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Der teuflische Dritte

Zum Verhältnis von Antisemitismus und Rassismus

Erscheinungsjahr: 2026

In der Antisemitismustheorie finden sich zwei Extreme, die ihren Gegenstand gleichermaßen zu verfehlen drohen. Für das eine Extrem steht die nominalistische Position des US-amerikanischen Historikers David Engel, der in seinem Essay Away from a Definition of Antisemitism – eine Anspielung auf Gavin Langmuirs Monographie Toward a Definition of Antisemitism – den Sinn des Wortes Antisemitismus grundsätzlich infrage stellt (Engel 2009). Die Phänomene, die man ge­wöhnlich als antisemitisch bezeichnet, sind nach Engel teilweise derart disparat, dass er sich für präzisere, kontextbezogene Begriffe ausspricht. Engels Aufsatz hat große Aufmerksamkeit erfah­ren. Der israelische Historiker Amos Morris-Reich bezeichnet ihn als „perhaps the most important essay on the history of antisemitism to have appeared in the past decade or two“ (Morris-Reich 2024: 45).

Vertreter des gegenteiligen Extrems halten am Terminus Antisemitismus fest, ordnen ihn jedoch dem Allgemeinbegriff Rassismus unter. Anti­semitismus sei kein Phänomen sui generis, son­dern Teil eines Kontinuums moderner Stereoty­pie, Diskriminierung und Gewalt. Brian Klug for­muliert diese Kontinuumsthese so (bezugnehmend auf die von ihm mitverfasste Jerusalem Declaration on Antisemitism): „Antisemitism is racism against Jewish people; that is to say, discrimination, prejudice, hostility or violence against Jews as Jews.“ (Klug 2024) An anderer Stelle heißt es bei ihm:

There are numerous dots with different names: racism, antisemitism, xenophobia, Islamophobia, homophobia, and so on. [...] We need to single out each dot and bring it into focus. But we also need to see the complete picture that emerges when the dots are joined. In other words [...], antisemitism points beyond itself: it points to the myriad forms that bigotry can take. If, when we say ‘antisemitism’, we do not join the dots, then do we really know what the word means? (Klug 2014: 14)

Auf den ersten Blick scheint die Aussage unkontrovers: Antisemitismus ist ein fanatisches Vor­urteilssystem; es gibt Verbindungen zu anderen Vorurteilssystemen – und diese Verbindungen ergeben ein Gesamtbild. Was Vertreter der Kontinuumssthese von Vertretern eines irredu­ziblen Antisemitismusbegriffs trennt, sind nicht derlei Gemeinplätze, sondern Antworten auf eine Frage, die im Historikerstreit 2.0 (Grigat u. a. 2023) anhand eines konkreten Gegen­stands diskutiert wurde: Welche Verbindungen liegen vor (oder nicht vor) und welches Gesamt­bild ergibt sich aus ihnen? Die Frage lässt sich nicht nur anhand des Verhältnisses von koloni­aler Gewalt und Holocaust, sondern grundsätz­lich diskutieren: Was ist für das Verständnis von Antisemitismus gewonnen, wenn er unter Rassismus subsumiert wird? Und welche Konse­quenzen hat dies für den Rassismusbegriff? Wissen wir von beiden Phänomenen wirklich mehr (wie Klug meint) – oder weniger? Urs Lindner hat kürzlich Beiträge (2022: 277–280; 2024) zu dieser Frage vorgelegt, die sich von denen anderer Autoren abheben: Er be­hauptet nicht nur, dass Antisemitismus eine Form von Rassismus ist, sondern hinterfragt systematisch die Argumente derjenigen, die es anders sehen.

Die Positionen von Engel und Lindner et al. scheinen auf den ersten Blick unvereinbar – die eine sorgt sich um den Verlust der Spezifik der Gegenstände, die andere um den Verlust ihrer Überschneidungen –, und doch wird sich zeigen, dass sie eine ähnliche Wirkung entfalten: Wäh­rend die eine gar nicht mehr von Antisemitismus sprechen will, spricht die andere über Antisemi­tismus als etwas anderem. Der vorliegende Bei­trag plädiert demgegenüber für ein hermeneu­tisch fundiertes Antisemitismusverständnis, das einerseits hinreichend allgemein ist, um die epo­chenübergreifenden Gemeinsamkeiten antijüdi­scher Zuschreibungen zu erfassen, andererseits hinreichend bestimmt ist, um die Subsumtion unter den Rassismusbegriff als gegenstands­inadäquat zurückzuweisen.

Der nominalistische Angriff auf den Antisemitismusbegriff

Schon Gavin Langmuirs Frage „What is antisemitism, when did it start, and why?“ (1990: 1) ist für David Engel Symptom eines grundlegenden Problems. Bei der Definitionsfrage handele es sich um eine Falle, die sich Historiker selbst stel­len, indem sie aus der Alltagssprache den arbi­trären Antisemitismusbegriff übernehmen. Die­ser sei ein „metaphorical mental folder“ (Engel 2009: 40, Herv. d. Verf.), der Gemeinsamkeiten zwischen sehr verschiedenen antijüdischen Er­eignissen herstelle und zugleich deren relevan­ten Unterschiede systematisch ausblende.

Grundlage dieser Kritik ist Engels Unterschei­dung zwischen Ordnungssystemen, deren Kate­gorien sich alternativlos aus der Beschaffenheit natürlicher Objekte ergeben, und Ordnungs­systemen, die ihre Kategoriengrenzen konven­tionell festlegen. Alternativlose Ordnungs­systeme fänden sich in den Naturwissenschaften:

Some concepts have obvious physical referents: substances can be classified according to their chemical composition, living organisms according to their genomes, infectious diseases according to their microbial agents. Small wonder that there is little variation in the deployment of such concepts in different languages. (Ebd.: 33)

Bei konventionellen Ordnungssystemen hinge­gen richtet sich der Zuschnitt der Kategorien nicht nach der Natur der Sache, sondern nach den Bedürfnissen primärer Sprachgemeinschaf­ten – und aus eben diesen Sprachgemeinschaf­ten übernehmen viele professionelle Historiker ihre Begriffe. Anstatt also souverän die termino­logischen Mittel den Ergebnissen ihrer For­schung anzupassen – wie etwa Astronomen, die Pluto nicht länger als Planeten klassifizieren (ebd.: 34) –, betrachten viele, auf öffentliche Wir­kung bedachte Historiker ihre Gegenstände durch die Brille bereits vorhandener, kontingenter Begriffe.

Genau dies sei auch beim Antisemitismusbegriff zu beobachten. Zunächst habe es sich um eine eng umrissene Bezeichnung für jene Akteure ge­handelt, die Anfang der 1880er Jahre Gesetze forderten, um die sozialen, politischen und wirt­schaftlichen Probleme in den Griff zu bekom­men, die sich aus der jüdischen Emanzipation von 1871 ergeben hätten. „It did not signify any coherent set of ideas or beliefs; the suffix ‚ism‘ denoted activity (à la ‚baptism,‘ ‚plagiarism,‘ or ‚vandalism‘), not ideology. In particular, it was not used—again, contrary to a common assertion—to indicate ‚opposition to Jews‘ based on race instead of religion.“ (Engel 2024a: 36) Schon bald sei der Terminus jedoch als Oberbegriff für verschiedene, räumlich wie zeitlich weit auseinanderliegende Phänomene herangezogen wor­den. Diese Ausweitung sei das Ergebnis takti­scher und politischer Entscheidungen gewesen – sowohl der sich als ‚Antisemiten‘ organisieren­den Emanzipationsgegner als auch der Juden und Nichtjuden, die unterschiedliche Bedrohun­gen unter einem gemeinsamen Label bündelten, um sie als zusammenhängenden Trend auszu­weisen. So sei ‚Antisemitismus‘ in jüdischen Kon­texten rasch mit der älteren Vorstellung „sinat yisrael“ verbunden worden – eine Rückprojek­tion, durch die sich eine über zweitausend Jahre währende Geschichte des Antisemitismus erge­ben habe.

Die Extensionserweiterung wiederum habe eine Reifikation evoziert: Die Selbstbezeichnung be­stimmter Akteure sei in ein ontologisches Etwas verwandelt worden, das Ereignisse bewirkt. Symptomatisch ist für ihn ein Editorial der All­gemeinen Zeitung des Judenthums (1882), in dem es heißt: „Antisemitism [first] raised its head in a few parts of the Prussian state, then it jumped over to Russia, where it celebrated with frightful orgies, finally making its way, following an abortive attempt in Vienna, to Hungary, where it played its latest trump card, the blood libel.“ (Ebd.: 45) Der Antisemitismus erscheine hier als eigenständiger Akteur. Parallel dazu habe sich in vielen Analysen die Vorstellung durchgesetzt, die unter ‚Antisemitismus‘ subsumierten Phäno­mene gingen auf die Natur des Sozialen oder der menschlichen Psyche zurück.

