am 01.07.2026.
Albrecht, Monika (2023): Erinnerungspolitische Transformationen und koloniale Gewalt. In: Axel Dunker (Hg.): Postkoloniale Germanistik und Konflikte Im Globalen Kontext. Herausforderungen, Möglichkeiten und Ausblicke Im 21. Jahrhundert. Unter Mitarbeit von Michael Hofmann und Serge Yowa. Berlin/Boston: De Gruyter, S. 131–164.
Amir, Shaul; Rechtman, Orly (2006): The development of forest policy in Israel in the 20th century: implications for the future. In: Forest Policy and Economics 8, S. 35–51. DOI: 10.1016/j.forpol.2004.05.003.
Berkovits, Balázs (2021): Israel as a White Colonial-Settler State in Activist Social Science. In: Alvin H. Rosenfeld (Hg.): Contending with antisemitism in a rapidly changing political climate. Bloomington, Indiana: Indiana University Press (Studies in antisemitism), S. 75–95.
Cohen, Hillel (2026): Schattenarmee. Arabisch-palästinensische Kooperation mit dem Zionismus 1917-1948. Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage. Leipzig: Hentrich & Hentrich.
Conkar, Zeynep (2026): The wrong trees in the wrong land: How Palestinian soil is rejecting the ecology of occupation. TRT World. Online verfügbar unter https://www.trtworld.com/article/9ab8ec0a341a, zuletzt geprüft am 01.07.2026.
Cüppers, Martin (2025): Arabischer Antisemitismus und die Entstehung des Nahostkonflikts. Der Mufti, frühe deutsch-arabische Kooperationen und die verheerenden Konsequenzen. In: Stephan Grigat und Karin Stögner (Hg.): Projektiver Antizionismus. Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober. Baden-Baden: Nomos, S. 435–458.
Dinc, Pinar; Türk, Necmettin (2026): Roots of destruction: exploring the genocide-ecocide nexus through the destruction of olive trees in occupied Palestine and Rojava. In: The International Journal of Human Rights 30 (3), S. 576–600. DOI: 10.1080/13642987.2025.2541756.
Ehrlich, Michael (2021): The Jewish communities of Safed and Jerusalem during the fourteenth centruy. In: Journal of the Royal Asiatic Society 31 (4), S. 711-720. DOI: 10.1017/S1356186319000506
Elbe, Ingo (2021): Gestalten der Gegenaufklärung. Untersuchungen zu Konservatismus, politischem Existentialismus und Postmoderne. 2., überarbeitete Auflage. Würzburg: Königshausen & Neumann.
Elbe, Ingo (2024): Antisemitismus und postkoloniale Theorie. Der „progressive“ Angriff auf Israel, Judentum und Holocausterinnerung. 2. Auflage. Berlin: Edition TIAMAT.
Elbe, Ingo (2025): „Stop Genocide – Free Palestine“. Parolen postkolonialer Israelfeindschaft – eine Skizze. Archiv für kritische Gesellschaftstheorie. Online verfügbar unter https://kritischebildung.de/afkg/stop-genocide-free-palestine, zuletzt geprüft am 01.07.2026.
Elbe, Ingo (2026): „Postmoderner Wahn in Historyland“. Die Rückkehr der Götter in Dipesh Chakrabartys postkolonialer Theorie. In: Aufklärung und Kritik 33 (95), S. 192–206.
Gerber, Jan (Hg.) (2021): Die Untiefen des Postkolonialismus. Berlin: Edition TIAMAT (Hallische Jahrbücher, 1).
Ghattas, Roubina; Hrimat, Nader; Isaac, Jad (2006): Forests in Palestine. Applied Research Institute – Jerusalem (ARIJ). Online verfügbar unter http://forestry.arij.org/pdfs/2006%20forests%20in%20palestine.pdf, zuletzt geprüft am 01.07.2026.
Grigat, Stephan (2025): Linker Antizionismus im Mandatsgebiet Palästina und in Israel. Kommunistische Kooperation mit dem Mufti und Verharmlosung des Antisemitismus. In: Stephan Grigat und Karin Stögner (Hg.): Projektiver Antizionismus. Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober. Baden-Baden: Nomos, S. 527–556.
Grigat, Stephan; Stögner, Karin (Hg.) (2025): Projektiver Antizionismus. Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober. Baden-Baden: Nomos.
