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Francesca Albanese und ihre „kritischen Theoretiker“

Die antiisraelischen Gerüchte einer UN-Beauftragten und ihre akademische Legitimation

Erscheinungsjahr: 2026

Der Philosoph Daniel Loick ist wütend. Er fühlt sich „denunziert“, weil in einem Interview des Philosophie-Magazins mit dem Autor Nicholas Potter eine von Loick unterzeichnete Solidaritätsbekundung für die UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese „in die Nähe des Antisemitismus“ gerückt werde. Was es mit deren Positionen auf sich hat und warum sich ausgerechnet selbsternannte „kritische Theoretiker“ für Albanese einsetzen, wird im folgenden Beitrag erläutert.

Einleitung – Was ist geschehen und warum ist es überhaupt von Interesse?

Am 18. Juni 2026 veröffentlichte das Philosophie-Magazin ein Interview mit Nicolas Potter über Abwege der zeitgenössischen Linken.[2] Darin spricht der Interviewer Potter darauf an, wieso sich namhafte Theoretiker und selbsternannte Anhänger der kritischen Theorie – etwa Eva von Redecker, Daniel Loick, Vanessa Thompson und Axel Honneth – in einem offenen Brief mit der „UN-Sondergesandten für die besetzten Gebiete Palästinas“ und einflussreichen Antizionistin Francesca Albanese solidarisieren.[3]Zu den Gründen dieser Solidarisierung sagt Potter, „dass es von der Linken im Hinblick auf Antisemitismus aktuell wenig Kritik gibt. Und ja, es gibt einige Intellektuelle, die alle möglichen offenen Briefe unterschreiben, diese Art von Aktivismus ist oft ein ‚Virtue Signaling‘, eine Performance des eigenen Gutseins. Andererseits weiß ich, dass hier auch mit sozialem Druck und Gruppenzwang gearbeitet wird.“

Nur wenig später postete Daniel Loick auf besagtes Interview eine wütende Antwort.[4] Er sehe sich und Eva von Redecker wiederholt im Philosophie-Magazin „denunziert“. Loick empört sich darüber, dass das Magazin dem Journalisten Potter, den er als einen „Scharfmacher“ abtut, überhaupt eine Bühne biete und eine Solidaritätsbekundung an Albanese „in die Nähe des Antisemitismus“ rücke. Dies sei als Angriff auf die Universitäten und insbesondere auf die „kritische Wissenschaft“ zu werten, wodurch unter dem jetzigen gesellschaftlichen Klima eine Grenze des Akzeptablen überschritten sei.

In der folgenden Analyse soll der Konflikt beleuchtet werden, vor dessen Hintergrund die Äußerungen Loicks getätigt wurden – nämlich der Streit um die Frage, was Antisemitismus eigentlich ist. Man könnte auch über die unverhohlene Selbsteingenommenheit von Teilen des akademischen Milieus diskutieren, die als selbsternannte Repräsentanten kritischer Wissenschaft eine gebotene Kritik an ihrem Aktivismus schlicht dadurch abwehren, dass diese unter dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima nur den reaktionären Umtrieben gegen die Wissenschaft zuarbeiten würde. Die Antwort der sich als Sachverwalter der „Kritik“ vermeinenden Akteure ist damit keineswegs eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem gegen sie Vorgebrachten. Dem Vorwurf der Beihilfe und der Denunziation, den der selbsternannte kritische Theoretiker gegen seine Kritiker erhebt, begegnet er vielmehr seinerseits lediglich mit einer Denunziation („Scharfmacher“, „gehört zum Miesesten [sic] was ich seit langer Zeit gelesen hab“). Obwohl dieser fragwürdige Umgang mit Kritik ebenfalls ein interessantes Thema sein könnte, soll es hier um Grundsätzlicheres gehen. Mithin soll

  1. der Anlass des offenen Briefes genauer untersucht werden
  2. anhand einiger Aussagen von Albanese das Phänomen des linken Antisemitismus dargestellt werden
  3. die Anschlussfähigkeit dieses Ressentiments an einige Positionen der oben genannten kritischen Wissenschaften gezeigt werden

Anlass des offenen Briefes

Der offene Brief vom 26.02.2026 richtete sich an Minister europäischer Regierungen und der USA, weil diese Albanese wegen einer ihrer Aussagen, die sie auf einer Al Jazeera-Konferenz in Katar getätigt hat, kritisiert und zum Rücktritt aufgerufen haben. Die UN-Sonderbeauftragte, so der Vorwurf der Politiker, habe Israel dämonisiert und zum „Feind der Menschheit“ erklärt. Die Albanese zugeschriebene Aussage, die in einem Video im Internet verbreitet wurde, sei aber, so die Verlautbarung im offenen Brief, manipulierend gekürzt worden. Die Angriffe auf Albanese seien deshalb haltlos bzw. ein repressiver Versuch, die wichtige Arbeit der Sonderbeauftragten zu torpedieren. Der offene Brief fordert die Adressaten auf, sich öffentlich zu entschuldigen, die Angriffe auf Albanese einzustellen und sich für die Integrität und Unabhängigkeit der UN-Mandatsträger und ihrer Organisationen einzusetzen.

