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Anleitung zur Abgrenzung

Nikolas Lelle, Tom Uhlig

Antisemitismus definieren. Anleitung zur Abgrenzung

Erscheinungsjahr: 2026

Die Verantwortlichen des FC St. Pauli konnten im vergangenen November aufatmen: Der Antragsteller, der eine Abkehr von der sogenannten IHRA-Antisemitismusdefinition forderte, blieb der Mitgliederversammlung fern und mit ihm die Debatte (Wittich 2025). Dass sich ein Fußballverein überhaupt mit Fragen der Antisemitismus-Definition beschäftigt, wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich. Tatsächlich fügt sich dies jedoch in eine öffentliche Auseinandersetzung ein, die seit Jahren in Vereinen, Parteiverbänden und Bildungsinstitutionen geführt wird. Marina Chernivsky beschrieb diesen fortwährenden Definitionsstreit unlängst als einen obsessiven Stellvertreterkonflikt, geprägt von einem Drang zur Simplifizierung, der zur Marginalisierung derjenigen beiträgt, die von Antisemitismus betroffen sind (2025, 65).

Das jüngst publizierte Buch Antisemitismus definieren (2026) von Nikolas Lelle und Tom Uhlig entzieht sich dieser Debattenlogik und unterläuft damit erfreulicherweise die Erwartungen, die sein Titel zunächst wecken könnte. Die Autoren setzen der Obsession mit vereinfachenden Definitionen ein kulturhistorisches Verständnis entgegen. Dieses verweigert sich einer abschließenden Festlegung und gewinnt seinen Gehalt erst in der fortlaufenden Arbeit am Begriff. Zugleich, so halten sie fest, «bleibt etwas übrig, das im Begrifflichen nicht aufgeht, das sich sträubt» (37). Durch die von den Autoren vorgenommene negative Bestimmung wird der Antisemitismus-Begriff nicht präzise, aber gehaltvoll und entlässt einen selbst nicht aus der intellektuellen und situativen Verantwortung.

Arbeit am Begriff

Die Autoren leisten diese Begriffsarbeit anhand von 21 «Vignetten», also kurzen, in sich geschlossenen Texten, die jedoch durch wiederkehrende Bezüge miteinander verbunden sind und eine erkennbare innere Struktur entfalten. Auf diese Weise ordnen sie vergangene Skandale, Missverständnisse und Konflikte ein und machen ihre Zusammenhänge sichtbar. Im Zentrum steht eine «diskursive Ratlosigkeit», die sich in der endlosen Wiederkehr derselben Debatten und der immergleichen, simplen Frage zuspitzt: «Kann das wirklich Antisemitismus sein?» (17); «Der Zweifel kommt als Frage daher, duldet jedoch keine Antwort» (57). Dass diese Debatten nicht vorankommen, führen die Autoren darauf zurück, dass Erkenntnis eine Haltung verlangen würde (27). Gerade daran aber mangelt es, wie das Buch eindrücklich zeigt, im spektren- und disziplinübergreifenden Feld professioneller und gut bezahlter Antisemitismusrelativierung. Die Autoren zeigen, wie selbst offensichtliche antisemitische Gewalt relativiert oder umgedeutet wird – sei es durch renommierte Historiker:innen, die Antisemitismus nicht erkennen wollen, selbst wenn ein Jugendlicher einen anderen mit einem Gürtel schlägt und dabei «Jude» schreit, oder durch Gerichte, die Antisemitismus sogar dann verneinen, wenn versucht wird, eine Synagoge anzuzünden.

Zur Kritik einer Ideologie

Neben der facettenreichen Analyse dieser massiven Indifferenz widmen sich einzelne Vignetten der langen Geschichte und Tradierung des Antisemitismus und eröffnen Einblicke in die Funktionsweise und Wirkmacht der Ideologie. Mit sprachlicher Leichtigkeit und analytischer Präzision durchschreiten die Autoren Jahrhunderte antisemitischer Gewaltgeschichte und erschließen zugleich unterschiedliche Felder, von marxscher Wertkritik über Sozialpsychologie bis hin zur pädagogischen Praxis. Dabei legen sie eine eigentümliche Ambivalenz des jahrhundertealten Phänomens offen. Einerseits sind die bildlichen und sprachlichen Manifestationen des Antisemitismus erstaunlich konstant, oft plump und in ihrer Struktur leicht zu durchschauen. Die Autoren geben eine Vielzahl eindrücklicher Beispiele, wie sich uralte Judenfeindschaft ohne doppelten Boden in gegenwärtigen Alltagskontexten fortschreibt, von Kunstwerken auf der documenta fifteen über breit rezipierte politikwissenschaftliche Theorien bis zu den antisemitischen Pointen einer österreichischen Kabarettistin. «Es bleibt wenig zu interpretieren, weil allein die Ideologie illustriert wird» (187). Andererseits steht diese Eindeutigkeit in einem eklatanten Widerspruch zur verbreiteten Unfähigkeit oder Unwilligkeit, Antisemitismus als solchen zu erkennen. Statt auf das umfangreiche Wissen der Antisemitismusforschung zurückzugreifen, wird es in der öffentlichen Debatte häufig ignoriert oder gar negiert.

Insgesamt lässt sich das Buch als Intervention in gegenwärtige Debatten verstehen, die nicht zuletzt nach dem Schwarzen Schabbat von einer eruptiven Dynamik antisemitischer Eskalation geprägt sind. Gesellschaftliche Bruchlinien treten deutlicher denn je zutage. In dieser Situation beziehen die Autoren Position. Gerade darin liegt die Stärke des Buches: Es verweigert sich der bequemen Pose eines vermeintlich differenzierten Beobachterstandpunkts. In einer Debattenlandschaft, die sich allzu oft im Kreis bewegt, erinnert es daran, dass Pseudo-Differenziertheit und Perspektivenvielfalt leicht in Indifferenz umschlagen und so selbst antisemitische Ressentiments befördern: «Die Unentschiedenheit gilt als Tugend, die Enthaltung wirkt, als stünde man über der Sache. [...] Es wird der Eindruck vermittelt, Jüdinnen:Juden würden sich ständig über Antisemitismus echauffieren, wo in Wahrheit womöglich gar keiner sei» (19).

Abschließend soll daher nicht verschwiegen werden, dass die Autoren auch im Definitionsstreit auf den Gestus vermeintlicher Neutralität verzichten. Sie argumentieren, dass die sogenannte Jerusalem Declaration vornehmlich dazu dient, noch «den offensichtlich antisemitischsten Protestformen Unbedenklichkeit zu bescheinigen» (36 f.), und ordnen zugleich das uninformierte Geraune über die IHRA nüchtern ein. Dabei beschränken sie sich jedoch nicht darauf, für eine «richtige» Definition zu streiten. So bleibt am Ende die Einsicht in die Notwendigkeit der eigenen Urteilskraft. Oder, mit den Autoren gesprochen: «Antisemitismus bleibt Antisemitismus» (196).

Nikolas Lelle, Tom Uhlig: Antisemitismus definieren; Verbrecher Verlag, Berlin 2026, 216 Seiten, 18 Euro

Literatur

Wittich, Elke (2025): Nach der Mitgliederversammlung. In: Jungle World, Nr. 49/2025, 4.12.2025. Online unter: https://jungle.world/artikel/2025/49/fc-st-pauli-mv-forum-antisemitismus (Zugriff: 17.04.2026)

 

 

 


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