Die Annahme einer einheitlichen mentalen Grundlage weist Engel zurück. Studien zu unter­schiedlichen historischen Ereignissen zeigten demnach, dass die beteiligten Akteure aus höchst verschiedenen Motiven handeln. „‘Antisemitic’ threats to Jews thus cannot be distinguished from other sorts on the basis on some purported common mental genotype. Nor does there appear to be any other possible ‚natural‘ basis for distinction.“ (Ebd.: 51) Engel kritisiert vor diesem Hintergrund die Versuche, den Begriff durch immer präzisere Definitionen zu retten, etwa indem man ihn, wie Langmuir, chimäri­schen Feindbildern vorbehalte und so von xeno­phoben Feindbildern abtrenne. Solche Typolo­gien seien bestenfalls zweckgebundene Ord­nungsschemata für spezifische Forschungs­fragen, würden aber problematisch, sobald sie die Essenz von Antisemitismus festzustellen beanspruchen (ebd.: 49). „In the end, it seems, ‚antisemitism‘ is indeed an invented analytical category, not a discovered one. As such, its boundaries are arbitrary; no statement about what antisemitism is or is not can compel acceptance except by social agreement.“ (Ebd.: 51)

Daraus zieht Engel eine forschungspraktische Konsequenz: Historiker sollten aufhören, Antise­mitismus als etwas Allgemeines zu behandeln, das sich am konkreten Material zeige, denn dies lenke nur davon ab, die „specific incidents, texts, laws, visual artefacts, social practices, and mental configurations“ (ebd.: 31) als das zu untersuchen, was sie sind: besondere Gegenstände. „No definition can rectify the damage such deflection invariably brings. Only a thorough rethinking of what the study of ‘antisemitism’ is supposed to reveal can rid historians of the blinders that the concept has imposed upon them.“ (Ebd.: 31) Seit 1990 habe er deshalb auf die Verwendung des Wortes Antisemitismus konsequent verzichtet. Es sei niemandem aufgefallen. „Finally, I have almost always been able, using contextual clues, to translate others’ use of ‚antisemitism‘ into more descriptively precise terms.“ (Engel 2024a: 40)

Was ist von dieser Position zu halten? Zunächst einmal adressiert Engel reale Probleme: Neben Redeweisen, in denen Antisemitismus als tätiges Subjekt erscheint, weist er zu Recht auf metho­dische Unzulänglichkeiten gewisser psychoana­lytischer oder ökonomiekritischer Antisemitismustheorien hin, denn diese lassen nicht unvor­eingenommen das empirische Material spre­chen, sondern nehmen das zu Erklärende nur insoweit in den Blick, wie es das vorgängige Erklärungsmodell erlaubt. Engels Mahnung an die Geschichtswissenschaft, ohne begriffliche Scheuklappen die Besonderheiten von Ereignis­sen zu erforschen, hat darüber hinaus die Konse­quenz, dass Wissenschaftler von der Definitions­frage entbunden sind und sich so auf ihre eigent­lichen Aufgaben konzentrieren können.

Betrachtet man die Sache näher, zeigt sich je­doch schnell, dass a) Engel mit seinen Forderun­gen bei vielen Antisemitismusforschern offene Türen einrennt, und b) die detaillierten Studien dieser Forscher (u. a. Haury 2002, Holz 2010, Rentz 2024, Salzborn 2010, Weyand 2016) für die sachliche Angemessenheit eines Antisemitismusbegriffs sprechen, der mehr Phänomene umfasst, als Engel es für vertretbar hält. Nach En­gel können judenfeindliche Akteure selbst dann, wenn sie zur selben Zeit und im selben sozialen Kontext äußerlich vergleichbar handeln, unter­schiedlich motiviert sein, weshalb es sich ver­biete, sie und ihre Handlungen unter denselben Allgemeinbegriff zu fassen. Entscheidend für den Antisemitismusbegriff, den u. a. Vertreter einer objektiven Hermeneutik in der Tradition von Ulrich Oevermann verwenden, ist jedoch nicht die Identität der Motivationen – auf die wir ohnehin keinen direkten Zugriff haben, noch nicht einmal in der Introspektion (Oevermann 2002: 2) –, sondern die antijüdische Semantik. Weit entfernt ein den Einzelfällen Gewalt antu­ender flatus vocis zu sein, bezeichnet das Wort Antisemitismus die aus der Analyse einer Vielzahl von Phänomenen erschlossenen Gemeinsam­keiten hinsichtlich des verborgenen Regelwerks antijüdischer Sinngenerierung. Diese latente Sinnstruktur ist zwar weder ein Subjekt noch eine soziale Universalie, aber sie lässt sich intersubjektiv überprüfbar anhand von Ausdrucksgestal­ten (z. B. Schriften oder Kunstwerken) erschlie­ßen. Sie bildet die sachliche Grundlage, auf der soziologische oder (sozial)psychologische Erklärungsansätze heranzuziehen sind: Relevant ist einzig und allein die Passgenauigkeit der The­orie zur semantischen Tiefenstruktur antijüdi­scher Ausdrucksgestalten.

Beim latenten Muster antisemitischer Sinn­gebung lässt sich ein epochenübergreifender Kern von zeitspezifischen Zuspitzungen und An­reicherungen dieses Kerns unterscheiden. Zum epochenübergreifenden Kern gehört erstens die Figur des Dritten. Diese von Holz (2005) in die Antisemitismusforschung eingebrachte Formu­lierung bringt zum Ausdruck, dass sich eine Wir-Gruppe auf zwei komplementäre Weisen herstellen lässt: zum einen durch die Abgren­zung von anderen, grundsätzlich gleichartigen Wir-Gruppen – diese Gruppen mögen als anders, unterlegen oder als Erbfeinde imaginiert werden, aber befinden sich insofern in einem symmetri­schen Verhältnis zur Eigengruppe, als sie auf demselben Gemeinschaftsprinzip aufbauen –, zum anderen lässt sich eine Gemeinschaft stiften durch die Konstruktion einer fundamental asym­metrischen Beziehung zu einer Fremdgruppe, die schon qua ihrer Existenz das gemeinschafts­stiftende Prinzip gefährdet und somit als existen­zielle Gefahr wahrgenommen wird – eine Gefahr, die auch alle anderen Wir-Gruppen präventiv ab­zuwenden genötigt sind. Der Jude ist der Dritte. Er steht außerhalb der intra und intergruppalen Ordnungen, obgleich er angeblich diese Ord­nungen von innen heraus zerstört.

Überliefert ist diese Vorstellung bereits aus dem biblischen Buch Ester, in dem der Großwesir Haman dem König Ahasveros über die Juden folgendes berichtet: „Es gibt ein einziges Volk, das über alle Provinzen deines Reiches verstreut lebt, aber sich von den anderen Völkern abson­dert. Seine Gesetze sind von denen aller anderen Völker verschieden.“ (Esther 3,8 EÜ) Im Namen des Königs ordnet Haman schließlich den Geno­zid an:

So sind wir zu der Ansicht gelangt, dass dieses Volk als Einziges sich gegen alle Menschen ohne Aus­nahme feindselig verhält, nach absonderlichen und befremdlichen Gesetzen lebt und sich gegen die In­teressen unseres Landes stellt und die schlimmsten Verbrechen begeht, sodass im Reich keine geord­neten Verhältnisse eintreten können“ (Ester 3,13 EÜ),

weshalb alle Juden „samt ihren Frauen und Kin­dern ohne Gnade und Erbarmen durch das Schwert ihrer Feinde radikal ausgerottet werden“ sollen (ebd.). Erst dann werde sich „unser Land [...] in Zukunft einer beständigen und ungestörten Ruhe erfreuen“ (ebd.).

Wie sich hier bereits andeutet, verweist die Figur des Dritten auf einen zweiten Kernbestandteil der antijüdischen Semantik: Sie gibt vor, viele Übel dieser Welt zu erklären. Ihr Angebot, Licht ins Dunkel zu bringen, ist deshalb so verlockend, weil sie die Vielfalt komplexer Sachverhalte auf das simple Muster personaler Herrschaft herunterbricht. Sie gibt damit Orientierung in einer Welt, die man nicht oder nicht mehr versteht. Zudem geht von ihr eine besondere Anziehungs­kraft aus, weil sie die Juden als verschworene Minorität präsentiert. Die imaginierten Juden sind keine soziale Gruppe, die ihren Macht­anspruch öffentlich artikuliert und mittels physi­scher Gewalt durchsetzt, sondern sie agiert im Hintergrund – sie umgibt die Aura eines gefähr­lichen Geheimbundes mit rätselhaften Ritualen.