Gutiérrez Vázquez, Lucía; Amann Alcocer, Atxu; Martella, Flavio (2026): Greening the occupation: colonial landscape regulation in Palestine-Israel. In: Settler Colonial Studies 16 (1), S. 69–93. DOI: 10.1080/2201473X.2025.2498254.
Hechinger, Elias (2025): Klimakrise, Kapitalismus und die Rolle der Sozialwissenschaften. In: Sozialwissenschaftliche Rundschau 65 (4), S. 356–373.
Hechinger, Elias (2026): Postkoloniale Gegenaufklärung. Klimawissenschaft, Kosmologie und die Provinzialisierung des Wissens. In: Kritiknetz – Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft. Online verfügbar unter https://www.kritiknetz.de/ideologiekritik/1615-postkoloniale-gegenaufklaerung, zuletzt geprüft am 01.07.2026.
Heinisch, Heiko (2025): „Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft“. In: Konrad-Adenauer-Stiftung (Hg.): Angriff auf den Westen. Beiträge und Positionen zum Postkolonialismus in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Berlin: Konrad-Adenauer-Stiftung e.V, S. 49–60.
Israel Nature and Parks Authority (2026): En Prat Nature Reserve. Online verfügbar unter https://en.parks.org.il/reserve-park/en-prat-nature-reserve/, zuletzt geprüft am 01.07.2026.
Joseph, Lesley (2025): This Is What Ecocide Looks Like: Reflections on Israel’s War on the Environment in Gaza. In:Journal of Palestine Studies 54 (2), S. 82–87. DOI: 10.1080/0377919X.2025.2520728.
Kaplan, Moti (2011): National Outline Plan for Forests and Afforestation. NOP 22. Policy Document. KKL- JNF. Jerusalem. Online verfügbar unter https://faolex.fao.org/docs/pdf/isr201849E.pdf, zuletzt geprüft am 01.07.2026.
Kirsch, Adam (2025): Siedlerkolonialismus. Ideologie, Gewalt und Gerechtigkeit. Hg. v. Gesellschaft für kritische Bildung. Berlin: Edition TIAMAT.
Klein, Tamir (2020): A race to the unknown: Contemporary research on tree and forest drought resistance, an Israeli perspective. In: Journal of Arid Environments 172. DOI: 10.1016/j.jaridenv.2019.104045.
Land, Thomas (2023): Die konformistische Rebellion des Abolitionismus von Daniel Loick und Vanessa E. Thompson. Wie der Politaktivismus die theoretische Begriffsbildung ruiniert. In: Kritiknetz – Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft. Online verfügbar unter https://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/Land_Kritk_des_Abolitionismus.pdf, zuletzt geprüft am 01.07.2026.
Lenhard, Philipp (2024): „Go Back to Poland!“ Der Zionismus, Palästina und das Paradigma des Siedlerkolonialismus. In: Historische Zeitschrift 319 (3), S. 585–600. DOI: 10.1515/hzhz-2024-0035.
Marozzi, Justin (2025): Captives and Companions. A History of Slavery and the Slave Trade in the Islamic World. London: Penguin Books.
Morris, Benny (2023): 1948. Der erste arabisch-israelische Krieg. Hg. v. Gesellschaft für Kritische Bildung. Leipzig: Hentrich & Hentrich.
Nguyen, H. P. Gia (2025): Postcolonial studies’ blind spot and the Japanese contiguous colonisation of the Ryukyu Kingdom. In: Globalizations 22 (6), S. 1187–1204. DOI: 10.1080/14747731.2025.2510090.
Osem, Yagil; Brand, David; Tauber, Israel; Perevolotsky, Avi; Zoref, Chanoch (2024): Forest Management Policy of Israel. Guidelines for Planning and Management. KKL- JNF.
Osem, Yagil; Ginsberg, Paul; Tauber, Israel; Atzmon, Nir; Perevolotsky, Avi (2008): Sustainable Management of Mediterranean Planted Coniferous Forests: An Israeli Definition. In: Journal of Forestry 106 (1), S. 38–46.
Palestine Technical University - Kadoorie (2026): Master of Natural Resources & Forest Management. Online verfügbar unter https://ptuk.edu.ps/en/academic-programs/program.php?name=master-of-natural-resources-and-forest-management, zuletzt geprüft am 01.07.2026.