Auch hier findet sich ein ähnliches Muster wie im Vorangegangenen beschrieben. So wird eine Denunziation behauptet, ohne dass sich mit dem Vorwurf inhaltlich auseinandergesetzt würde. Vielmehr wird erklärt, die vermeintliche Denunziation sei ein Resultat dessen, wie Albanese zu Israel steht: Israel habe seit der Waffenruhe im Oktober 2025 über 590 Palästinenser umgebracht und setze den „Genozid“ fort. Statt den jüdischen Staat zur Verantwortung zu ziehen, würden die Minister jedoch mithilfe erfundener Anschuldigungen eine UN-Mitarbeiterin delegitimieren, die versuche, internationales Recht hochzuhalten.

Der Kunstgriff in dem offenen Brief besteht denn auch darin, sich mit einer formal richtigen Quellenkritik gegen jegliche inhaltliche Auseinandersetzung zu sperren. Behauptet wird dabei, dass die ungekürzte Rede unproblematisch gewesen sei. Betrachtet man die vollständige Rede auf ihrem Instagram-Kanal[5], hat Albanese zwar in der Tat nicht explizit gesagt, dass Israel der Feind der Menschheit sei. Als Kommentar schrieb sie dort nun zusätzlich, sie habe nicht Israel, sondern das System dahinter gemeint. Allein, ob sie nun Israel direkt oder das vermeintliche System aus Finanzkapital, Algorithmen und Waffen als Menschheitsfeind tituliert, das hinter dem andauernden Genozid stünde, in jedem Fall wird ein antisemitisches Stereotyp aufgerufen, das, wenn auch indirekt, mit dem jüdischen Staat assoziiert wird. Denn genau diese Kombination aus Geldmacht, kalter Berechnung und Zerstörung, die von der Gesellschaft abgespalten und ihr von außen feindlich entgegengesetzt wird, macht einen der zentralen Inhalte der antisemitischen Feindbestimmung aus. Gegen Ende ihrer Rede artikuliert Albanese den Wunsch, dass Palästina dereinst frei sein werde. Frei wovon, ist dabei die Frage.

Offensichtlich geht es den Verfassern des offenen Briefes und seinen Unterzeichnern nicht nur um ein gekürztes Video, die Einhaltung des Völkerrechts oder um ungerechtfertigte Angriffe auf eine UN-Mandatsträgerin. Vielmehr teilen bekannte Wissenschaftler wie Etienne Balibar, Nancy Fraser, Judith Butler, Michael Rothberg und Robin Celikates vermutlich auch inhaltlich einige Positionen mit Albanese, zumindest solche, die auch im offenen Brief angeführt werden. Es ist zudem davon auszugehen, dass die Unterzeichner auch weitere Standpunkte der UN-Sonderbeauftragten kennen und sie mit dieser Solidaritätsbekundung zumindest tolerieren. So gibt es von besagten Akteuren nicht einmal in Ansätzen eine Kritik an Albaneses notorisch israelfeindlichem Aktivismus. Was an deren Aussagen antisemitisch ist, soll im Folgenden exemplarisch gezeigt werden.

Positionen von Albanese

Es ist klar, dass die Unterzeichner in den meisten Aussagen von Albanese nichts Problematisches und schon gar nichts Antisemitisches entdecken können oder wollen. Wie Albanese selbst erklärt, besteht Antisemitismus für sie darin, dass Juden als Juden diskriminiert werden. Dies habe nichts damit zu tun, wie sich Israel als Teil der UN verhalte.[6] Dieses Verständnis von Antisemitismus teilen vermutlich die meisten Unterzeichner. Die Fragwürdigkeit einer solchen Antisemitismusdefinition liegt jedoch darin, dass sie camouflierte Formen von Antisemitismus ausblendet, sich mit den Inhalten des antisemitischen Ressentiments gar nicht auseinandersetzen muss oder nur dann, wenn diese Inhalte den Juden als Juden zugeschrieben werden. Der Zusammenhang dieser Inhalte und ihrer Projektion mit den Juden oder Israel muss dabei notwendig unverständlich bleiben. Die hier gelisteten Aussagen zeugen indes sämtlich vom Gerücht über die Juden bzw. über den jüdischen Staat. Jedes empirische Detail, jeder Bericht, wird so lange verdreht und gewendet, bis er zur Delegitimierung und Dämonisierung Israels taugt. Dieses wurde, wie Léon Poliakov formulierte, der „Jude unter den Staaten“.