Die beiden Kernbestandteile der antijüdischen Semantik laufen in der Vorstellung zusammen, Juden seien mit dem Teufel oder den Dämonen verbunden (Trachtenberg 1983), wobei sich die christlichen Adversus-Judaeos-Texte durch eine grundlegende Ambivalenz auszeichnen: So wird seit der Patristik einerseits substitutionstheologisch hervorgehoben, dass die Juden seit ihrem Verrat an Jesus Christus durch göttliche Strafe dazu verdammt sind, heimatlos und geknechtet auf der Erde umherzuirren – hier wird ihre Machtlosigkeit betont, um sich der Unwahrheit ihres und der Wahrheit des eigenen Glaubens zu vergewissern –, andererseits werden sie unter Rückgriff auf einschlägige Passagen in der Bibel (Joh 8,44; Offb 2,9; Ps 106,37) als gottesmörderi­sche Teufelsanhänger und Dämonenbeschwörer dargestellt – etwa bei Origenes, dem Märtyrer Pionius oder dem Kirchenvater Chrysostomus (Schreckenberg 1982: 230, 235 bzw. 268 bzw. 326). Im Hoch- und Spätmittelalter verschärft sich diese Assoziation, die selbst noch im Nationalsozialismus[1] herangezogen wird und bis heute das Judenbild prägt. Der Teufel ist eine überaus mächtige Figur – und damit explanative Größe. Er ist zwar ein geschaffenes Wesen und verfügt nicht über die absolute Souveränität Gottes, aber er ist der „Herrscher dieser Welt“ (Joh 12,31), der „Gott dieser Welt“ (2 Kor 4,4).

Die Teufelsidee dient in der christlichen Theolo­gie dazu, Gott von der direkten Verantwortung für das erklärungsbedürftige Böse zu entlasten, von dem Gott uns erlösen soll (Flasch 2015: 28). Was der Liebe und Wahrheit Gottes widerspricht, wird im Teufel als personale Macht gebündelt. Der Teufel ist intelligent, verführerisch, ein Täuscher: „der Satan, verstellt sich als Engel des Lichts“ (2 Kor 11,14). Das vorrangige Ziel des Teufels bestehe darin, den Heilsplan Gottes zu durchkreuzen. Er entfremdet die Menschen von Gott und voneinander: Er sät Misstrauen, zettelt Streit an, spaltet die gottestreue Gemeinschaft – und seine Kinder, die Juden, folgen ihm darin. Stets arbeiten sie daran, die soziale Ordnung zu untergraben. Auf dieser kulturfeindlichen Linie liegen die diabolischen Tabubrüche, die ihnen zugeschrieben werden. Sie mästen Griechen, um ihre Eingeweide zu verspeisen, töten die Prophe­ten, martern den Messias, opfern ihre eigenen Söhne und Töchter den Dämonen, führen Rituale an wehrlosen Kindern durch, essen mit Blut ge­backenes Brot, entnehmen Palästinensern ihre Organe. Als mordlustige Kannibalen tun sie mit Hingabe, was nach Freud (2000: 144f.) in nahezu allen Kulturen verpönt ist. Dabei agieren sie je­doch nicht als Triebwesen, die nicht um das Gute wüssten. Vielmehr ist ihre monströse Irrationali­tät von instrumenteller Vernunft und morali­schem Wissen geprägt. Die im 13. Jh. erfundenen Hostienschänder etwa wählen nicht nur rationale Mittel (sie erwerben Hostien von Christen), um ein rationales Ziel zu erreichen (sie versuchen ihren Reichtum zu mehren, indem sie Jesus mit den verletzbaren Hostien erpressen), sondern die an der Hostie wiederholte Kreuzigung des Messias ist ihnen auch unabhängig von solchen Zweck-Mittel-Überlegungen ein Bedürfnis, das sie kalkuliert-strategisch befriedigen (Schlettstadt 1974: 45‒47, 47‒49). Mit Kant ließe sich sa­gen: Der imaginierte Jude weist die „Gesinnung“ auf, „das Böse als Böses zur Triebfeder in seine Maxime aufzunehmen“ (AA VI, 37, Herv. d. Verf.); er „verwirft [.1 die Autorität des Gesetzes selbst, dessen Gültigkeit er sich doch vor seiner Ver­nunft nicht abläugnen kann“ (AA VI, 320). Der Jude weiß, dass Jesus der Sohn Gottes ist – und gerade deshalb kreuzigt er ihn. Sein „schlechthin böser Wille“ macht ihn zu einem „teuflischen Wesen“ (AA VI, 35), unterscheidet ihn von den Menschen, denen es „unmöglich“ (AA VI, 320) sei, gegen das aus Freiheit selbst gegebene mo­ralische Gesetz derart zu rebellieren:

Von Anfang an der Jude ist
Ein Mörder schon sagt Jesu Christ.
Und als Herr Jesu sterben mußt,
Da hat der Herr kein Volk gewußt,
Das ihn zu tot könnt quälen
Die Juden tat er wählen.
(Bauer 1936)

Der Jude ist der teuflische Dritte – und dies ist er auch für Judenfeinde, die nicht an den Teufel glauben.

Dieses semantische Grundgerüst lässt sich je nach den gesellschaftlichen Umständen mit ver­schiedenen Zuschreibungen anreichern. So wer­den Jüdinnen und Juden als Reaktion auf die so­zialen und ökonomischen Umwälzungen im 19. und frühen 20. Jh. für den Liberalismus, Feminis­mus, Kapitalismus und Kommunismus verant­wortlich gemacht. Die verschwörungstheoreti­sche Semantik kann auch dafür genutzt werden, den Juden die Corona-Epidemie anzulasten (Polta 2023). Das semantische Grundgerüst setzt noch nicht einmal voraus, dass explizit von Juden gesprochen wird – der Staat Israel kann ihre Rolle einnehmen, ohne dass sich an der semantischen Struktur etwas ändern würde. Dies erklärt auch, weshalb im so genannten 3D-Test von Natan Sharansky (2004) die Dämonisierung Israels zur Überprüfung des antisemitischen Gehalts von Aussagen herangezogen wird.

Halten wir fest: Das epochenspezifisch unter­schiedlich ausbuchstabierbare semantische Grundgerüst besteht in der Vorstellung einer besonders ausgeprägten Macht, die Jüdinnen und Juden im Verborgenen für ihre Zwecke ein­setzen, zu denen immer auch bewusst gesetzte Zwecke gehören, welche die Grundlagen von Kultur überhaupt angreifen.

Was könnte Engel dem entgegnen? In einem Sammelband, der kürzlich zu seinem Essay erschien, hat er auf den Beitrag von Susannah Heschel (2024), die am Antisemitismusbegriff festhält, wie folgt reagiert:

Consider, for example, the article by Susannah Heschel in this volume–the only one among them, on my reading, that actually claims a necessary connection linking all instances of „antisemitism.“ She locates that connection in an „affect“ purportedly „underlying“ all cases: „Antisemitism... is a regime of emotion demanding gratification,“ one that „stimulates pride, a sense of superiority, and the thrill of creating a new and revolutionary movement“ and „is about creating a fear of being vulnerable to ... degeneracy“ so powerful that „antisemites ... are relentlessly obsessed with Jews.“6 No doubt those statements are true for some acts and individuals who have borne the label „antisemitic.“ But they would seem prima facie to exclude, among others, many of the things Eli Lederhendler has termed the „low wattage“ „non-lethal“ forms of antagonism toward Jews and their symbolic projection, ‚the Jews‘“ that comonly go by the name „antisemitism“ in contemporary Western democracies. (Engel 2024b: 341)

Nach Engel gibt es alltägliche Formen der Herabsetzung, die wir gemeinhin als antisem­itisch bewerten: etwa „the doctor who praises a Jewish colleague for not overcharging the way some of ‚them‘ do, the editor who assumes a Jewish writer must have been a correspondent during the recent war instead of a combat soldier“ (ebd.) – nur sei keineswegs ausgemacht, dass solche Herabwürdigungen die emotionalen Dimensionen aufweisen, die Heschel erwähnt. Warum solle jemand von Juden besessen sein oder sich als Teil einer revolutionären Bewegung verstehen, nur weil er den Ausdruck „Jew him down“ verwende? Heschel, so Engel, habe zwei Möglichkeiten, auf diese Herausforderung zu reagieren. Ent­weder könne sie behaupten, dass auch diese Alltagspraktiken auf die emotionalen Befriedi­gungen zurückzuführen sind, die der Anti­semitismus gewährt. Weil Heschel aber keinen Zugang zu den Emotionen aller Menschen habe, fehle ihr ein Kriterium, um reale, aber nicht sichtbare Emotionen von nicht vorhande­nen Emotionen zu unterscheiden. Oder, dies wäre die zweite Möglichkeit, Heschel suche Zuflucht zu der Aussage, dass nur Menschen mit der angegebenen emotionalen Veranla­gung wahre Antisemiten seien – „a classic logical circle“ (ebd.: 342), weil Heschel zur Ver­teidigung ihrer Definition nur die empirischen Phänomene als antisemitisch gelten ließe, die zu ihrer Definition passen.