Paul, Axel T.; Leanza, Matthias (Hg.) (2020): Comparing colonialism. Beyond European exceptionalism. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag (Comparativ, 30. Jahrgang, Heft 3/ 4).
Pearce, Fred (2019): In Israel, Questions Are Raised about a Forest that Rises from the Desert. Yale Environment 360. Online verfügbar unter https://e360.yale.edu/features/in-israel-questions-are-raised-about-a-forest-that-rises-from-the-desert.
Perevolotsky, Avi; Sheffer, Efrat (2009): Forest management in Israel—The ecological alternative. In: Israel Journal of Plant Sciences 57, S. 35–48. DOI: 10.1560/IJPS.57.1–2.35.
Rensmann, Jörg (2013): Der Mythos Nakba. Fakten zur israelischen Gründungsgeschichte. Hg. v. Arbeitsgemeinschaften der Deutsch-Israelischen Gesellschaft e.V.
Rothschild, Alon (2019): The need to stop Afforestation in Sensitive Natural Sensitive Ecosystems in Israel and Conserve Israel’s Natural Landscapes. Hg. v. The Society for the Protection of Nature in Israel (SPNI).
Sasa, Ghada (2023): Oppressive pines: Uprooting Israeli green colonialism and implanting Palestinian A’wna. In: politics 43 (2), S. 219–235. DOI: 10.1177/02633957221122366.
Sasa, Ghada (2025): Resisting Green Colonialism: Palestinian and Islamic Strides Towards Justice and Sustainability. Dissertation, McMaster University, Hamilton.
Schorr, David (2014): Forest Law in Mandate Palestine: Colonial Conservation in a Unique Context. In: Frank Uekötter und Uwe Lübken (Hg.): Managing the unknown. Essays on environmental ignorance. New York: Berghahn Books, S. 71–90.
Szeftel, Daniel (2025): From Johns Hopkins to Beirut, and from Beirut to Columbia: a history of the ‘settler colonialism’ charge. Fathom Jornal. Online verfügbar unter https://fathomjournal.org/from-johns-hopkins-to-beirut-and-from-beirut-to-columbia-a-history-of-the-settler-colonialism-charge/?highlight=Szeftel, zuletzt geprüft am 01.07.2026.
Tal, Alon (2012): Israel’s New Bible of Forestry and the Pursuit of Sustainable Dryland Afforestation. In: Geography Research Forum 32, S. 81–95.
Tal, Alon; Billig, Miriam (2020): The Impact of Visits to Dryland Forests on Environmental Outlook: Results from a National Survey. In: Forests 11 (872). DOI: 10.3390/f11080872.
Ṭal, Alon (2013): All the trees of the forest. Israel‘s woodlands from the Bible to the present. New Haven Conn.: Yale University Press.
Wolfe, Patrick (2006): Settler colonialism and the elimination of the native. In: Journal of Genocide Research 8 (4), S. 387–409. DOI: 10.1080/14623520601056240.
[1] Sasas Artikel bzw. die dort formulierten Argumente wurden und werden in einschlägigen post- und dekolonialen sowie weiteren antizionistischen Milieus und (Fach-)Zeitschriften, insbesondere seit dem 07. Oktober 2023, äußerst positiv registriert und verbreitet. Vgl. bspw.: Joseph 2025; Gutiérrez Vázquez et al. 2026; Dinc und Türk 2026; Conkar 2026.
[2] Dass „Oppressive Pines“ nicht als isolierter wissenschaftlicher Aufsatz, sondern als Teil eines dezidiert aktivistischen Gesamtprojekts zu lesen ist, zeigt auch Ghada Sasas Dissertation (Sasa 2025). Die Einleitung verbindet religiöse Selbstverortung und politische Mobilisierung ausdrücklich mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit: „May Allah (SWT) have mercy on the souls of all our beloved martyrs“ (1); außerdem erklärt sie, „the need to sketch a liberated homeland is critically urgent now, since our salvation is imminent“ (8), und prognostiziert „the dismantlement of the Israeli settler colony within the next several years“ (8). Hinzu kommt die Gleichsetzung zionistischer Akteure mit Nationalsozialisten: „As anti-Semites, the Zionists not only closely mimicked but colluded with the Nazis from their initiation of the Holocaust during the 1930s.“ (13) „Oppressive Pines“ bildet dabei den ersten von drei Teilen der Dissertation und ist somit Teil eines umfassenden, programmatisch angelegten Projekts, in dem Analyse, politische Agitation und theologische Selbstvergewisserung eng verschränkt sind.