Lässt sich diese Kritik auf objektiv hermeneu­tische Ansätze übertragen? Nein, denn erstens stellen sie nicht auf Emotionen oder Motive ab, sondern auf Sinnstrukturen, und zweitens entziehen sich diese Sinnstrukturen nicht der empirischen Überprüfbarkeit, denn sie äußern sich in analysierbaren Korpora. Deshalb liegt drittens auch kein Zirkelschluss vor, wenn man die Möglichkeit zugesteht, dass gewisse Aus­sagen, die sich gegen Juden richten, nicht zwingend antisemitisch im Sinne der rekon­struierten semantischen Kernstruktur sein müssen. In vielen Fällen lassen Indikatoren je­doch auf eine Verbindung zur antisemitischen Semantik schließen. Nehmen wir den von En­gel erwähnten jüdischen Schriftsteller, dem unterstellt wird, während des Krieges Korres­pondent gewesen zu sein (und kein Soldat). Hermeneutiker würden an dieser Stelle hellhö­rig werden und weitere Konversationen des Sprechers untersuchen wollen, denn das Beispiel verweist auf die Vorstellung vom Juden als dem Dritten, der sich „unter allen nur möglichen Vorwänden drücke“, die Nation zu verteidigen, wie es der preußische Kriegsmi­nister Adolf Wild von Hohenborn 1916 formulierte.[2]

Ohne es zu wollen, belegt Engel hier, dass ihm selbst offensichtliche Indikatoren für semanti­sche Zusammenhänge entgehen. Zudem unter­schätzt er damit die Gefahr, die vom semanti­schen Zentrum der Insinuation des Editors aus­geht: Die Vorstellung, der Jude gehöre nicht zur Nation, ist kein „low wattage“-Vorurteil, sondern Teil eines Sinnkomplexes, der für Jüdinnen und Juden regelmäßig tödliche Kon­sequenzen hat.

Die Subsumtion von Antisemitismus unter Rassismus

Ein substanzieller Antisemitismusbegriff steht nicht nur unter nominalistischem Beschuss, sondern wird zunehmend von Vertretern anti­rassistischer und postkolonialer Theorien offen kritisiert.[3] Anstatt Antisemitismus über das Kriterium einer spezifischen Übermacht von Rassismus abzugrenzen, plädiert etwa Urs Lindner (2022: 277–280; 2024) im Anschluss an den Literaturwissenschaftler Michael Rothberg dafür, Antisemitismus als eine Form von Rassis­mus zu begreifen: Antisemitismus sei kein „soziales Verhältnis eigener Art“, sondern in einem „Kontinuum“ (ebd.: 1) rassistischer Entmenschlichung zu verorten. Bevor ich auf Lindners Argumente im Detail eingehe, werde ich zuvor Rothbergs Modell multidirektionaler Erinnerung skizzieren.

Rothbergs Konzept multidirektionaler Erinnerung

Während des Historikerstreits 2.0 sprach sich Michael Rothberg mit Jürgen Zimmerer (2021) dafür aus, Vergleiche der Shoah mit anderen Massenverbrechen zu enttabuisieren (ebenso Melber/Kößler 2020: 15). An der deutschen Erin­nerungskultur kritisieren sie einen selbstbewusst vorgetragenen Provinzialismus, der nicht nur die Einzigartigkeit der Shoah beteuere, sondern diese Beteuerung mit einem „Verbot des Ver­gleichs und In-Beziehung-Setzens“ (ebd.: 59) kombiniere. Zimmerer und Rothberg zufolge im­pliziere die Einzigartigkeit der Shoah jedoch kein Vergleichsverbot: Man könne die Einzigartigkeit gerade durch einen Vergleich mit anderen Mas­senverbrechen herausausarbeiten, da Vergleiche neben Gemeinsamkeiten eben auch Unter­schiede zutage fördern. Das deutsche Beharren auf der Unvergleichbarkeit der Shoah führe zu schwerwiegenden Problemen: Es isoliere die Shoah vom Rest der Geschichte, insbesondere vom kolonialen Vernichtungskrieg der National­sozialisten in Osteuropa, es vergebe „die Chance, eine inklusivere Erinnerungskultur zu entwickeln, wie sie der immer heterogeneren deutschen Gesellschaft angemessen wäre“ (ebd.), und es schwäche den Kampf gegen Antisemitismus – „denn singuläre Ereignisse können sich nicht wiederholen“ (ebd.). Wie ist diese Kritik zu be­werten?

Rothberg und Zimmerer geben zunächst vor, dass nicht die Singularitätsthese Gegenstand ihrer Kritik sei, sondern lediglich deren Verknüp­fung mit einem Vergleichstabu. Von einem sol­chen Tabu kann aber keine Rede sein, ist doch die Singularitätsthese das Resultat jahrzehnte­langer komparativer Forschung (Steinbacher 2022). Die Selbstinszenierung als mutige Tabubrecher kann nicht darüber hinweg­täuschen, woran sie sich in Wahrheit stoßen: Die Behauptung, das Beharren auf Singularität schwäche das „Nie wieder“, weil Singuläres sich nicht wiederholen könne, zielt offensichtlich nicht mehr auf ein vermeintliches Vergleichs­tabu, sondern auf die Singularitätsthese selbst. Verbirgt sich hinter dem anfänglichen Zu­geständnis, ein Vergleich könne die Einzigartig­keit der Shoah herausarbeiten, möglicherweise nichts weiter als die Trivialität, dass die Shoah – wie jedes andere historische Ereignis auch – raumzeitlich verortet und in diesem Sinne ein­zigartig ist?

Dieser Verdacht liegt schon deshalb nahe, weil Rothberg auch in anderen Schriften (2009, 2011) die Anerkennung der Besonderheit der Shoah zwar wiederholt als Kriterium gelingender multidirektionaler Erinnerung benennt, jedoch eine Analyse dieser Besonderheit überwiegend vermissen lässt. Vielmehr belegen die positiven Beispiele, die er für eine differenzsensible wie empathische Erinnerungspolitik anführt, dass er die sachlichen Differenzen zugunsten des über­greifenden Inklusionsziels bereitwillig auszu­blenden bereit ist. Ein solches Beispiel ist Alan Schechners Fotomontage The Legacy of Abused Children: from Poland to Palestine (2003), in der zwei Kinder – ein jüdischer Junge aus dem Warschauer Ghetto und ein palästinensischer Junge, der von israelischen Sicherheitskräften abgeführt wird – das Foto des jeweils anderen in den Händen halten. Rothberg kommentiert: „Man könnte die Arbeit Schechners leicht als Gleichsetzung der beiden Erfahrungen sehen. Aber [.1 diese Arbeit hat eine differenziertere Sichtweise, denn die Gegenüberstellung erfolgt mit dem Ziel der Solidarität.“ (2009: 13) Die Be­gründung ist aufschlussreich. Rothberg argu­mentiert nicht anhand des künstlerischen Materials sowie der Funktion der Warschauer Ghettos und der Geschichte des arabisch-israeli­schen Konflikts, warum die Situation der beiden Jungen nicht gleichgesetzt werde, sondern begründet die Differenziertheit der Arbeit mit der Motivation des Künstlers, die er diesem wohl­wollend attestiert. Das Material selbst spricht jedoch eine andere Sprache – die sowohl gravie­rende Unterschiede als auch relevante Verbin­dungen unterschlägt. Um nur einige zu nennen:

  1. Das Warschauer Ghetto war, wie Rothberg an anderer Stelle (2011: 526) selbst bemerkt, für hunderttausende Juden Transitpunkt ihrer De­portation in die Vernichtungslager. Der Gaza­streifen und das besetzte Westjordanland sind keine Warteräume eines weltanschaulich begrün­deten Auslöschungsprogramms, sondern Schau­plätze eines brutal ausgetragenen Konflikts.
  2. Während jüdische Kinder nicht dazu erzogen wurden, Deutsche zu hassen, zu vertreiben oder zu ermorden, wird in palästinensischen Schulen schon den Kleinsten beigebracht, dass der Jude ihr Todfeind und der Märtyrertod heldenhaft ist (IMPACT-se 2025). c) Die Propaganda, der die palästinensischen Kinder ausgesetzt sind, steht zum Teil in direkter Tradition der antisemiti­schen Weltanschauung der Nationalsozialisten.[4] Kurz: Wo historische Verbindungen wirklich vor­liegen, werden sie ausgeblendet, und wo die Un­terschiede überwiegen, werden sie nivelliert, um Verbindungen zu konstruieren. Dass Rothberg die Fotomontage wiederholt und uneinge­schränkt als positives Beispiel multidirektionaler Erinnerung anführt, zeigt ebenso wie seine über Hannah Arendt (2025: Band II und III) und Aimé Césaire (2021: 33, 43) vermittelte Deutung des Holocaust als „Bumerang-Effekt“ kolonialer Massengewalt,[5] dass er den wortreich vorgetra­genen Anspruch, neben Verknüpfungen auch die Einzigartigkeit der Shoah zu berücksichtigen, nicht einlöst und somit nur den Anschein von Ausgewogenheit erweckt.

Dass sein Konzept de facto auf eine Einebnung der Besonderheiten der Shoah hinausläuft, ist kein Zufall. Multidirektionale Erinnerung ist für Rothberg nicht nur ein analytisches Instrument, um erinnerungspolitische Diskurse zu ordnen und in ihrem Verlauf besser zu verstehen, son­dern auch ein normatives Programm: Sie soll Ein­wanderungsgesellschaften den „Weg“ ebnen zu einer „inklusiveren Schilderung der Geschichte der Erinnerung sowie zu einer Zügelung der Fol­gen von Gewalterbschaften im Interesse einer egalitäreren Zukunft“ (2009: 48). Für Rothberg ist Erinnerung ein Mittel, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken – und der Zusammen­halt lasse sich nur stärken, wenn die Gemeinsam­keiten der Gewaltgeschichten im Zentrum stehen, denn nur „a litany of shared suffering produces a strong form of empathetic identification“ (2011: 536). Die Spezifika der Opfer­geschichten sind in dieser Perspektive ein poten­zieller Störfaktor und können höchstens als Randaspekte berücksichtigt werden. Erinnerung soll zwar aus verschiedenen Richtungen kommen, aber um unproduktive Opferkonkurrenz zu vermeiden und wechselseitige Empathie zu ermöglichen, sollen Opfergeschichten so erzählt werden, dass sie sich im gemeinsamen Punkt des Leids treffen. Dan Diner hatte dies voraus­gesehen: „An die Stelle des verloren gegangenen historischen Urteilsvermögens tritt ein universell drapierter moralisierender Diskurs über unter­schiedslose Opferschaft“ – und dieser wird „vor der Geltung und Bedeutung des Holocaust“ nicht „Halt machen“ (Diner 2020 [2007]: 11).

Lindners multidirektionales Rassismuskonzept

Urs Lindner knüpft explizit an Rothberg an. Er unterscheidet zwar stärker als Rothberg die „politischen Effekte“ der Theorie von „der Frage der sachlichen Angemessenheit (Lindner 2024: 5), teilt aber sowohl Rothbergs Ziel, „existierende Spaltungen zwischen subordinierten und vulnerablen Minderheiten [...] zu überwinden“ (ebd.), als auch dessen rassismustheoretisches Antisemitismusverständnis. Um letzteres zu untermauern, versucht Lindner die Haupt- und Nebenargumente der Gegenseite zu widerlegen. Im Folgenden werde ich erst Lindner ausführlich zitieren und anschließend meinerseits kommen­tieren:

Hauptargument (1): Der Antisemitismus schreibt Jüdinnen:Juden Übermacht zu, während der Rassismus seine Opfer als unterlegen konstruiert. Gegenargument: In der Tat werden im Kolonial­rassismus Schwarze und Indigene zumeist als unterlegen konstruiert. Es gibt jedoch auch Rassismen, die Überm achtzuschreibun gen vor­nehmen, wie etwa den anti-Tutsi-Rassismus in Ruanda oder den antichinesischen Rassismus in Südostasien. Dagegen zeichnet den (modernen) Antisemitismus aus, dass Jüdinnen:Juden als besonders ambivalent konstruiert werden, dass sie häufig als zugleich überlegen und unterlegen, hyperzivilisiert und rückständig, unsichtbar und sichtbar, „westlich“ und „östlich“ bzw. „orienta­lisch“, zu universell und zu partikular gelten. Weil sie einen kategorialen Unterschied zum Ras­sismus behauptet, kommt die Trennungsthese zu keinem adäquaten Verständnis von Antisemitis­mus: Sie sieht nur die Personifizierung der abs­trakten Seiten der Moderne („Geld und Geist“, Kapitalismus und Kommunismus, Jüdinnen:Juden als Strippenzieher:innen) und verfehlt damit die fundamentale Ambivalenz vieler antisemitischer Konstruktionen. Demgegenüber geht das multidirektionale Rassismusmodell von einem Konti­nuum von Überlegenheits- und Unterlegenheits­konstruktionen aus. Ihm zufolge liegt die Spezifik vieler Manifestationen von Antisemitismus darin, dass sie beide Pole – hoch widersprüchlich – um­fassen. Gleichzeitig setzt das multidirektionale Modell einen anderen Akzent: Rassismus unterscheidet sich von „ethnischen“ Abwertungen durch Praktiken der Entmenschlichung. Rassifizierte Gruppen werden zu „Infra-Menschen“ (einige menschliche Eigenschaften werden ihnen abgesprochen), „Unter-Menschen“ oder „Anti-Menschen“ herabgesetzt. (Lindner 2024: 3)

Beginnen wir mit dem Hauptargument der „Trennungsthese“ (die eigentlich nur eine Kategorienthese auf Basis hinreichend differenter Zuschreibungen ist). Mit dem Gegensatzpaar über­legen vs. unterlegen enthält es ein Unterschei­dungskriterium, das Angriffsflächen bietet, die Lindner in seinem Gegenargument auszunutzen weiß: Weder werden Juden nur als überlegen noch werden Rassifizierte nur als unterlegen imaginiert. Leider gibt Lindner nicht an, wer die­ses Hauptargument in dieser simplen Form ver­tritt. Nehmen wir mit Moishe Postone einen Klas­siker der Antisemitismustheorie, auf den sich viele Vertreter der von Lindner kritisierten Kategorienthese beziehen. Aber tun sie dies über­haupt zurecht? Wie kann Postone ein Gewährs­mann der Kategorienthese sein, wenn er den modernen Antisemitismus zwar von „anderen Formen des Rassismus“ (2005: 178) unterschei­det – ihn damit aber implizit dem Rassismus zu­ordnet? Der Grund ist folgender: Die nominale Zuordnung ist für Postone nebensächlich. Nach­druck legt er hingegen darauf, dass sich antise­mitische Zuschreibungen von anderen Zuschreibungen grundlegend unterscheiden. Postone zu­folge (ebd.: 178f.) betrifft dieser Unterschied a) das Ausmaß der den Juden zugeschriebenen Macht, b) deren Wirklichkeit/Effektivität (den Rassifizierten wird durchaus Macht zugespro­chen, diese materiell und sexuell konnotierte Macht gilt aber nur als potentielle, kontrollier­bare Gefahr) und c) deren Qualität (sie gilt als abstrakt, unfassbar, universell, ortlos) – woraus sich der „systemartige[...] Charakter“ des moder­nen Antisemitismus ergibt, d. h. sein Anspruch, „die Welt zu erklären“ (ebd.: 179). Postones Begründung dieser Differenz – sie erfolgt über eine spezifische Lesart der marxschen Fetischtheorie – lässt sich kritisch diskutieren (Ellmers 2024: 14ff.); für die hier verhandelte Frage kommt es jedoch allein darauf an, dass Postones grund­legende Unterscheidung auf den Spezifika der Machtzuschreibung beruht – und nicht darauf, dass Juden als per se überlegen und alle anderen Fremdgruppen als per se unterlegen eingestuft würden. Lindners Kritik des Hauptarguments der Kategorienthese trägt damit nicht besonders weit. Es mag Antisemitismusforscher geben, die das Argument so verkürzt vertreten, wie Lindner es präsentiert (was bei Bernstein/Küpper 2021: 277f.; Elbe 2024: 34‒51; Grigat 2025: 58f. und vielen anderen nicht der Fall ist), für die Ein­stufung von Antisemitismus als einer Form von Rassismus wäre es jedoch erforderlich, sich an den stärksten Positionen der Kategorienthese abzuarbeiten. Nur wenn sie versagen, spräche dies für die Kontinuumskonzeption.

Kommen wir zu Lindners Gegenargument. Ihm zufolge „zeichnet“ sich der (moderne) Antisemi­tismus durch die Ambivalenz der Zuschreibungen aus: Juden werden häufig als überlegen und als unterlegen dargestellt. Diese Ambivalenz sei eine „Spezifik vieler Manifestationen von Anti­semitismus“ (Lindner 2024: 3). Die Formulierun­gen Auszeichnung und Spezifik können zweierlei meinen: entweder die charakteristische Beschaffenheit/Eigenart eines Gegenstands (die sich mit denen anderer Gegenstände überschneiden kann) oder ein Alleinstellungsmerkmal (eine Eigenschaft, die nur diesem Gegenstand zukommt). Da Lindner mit den chinesischen Minderheiten in Südostasien und den Tutsi in Ruanda weitere Beispiele für ambivalente Zuschreibungsmuster anführt, scheidet ein Ver­ständnis von „Spezifik“ im Sinne eines Alleinstellungsmerkmals aus. Es wiederholt sich das von Rothberg bekannte Muster: Lindner legt Wert darauf, die Besonderheit/Spezifik/Eigentümlichkeit des Antisemitismus zu erfassen (und spielt so mit der Ambiguität dieser Begriffe), meint aber lediglich einen graduellen Unter­schied – eine etwas ungewöhnliche Gewichtung im „Kontinuum von Überlegenheits- und Unter­legenheitskonstruktionen“ (ebd.).