[3] Diese Gleichsetzung kolonialer Expansion mit einem „europäischen Eroberungsprojekt seit 1492“ ist auch historisch verkürzt. Sie blendet aus, dass bereits vormoderne arabisch‑islamische Reiche – von den frühislamischen Kalifaten bis zum Osmanischen Reich – großräumige Imperien errichteten, in denen militärische Expansion, Tribute und transsaharische wie indische Sklavenhandelsnetze zur dauerhaften Unterwerfung und Ausbeutung unterworfener Bevölkerungen führten. Vergleichbare, nicht‑europäische Formen imperialer Herrschaft finden sich zudem in Asien, etwa in der japanischen Kolonisierung des Ryūkyū‑Königreichs und der nachfolgenden Expansion nach Korea und Taiwan; die neuere Vergleichsforschung zu Imperien und Kolonialismus weist explizit darauf hin, dass koloniale Expansion kein europäisches Monopol war, sondern ein breites, nahezu universelles Kaleidoskop von Unterwerfung, Ansiedlung in fremden Regionen und Arrangements zwischen externen und internen Eliten umfasst (Paul und Leanza 2020; Marozzi 2025; Nguyen 2025).
[4] „More subtle forms of exclusion include the fencing of protected areas and the imposition of entry fees – and at least in the case of Ein Fara nature reserve, the provision of a considerable markdown for Jews, but not Palestinians […].“ (224) Sasa nennt weder konkrete Tarife, noch erklärt sie, auf welcher rechtlichen Grundlage die Rabatte gewährt wurden (Staatsangehörigkeit, Wohnort, Mitgliedschaft, Schulgruppen etc.). Sie setzt „Juden“ und „Palästinenser“ als Vergleichskategorien, obwohl die tatsächlichen Verwaltungsregeln oft nach Staatsangehörigkeit oder Aufenthaltsstatus differenzieren. Auf der offiziellen Seite des Wadi Prat Naturreservates (En Prat/ Ein Fara) wird, Stand Juli 2026, nicht nach Bevölkerungsgruppen unterschieden. Lediglich die vergünstigte Kategorie des „Israeli senior citizen“ wird genannt (Israel Nature and Parks Authority 2026).
[5] Ein Beispiel ist Sasas Behauptung, „Palestinians existed for centuries prior to the founding of Zionism, at which point only about 5% of Palestine’s population was Jewish“ (Sasa 2023: 221). Die Forschung rekonstruiert demgegenüber die Herausbildung einer spezifischen palästinensischen Nationalidentität im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert (vgl. bspw. Morris 2023; Lenhard 2024). Zugleich zeigen Studien zu den jüdischen Gemeinden im historischen Gebiet Palästina, dass es in Städten wie Jerusalem, Safed, Hebron und Tiberias über lange Zeiträume hinweg kontinuierliche jüdische Präsenz und Gemeindestrukturen gab (vgl. Ehrlich 2021).
[6] Im Falle der Juden ist eine überzeitliche Kollektivbindung jedoch tatsächlich plausibler als im Falle der Palästinenser, insofern die halachische Tradition seit Jahrhunderten eine religiös‑rechtliche Form von Zugehörigkeit definiert, die nicht erst mit der Moderne entsteht.
[7] Vgl. zur historischen Besonderheit des Zionismus und zu den Grenzen des Settler-Colonial-Paradigmas ausführlich Lenhard 2024; Grigat und Stögner 2025.
[8] Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Existenz des Masterstudiengangs „Natural Resources and Forest Management“ an der Palestine Technical University – Kadoorie, soweit ersichtlich der bislang einzige explizit forstwissenschaftliche Studiengang in Palästina (Palestine Technical University - Kadoorie 2026). Vergleichbare Studiengänge existieren in Israel nicht als eigenständige „Forestry“-Programme, sondern sind in Agrar- und Umweltstudiengänge integriert.
Mitglied werden: vorstand@kritischebildung.de