Wie Lindner gehe ich davon aus, dass antisemi­tische Zuschreibungen eine fundamentale Ambi­valenz aufweisen – sie verschränken die Pole der Rationalität und Irrationalität. Damit ist die Spezifik der antisemitischen Stereotypie jedoch nicht hinreichend erfasst. Diese besteht vielmehr in der Eigentümlichkeit der dem Juden zugeschrie­benen Irrationalität, die ich in Anlehnung an Klaus Holz als Figur des teuflischen Dritten bezeichne: Während die im Rassismus zuge­schriebene Irrationalität animalisch und damit gewissermaßen schuldlos ist, wird der Jude selbst noch bei der Verfolgung von Zielen, die das menschliche Zusammenleben angreifen, als Meister der instrumentellen Rationalität und der strategischen Tarnung vorgestellt. In der an­tisemitischen Weltanschauung widerstreitet nicht eine primitive Kultur einer höherstehenden Kultur, sondern der Jude ist eine existenzi­elle Gefahr für jede Kultur, da er das Böse um seiner selbst willen mittels Täuschung, Lüge und Verschwörung intentional verfolgt. Dies zeigt sich selbst noch auf der Ebene antisemitischer Sexualbilder:

In rassistischen Kontexten beruht die den Rassifizierten zugeschriebene Macht auf erster Natur, was sich insbesondere in projektiven Bildern der sexuellen Potenz rassifizierter Männer man ifestiert, wobei häufig das rassistische Bild des ‚schwarzen Vergewaltigers‘ hinzukommt. Diese unterstellte Macht wird als hirnlose Naturgewalt dargestellt, die durch konsequente Beherrschung und Ausbeutung gezähmt werden müsse. Um­gekehrt wird die den Juden:Jüdinnen zugeschrie­bene Macht nicht als erste, sondern als zweite Natur dargestellt – eine Natur, die durch einen angeblich subversiven Geist degeneriert sei. Dies spiegelt sich auch in antisemitischen Sexualbildern wider: Jüdische Männer werden nicht als Vergewaltiger, sondern als hinterhältige Verführer dargestellt, die sich mit Geld und Tücke die Gunst „arischer“ Frauen erschleichen und so die „Reinheit des Volkes“ von innen heraus zerstören würden. Die den Juden zugeschrie­bene Macht ist nicht natürlich und deshalb nicht zähmbar, sondern allgegenwärtig, subversiv und zutiefst böse. (Stögner 2025: 167f.; vgl. auch Grigat 2025: 59)

Unterstrichen wird dies durch die Zuschreibung körperlicher Entstellungen: Sowohl die Haken­nase als auch die O-Beine verweisen auf den Teufel. Selbstverständlich gibt es antijüdische Zuschreibungen, die darin nicht aufgehen. So werden Juden regelmäßig als physisch unterlegen darstellt: als klein, dicklich und platt­füßig. Diese Zuschreibungen lassen sich als Erweiterungen des Antisemitismus um rassis­tische Elemente deuten, welche sich für die Idee einer jüdischen Verschwörung als funktional erweisen: Zum einen müssen die Juden in gewissen Hinsichten als schwächer dargestellt werden, weil der Kampf gegen sie sonst aussichtslos wäre, zum anderen lebt die Konstruktion einer Verschwörung davon, dass ihre Beteiligten feige sind und nach außen als unterlegen erscheinen.

Nach Lindner gehört Antisemitismus zur Kate­gorie des Rassismus, wobei sich Rassismus von ethnischen Herabsetzungen „durch Praktiken der Entmenschlichung“ (Lindner 2024: 3) un­terscheide. Auch hier klingt es auf den ersten Blick nach einer differenzsensiblen Position: Einige Konstruktionen homogener Rassen, Völker oder Ethnien entmenschlichen, andere nicht. Und auch auf den zweiten Blick spricht nichts gegen diese Binnendifferenzierung. Ein­wenden ließe sich jedoch, dass Rassismen zwar entmenschlichen, dass aber nicht jede ethni­sche Entmenschlichung umgekehrt als Rassis­mus bezeichnet werden kann – jedenfalls nicht, ohne einen Preis dafür zu zahlen. Weil Lindner Antisemitismus als eine Form von Rassismus und Rassismus als einen bereichsbezogenen Ausdruck von Entmenschlichung schlechthin bestimmt – sonst könnte Antisemitismus nicht unter Rassismus subsumiert werden –, gerät nämlich das Besondere rassistischer Zuschreibungen aus dem Blick: Diese sprechen den betroffenen Gruppen Vernunft, Intellekt und Selbstdisziplin ab und assoziieren sie mit erster Natur. Indem Lindner Antisemitismus unter Rassismus subsumiert, marginalisiert er also nicht nur die spezifische Differenz des Anti­semitismus zur bloßen Nuance allgemeiner Entmenschlichung, sondern entkernt selbst noch den Rassismusbegriff. Wie bei Brian Klug, der Antisemitismus als Rassismus und Rassis­mus als Diskriminierung, Vorurteil, Feindschaft und Gewalt bestimmt, geht seine gedankliche Bewegung von den gegenstandskonstitutiven Zuschreibungslogiken zu einer realen Gemein­samkeit recht allgemeiner Art (Entmenschli­chung). Es ist so, als ob Lindner sagen würde:

Ein Walhai (ein Fisch mit Kiemen) ist eine Form des Wals (ein Säugetier mit einer Lunge) – nur um dann ‚Wal‘ dadurch zu definieren, dass er im Wasser schwimmt. Am Ende weiß man weder, was ein Walhai, noch was ein Wal ist.

Lindner lässt diesen Einwand nicht gelten. Er ver­weist darauf, dass sein weiter Rassismusbegriff es durchaus erlaube, die unterschied­lichen Rassismen in ihrer jeweiligen Spezifik zu untersuchen (Lindner 2022: 280): „Keines seiner Exemplare geht im Gattungsbegriff des Rassis­mus auf, ein jeder Rassismus ist mehr als dieser Gattungsbegriff.“ (Lindner 2024: 5) Und damit hat er recht. Seine nominale Festlegung präjudi­ziert keinen inhaltlichen Reduktionismus. Aber sie bereitet den Weg dafür – der im postkoloni­alen (oder postkolonial inspirierten) Mainstream auch häufig genutzt wird. Einige Beispiele:

  • Enzo Traverso nutzt die Subsumtion von Antisemitismus unter Rassismus, um einen Wechsel der Opfer zu diagnostizieren: „Today, racism has changed its forms and its targets: the Muslim immigrant has replaced the Jew.“ (Traverso 2016) Abgesehen davon, dass anti­semitische Einstellungen nicht durch antimusli­mische Einstellungen ersetzt wurden – laut Motra-Monitor (Kemmesies u. a. 2026: 90) wie­sen 2025 in Deutschland 14,5 % der Gesamt­bevölkerung eine manifeste oder latente anti­semitische Einstellung auf, gemäß einer Studie der Anti-Defamation League (2025) hegen welt­weit sogar 46 % der Erwachsenen ausgeprägte antisemitische Ansichten –, nivelliert Traverso die Unterschiede zwischen den Semantiken. Dies gilt auch für Iman Attia, der zufolge „die Angst vor muslimischer Weltbeherrschung [...] Verschwörungsmythen über die jüdische Welt­beherrschung abgelöst“ (Attia 2009: 75) habe. Lorenzo Veracini meint ebenfalls, „Islamophobia can be seen as a surrogate for antisemitism—often it spreads when the other recedes“ (Veracini 2022: 99). Dass „Islamophobie“ als Ersatz für Antisemitismus fungieren könne, liege an der Ähnlichkeit der Zuschreibungen: „Moreover, both phobias identify an unassimilable alien agency that has entered an imagined national or cultural space and will remain forever alien. They also both rely on similar allegations concerning conspiracies“ (ebd.: 98). Veracini übersieht hier zweierlei: Erstens entgeht ihm (wie auch Alana Lentin 2020: 190), dass stereotypisierte Muslime nicht in der Figur des (teuflischen) Dritten gedacht werden. Rechtsextreme, die ihre „Remigration“ fordern, unterstellen zwar unüberwindbare kulturelle oder biologische Differenzen, sodass eine nationale Gemeinschaft mit ihnen nicht möglich sei, eine internationale Koexistenz mit islami­schen Staaten schließen sie aber nicht aus. Anstatt Muslime als hochrational-subversive Feinde der Weltgemeinschaft zu brandmarken, beneiden sie sie zuweilen sogar offen für ihre religiöse Hingabe sowie ihr Werte- und Traditionsbewusstsein. Zweitens übersieht Veracini die grundlegenden Differenzen zwi­schen antisemitischen und antimuslimischen Verschwörungstheorien – sowohl in Bezug auf die sozialen Probleme, die sie thematisieren, als auch in Bezug auf die Akteure, die für die Probleme verantwortlich sein sollen. Deut­lich wird dies in Verschwörungserzählungen, in denen beide Gruppen auftauchen, denn hier spielen sie in der Regel unterschiedliche Rollen (Grigat 2025: 60): etwa wenn Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten nur als passive Statisten des mächtigen jüdischen Bänkers und Strippenziehers George Soros in Erschei­nung treten.
  • Auf einer Ausblendung der semantischen Be­sonderheiten des Antisemitismus beruht auch die These Gil Anidjars (2017: 205), Juden seien in Auschwitz als Muslime ermordet worden. Anidjar bezieht sich hier auf Giorgio Agambens These, das nationalsozialistische Vernichtungslager sei nicht primär auf die Auslöschung der Jüdinnen und Juden, sondern „vor allem“ auf die experi­mentelle „Produktion des Muselmanns“ (Agamben 2017: 75) ausgerichtet gewesen. Mit dem Wort ‚Muselmann‘ bezieht er sich auf den Lager­jargon für Häftlinge im völlig apathischen End­stadium des Entkräftungstodes. Die Bezeichnung, so vermutet Agamben (ebd.: 38f.), gehe auf das Stereotyp des Muslims zurück, der jede Gege­benheit als Wille Allahs passiv hinnimmt. Anidjar wiederum sieht darin einen Beleg für seine These, dass der Nationalsozialismus im Sinne Edward Saids eine ‚orientalistische‘ Bewegung gewesensei, d. h. der NS habe sich gleichermaßen gegen Araber und Juden gerichtet: „Orientalism, aka Islamophobia, aka antisemitism“ (Anidjars 2017: 205).[6]
  • Jedes Gespür für die Besonderheiten des Anti­semitismus lässt auch Karen Brodkin in ihrem viel beachteten Buch How Did Jews Become White Folks Bevor die amerikanischen Juden nach dem Zweiten Weltkrieg in die Mittelschicht aufgestiegen seien und einen „whitening process“ (1998: 37) durchlaufen hätten, seien sie ebenso wie Einwanderer aus Südosteuropa, Afroamerikaner, amerikanische Ureinwohner und Mexikaner rassistisch diskriminiert worden: „The Protestant elite complained that Jews were unwashed, uncouth, unrefined, loud, and pushy.“ (Brodkin 1998: 30) Nachdem die Juden jedoch als Teil der weißen Dominanzgesellschaft anerkannt worden seien, sei „anti-Semitism“ (ebd.: 36) aus der Mode gekommen und in den Untergrund verdrängt worden (ebd.: 37). Zusammengefasst: Brodkins Deutung der Geschichte amerikani­scher Jüdinnen und Juden über die Color Line nivelliert erst die Besonderheiten antijüdischer Zuschreibungen (Kolchin 2002: 161; Berkovits 2018: 94), marginalisiert dann Antisemitismus als ein weitgehend überwundenes Problem der Ver­gangenheit (ebd.) und stellt schließlich Jüdinnen und Juden nach 1945 mindestens als Profiteure rassistischer Diskriminierung dar.

Diese Beispiele verdeutlichen: Antisemitismus als Ausprägung von Rassismus zu bezeichnen, schließt zwar theoretisch nicht aus, die beson­dere semantische Struktur des Antisemitismus zu analysieren, sieht man sich jedoch die diskur­sive Funktion und die diskursiven Effekte der begrifflichen Subsumtion an, zeigt sich, warum sie von Teilen der Antisemitismusforschung abgelehnt wird.

Sollte also eine scharfe Trennung von Antisemi­tismus und Rassismus vorgenommen werden? Keineswegs. Die analytische Kategorie Antisemi­tismus meint ein spezifisches Zuschreibungsmuster, eine im Kern hinreichend differente semantische Struktur oder ein besonderes Set an Regeln der Sinngenerierung. Opfer der beson­deren Art und Weise, die Welt zu interpretieren, sind zwar regelmäßig Jüdinnen und Juden – weshalb sich der auf Jüdinnen und Juden ver­weisende Signifikant ‚Antisemitismus‘ zur Be­zeichnung der Kategorie Antisemitismus durch­gesetzt hat –, aber das bedeutet weder, dass Jüdinnen und Juden nicht auch rassistisch stigmatisiert und verfolgt werden können (Brodkin 1998), noch bedeutet es, dass Kern­elemente der antisemitischen Semantik nur in Bezug auf Jüdinnen und Juden Anwendung finden. Offenkundig sind Übertragungen beim spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Hexenbild. Schon das Wort Hexensabbat und die Ästhetik des Bösen (Hakennase etc.) deuten darauf hin. Imaginiert wird eine im Bund mit dem Teufel stehende Geheimsekte boshafter Magier (meist Frauen), die für eine Vielzahl von Schäden und Katastrophen verantwortlich seien (das erst­mals 1486 gedruckte Malleus Maleficarum listet 18 Arten auf, behext zu werden; genannt werden u. a. Ernteausfälle, Viehsterben, Impotenz und Krankheiten).

Semantische Überschneidungen weist auch der Antiziganismus auf. Wenn es in der Dialektik der Aufklärung heißt, die imaginierten Juden trügen die der totalitären Herrschaft verhassten Züge „des Glückes ohne Macht, des Lohnes ohne Arbeit, der Heimat ohne Grenzstein“ (Horkheimer/Adorno 1998: 225) – so gilt dies auch, sogar in besonders treffender Weise, für das Bild der Sinti und Roma: Mit der von Romantisierung bis faszinierender Verachtung reichenden Konstruktion des ‚fahrenden Volks‘, das keiner geregelten Erwerbsarbeit nachgehe, sondern aus Schaustellern, Musikanten, Bettlern und Delin­quenten bestehe, wird eine verführerische Bedrohung der nationalen Gemeinschaft und ihres Arbeitsethos imaginiert (Schönfelder 2026). Im Unterschied zur antisemitischen Konstruktion gelten Sinti und Roma jedoch als ungebildet, un­diszipliniert und arm, als vorzivilisiert-archaisch (End 2016: 56). Ihnen wird nicht die Macht unter­stellt, das Weltgeschehen zu steuern. Sie zetteln keine Kriege an, lenken nicht die Finanzströme, kontrollieren nicht Presse und Politik. Antiziganistische Zuschreibungen arbeiten also mit der Figur des Dritten (Freckmann 2022) und teilen damit ein Kernelement des Antisemitismus, aber ihnen fehlt die explanative Tiefe der antisemiti­schen Feindkonstruktion (Grigat 2007: 312f.).

Lindner verweist ebenfalls auf den Antiziganismus. Sein Argument lautet, die Trennung von Antisemitismus und Rassismus lasse sich nicht anhand der Figur des Dritten begründen, weil diese auch auf Sinti und Roma angewendet werde. Dagegen wäre einzuwenden: Unterschei­det man Antisemitismus als Kategorie (als Zuschreibungsmuster) von Antisemitismus als Ter­minus, der auf Jüdinnen und Juden verweist, bereitet es keine Schwierigkeiten, Konstruktionen anderer Fremdgruppen auf das Vorhandensein antisemitischer Elemente zu untersuchen.[7]

Ein zentraler Punkt in der Diskussion über Unter­schiede und Gemeinsamkeiten von Rassismus und Antisemitismus wird von Lindner als „Nebenargument“ vorgetragen: „Nebenargument (1): Der Antisemitismus ist eine verschwö­rungstheoretische Weltanschauung (hinter je­dem Übel steckt ‚der Jude‘), während der Rassis­mus keine ähnlich umfassende Ideologie ist.“ (Lindner 2024: 4)

Dieses Argument – welches es verdient gehabt hätte, als Hauptargument diskutiert zu werden –, versieht Lindner mit einer unplausiblen Erläu­terung: Wer meine, Antisemitismus sei eine verschwörungstheoretische Weltanschauung, behaupte, Antisemiten gingen davon aus, dass „hinter jedem Übel“ der Jude stecke. Dies ist nicht zutreffend. Vielmehr ist es in der Antisemitismusforschung weitgehend Konsens, dass Antisemitismus mit anderen Vorurteils­strukturen in hohem Maße korreliert. Personen, die sich antisemitisch äußern oder antisemitisch handeln, sehen meist nicht nur in Juden ein Übel; ihr Groll richtet sich auch gegen Aus­länder, die uns auf der Tasche lägen, gegen die Regierung, die diese hereinließe oder nicht abschöbe, gegen Frauen, die die Karriere den Kindern vorzögen, sowie gegen Sinti und Roma, die ohnehin nur stehlen würden. Auffäl­lig ist zudem, dass der adversative Nebensatz („während der Rassismus keine ähnlich umfas­sende Ideologie ist“) auf die Erklärungs­reichweite der Ideologie abzielt, während der Hauptsatz mit dem Adjektiv „verschwörungs­theoretisch“ den Erklärungsmodus der Ideolo­gie mitadressiert. Dieser Unterschied wieder­holt sich in Lindners Kritik:

Gegenargument: Auch Rassetheorien [sic] können als umfassende Welterklärung auftreten. Ver­schwörungstheorien finden sich in den meisten Rassismen, wenn auch in (sehr) unterschiedlicher Ausprägung. Gleichzeitig gibt es viel Antisemitis­mus, der sich nicht weltanschaulich verdichtet, der z. B. in Form einzelner Stereotype existiert, über die sich die jeweilige Akteur:innen gar nicht be­wusst sein müssen. Wenn es zum Kern des Anti­semitismus gehört, eine Weltanschauung zu sein, müssen immer dann, wenn es zu Antisemitismus kommt, fanatische Antisemit:innen am Werk ge­wesen sein – eine Sichtweise, die nicht dazu bei­trägt, die Verbreitung antisemitischer Stereo­type zu erklären.“ (Ebd.)

Im Gegenargument knüpft Lindner zunächst an den adversativen Nebensatz an, d. h. nicht an das, was einige Vertreter der Kategorienthese als notwendigen Bestandteil von Antisemitismus erachten (die verschwörungstheoretische Kom­ponente). Lindner hat recht: „Auch Rassetheorien [sic] können als umfassende Welterklärung auf­treten.“ (Ebd.) Ebenso wie religiöse Systeme. Gibt es Antisemitismusforscher, die das bestrei­ten? Repräsentativ dürften sie für die Vertreter der Kategorienthese kaum sein. Beim zweiten Satz wiederum ist unklar, welche Art rassistischer Verschwörungstheorien Lindner im Sinn hat. Entweder denkt er an Narrative wie den des ‚Großen Austauschs‘ (wonach die einheimische Bevölkerung durch Einwanderer ersetzt werden soll). In diesem Fall wäre zu erwidern, dass die Einwanderer gar nicht die Akteure der Verschwö­rung sind (das seien die ‚Globalisten‘, die EU oder die Juden). Oder er denkt an Rassismen, die Überschneidungen mit den Kernelementen der antisemitischen Semantik aufweisen – was die kategoriale Unterscheidung von Antisemitismus und Rassismus jedoch nicht infrage stellt. Schließlich belegt Lindners Gegenargument, dass er den Vertretern der Kategorienthese einen speziellen Begriff von „Weltanschauung“ unterstellt, den viele von ihnen gar nicht haben: Wenn Lindner moniert, dass „die jeweilige Akteur:innen“ sich über ihre antisemitischen Stereotype „gar nicht bewusst sein müssen“ und dass Antisemitismus als Weltanschauung „fana­tische Antisemit:innen“ unterstelle, versteht er unter „Weltanschauung“ offenbar eine ausge­arbeitete politische Ideologie. Ein Großteil der Antisemitismusforscher versteht „Weltanschau­ung“ jedoch im Sinne des Wortes: als eine be­stimmte Art und Weise, die Welt anzuschauen, als eine latente Struktur der Sinngenerierung. Kurz: Lindners Kritik an der Kategorienthese be­ruht auf einer vereinfachenden bis verzerrenden Rekonstruktion der Gegenposition.

Fazit

Die Diskussion um den Antisemitismusbegriff lässt sich nur dann produktiv führen, wenn man zwischen dem auf Jüdinnen und Juden verwei­senden Terminus „Antisemitismus“, einem epo­chenübergreifenden semantischen Kern (Antise­mitismus als Kategorie), den zeitspezifischen Ausprägungen dieses Kerns und den konkreten Phänomenen (Aussagen, Handlungen etc.) un­terscheidet. Beim semantischen Kern und dessen Ausprägungen handelt es sich weder um ein tä­tiges Subjekt noch um eine soziale Universalie, sondern um ein aus gesellschaftlichen Verhält­nissen hervorgehendes, anhand von empirischen Materialien rekonstruiertes Regelwerk der Sinngenerierung, das eine heuristische Funktion erfüllt: Es liefert Kriterien, die einen kontrollierten Vergleich von Zuschreibungen ermöglichen. Handelt es sich um identische, sich überschnei­dende oder differente Logiken? Ohne ein solches substanzielles Verständnis von Antisemitismus stehen die einzelnen Phänomene entweder zu­sammenhangslos nebeneinander oder sie wer­den unter dünne Abstrakta subsumiert, welche die konkrete Allgemeinheit des Gegenstands zu verfehlen drohen.

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Fußnoten

[1] So enden etwa die einleitenden Worte des antisemitischen Kinderbuchs Der Giftpilz aus dem Stürmer-Verlag: „Die folgenden Geschichten [.1 zeigen uns, was der Jude wirklich ist: Der Teufel in Menschengestalt!“ (Hiemer 1938) Tatsächlich wird in 11 der folgenden 16 Geschichten der Jude als Teufel bezeichnet.

[2] Als im Ersten Weltkrieg der deutsche Vormarsch in einem zermürbenden Stellungskrieg mündete, ordnete Wild von Hohenborn die sog. „Judenzählung“ an, um diesem Vorwurf nachzugehen (Rosenthal 2007). Dass die Ergebnisse dieser Statistik nicht veröffentlicht wurden, befeuerte die Spekulationen zusätzlich. Die Fakten: „Von 550.000 jüdi­schen Deutschen wurden rund 100.000 (fast ein Fünftel) zum Militärdienst eingezogen (von der Gesamtbevölkerung ein Sechstel); 10.000 kamen als Freiwillige. 80.000 wurden an die Front geschickt, 12.000 (15 %) von ihnen fielen beim Einsatz (vom Gesamtheer 11 %); 35.000 wurden dekoriert, 23.000 befördert.“ (Wehler 2008: 132)

[3] Um Missverständnisse zu vermeiden: In der rassismuskritischen Forschung und Bildungsarbeit gibt es zwar eine starke Tendenz, Antisemitismus als eine Form von Rassismus aufzufassen, es gibt aber auch Stimmen, die an einer grundlegenden Unterscheidung festhalten (etwa Messerschmidt 2021, Stögner 2026 oder Stender 2018).

[4] Zur Islampolitik der Nationalsozialisten siehe die grundlegende Studie von Motadel (2017). Eine Analyse der auf die arabische Welt zugeschnittenen NS-Propaganda und ihrer Wirkungsgeschichte findet sich bei Herf (2009) und Küntzel (2019).

[5] Aimé Césaire argumentiert, dass die Kolonisation nicht nur den Kolonisierten, sondern „selbst den zivilisiertesten Menschen entmenschlicht“; die Kolonisation habe „zwangsläufig die Tendenz, [.1 dass der Kolonisator, der sich, um ein gutes Gewissen zu haben, daran gewöhnt, im Anderen das Tier zu sehen, und sich darin übt, ihn als Tier zu behandeln, objektiv die Neigung entwickelt, sich selbst in ein Tier zu verwandeln“ (2021: 43). Daraus lässt sich jedoch keine direkte Kontinuität zwischen kolonialer Massengewalt und Shoah ableiten: „The thesis of the unique quality and significance of the German colonial massacres in Africa is [.1 difficult to uphold. If one rejects the hypothetical possibility of a German colonial Sonderweg and interprets the use of colonial violence as a common European legacy, the issue of direct continuities becomes much more complicated. Why are the countries with the longest and (over the course of centuries) most violent colonial traditions not identical with those countries that unleashed the greatest degree of racist destruction both at home and abroad after 1918?“ (Gerwarth/ Malinowski 2009: 289) Gegen eine personelle oder ideologische Kontinuität von deutscher Kolonialgewalt und Shoah argumentiert auch Birthe Kundrus (2005). Ingo Elbe (2024: 152‒155) zeigt anhand von Jonas Kreienbaums (2015) Forschungen zu den kolonialen Konzentrationslagern in Britisch-Südafrika und Deutsch-Südwestafrika, dass diese nicht als Vorläufer der NS-Vernichtungslager gelten können.

[6] Diese Interpretation steht schon sprachwissenschaftlich auf wackeligen Beinen (ausführlich hierzu Wittler 2013). Das Wort ‚Muselmann‘, um 1800 noch die Standardbezeichnung für Muslime, wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend durch andere Bezeichnungen („Mohammedaner“, „Moslem“, „Muslim“) abgelöst. Zudem verschob sich sein semantischer Gehalt. Grund dafür war vermutlich das populäre Kinderlied C-a-f-f-e-e, das vor den schädlichen Folgen übermäßigen Kaffeegenusses warnt. Zwar wies das Wort ‚Muselmann‘ noch eine gewisse orientalische Konnotation auf – der dem Kaffee verfallene ‚Muselmann‘ im Lied ist ein Türke –, in den Vordergrund rückte aber die Assoziation mit Nervenschwäche, Blässe und Krankheit – und dies dürfte der ausschlaggebende Grund gewesen sein, weshalb das Wort in die Lagersprache aufgenommen wurde.

[7] Diese Spannung zwischen Terminus und Kategorie weist auch der Rassismusbegriff auf: Obwohl biologische Rassentheorien heute diskreditiert sind, wird weiterhin von Rassismus gesprochen – und der Grund dürfte sein, dass die Ersetzung des biologischen Erbguts durch das (als gleichsam prägend gedachte) kulturelle Erbgut das semanti­sche Grundmuster unangetastet lässt.


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