Im Folgenden soll anhand einiger Aussagen von Albanese das Problem antisemitischer Projektion entwickelt werden. Dazu zählen

  1. die Besessenheit, mit der Israel in grotesker Art und Weise für alles Schlechte verantwortlich gemacht wird, das im Nahen Osten passiert (oder auch nicht passiert)
  2. der zwanghafte Vergleich mit dem Nationalsozialismus
  3. die Delegitimierung des Zionismus, die am Ende ja trotzdem reale Juden trifft, ob sie nun Zionisten sind oder nicht
  4. der Rückgriff auf Stereotype, die eins zu eins im klassischen Antisemitismus Anwendung fanden.

1. Israel ist an allem schuld

Das antisemitische Ressentiment macht die Juden für die grundlegenden Übel dieser Welt verantwortlich. So ist Israel – das im zeitgenössischen Antisemitismus häufig als Chiffre für den „kollektiven Juden“ dient – für Albanese zum Beispiel auch daran schuld, dass die Palästinenser keine freien Wahlen abhalten können.[7] Demnach sind es nicht etwa die islamistische Hamas, die seit ihrer Machtübernahme in Gaza 2006/2007 keine Wahlen mehr abhält oder die Fatah, die aus Angst vor einer Hamas-Mehrheit in den Palästinensischen Autonomiegebieten ebenfalls seit Jahren nicht mehr wählen lässt, die den Palästinensern dieses Recht verwehren, sondern ausschließlich der jüdische Staat.

Ferner ist Israel laut einem Bericht von Albanese und anderen UN-Sondergesandten auch der Alleinschuldige an der Zerstörung des Gazastreifens im Krieg, der auf die Hamas-Massaker des 07. Oktober 2023 folgte.[8] Die Zerstörung von Gebäuden, Angriffe auf Krankenhäuser, Hochschulen und Umwelt werden in diesem Bericht mit den Neologismen „domicide“, „medicide“, „scholasticide“ und „ecocide“ (vorsätzliche Vernichtung von Wohnraum, des Gesundheitswesens, des Bildungswesens sowie der Umwelt) beschrieben, um jede Handlung Israels in die Nähe eines intendierten Genozids zu rücken. Dass es eine zentrale Strategie der Hamas ist, zivile Objekte militärisch zu nutzen; dass sie ferner ganze Straßen im Häuserkampf vermint oder den besten Beton für Tunnel und nicht für den Häuserbau genutzt hat, das Kapern von Hilfslieferungen, der Einsatz von Kindersoldaten, die Verfolgung und Ermordung von Abweichlern oder ihre Bereitschaft, die gesamte Bevölkerung Gazas als Märtyrer zu opfern - all das wird systematisch ausgeblendet.

Sodann reproduzierte Albanese einem Bericht zufolge bei einer Veranstaltung die erfundene Geschichte über belgische Hunde, die dafür trainiert würden, Palästinenser zu vergewaltigen.[9] Diese Behauptung, die schon länger in den Tiefen der anti-israelischen Gerüchteschmiede kursiert, wurde durch einen Meinungsbeitrag der New York Times gleichsam salonfähig gemacht, der just in der Zeit publiziert wurde, als die israelische Zivilkommission ihren umfangreichen Bericht über die sexualisierte Gewalt der Hamas am 07. Oktober veröffentlichte.[10] (Darüber, ob es sich bei der absurden Geschichte um eine Art projektive Abwehr der Vergewaltigungstaten von Hamas und anderen Gruppierungen oder eine bewusste Ablenkung handelt, kann nur spekuliert werden.)

Ein weiteres Beispiel für Francesca Albaneses ubiquitäre Israel-Dämonisierung zeigte sich in einer ihrer Reden im Genfer Hauptquartier der UN. Dort behauptete sie, es könnten bereits über 680000 Palästinenser, davon 380000 Kinder unter fünf Jahren in Gaza getötet worden sein.[11] Abgesehen von der absurd hohen Gesamtopferzahl, die sogar den berüchtigten Leserbrief in der Fachzeitschrift Lancet[12] um ein Vielfaches übertrifft, ist die daraus von Albanese abgeleitete Zahl der getöteten Kinder mathematisch unmöglich, wenn laut Palestinian Central Bureau of Statistics gegen Mitte des Jahres 2024 nur 341790 Kinder unter fünf Jahren in Gaza lebten.[13] In einem späteren Interview gab Albanese an, diese Zahlen wegen des Schock-Faktors genutzt zu haben: „die größte Zahl, die ich in diesem Interview erwähnte, hatte den von mir gewollten Effekt – sie führte dazu, dass die Menschen nickten und sagten ‚Was ist da los?‘ Diese Zahlen sind höchst umstritten.“[14]

Das Kolportieren solcher den globalen Antisemitismus schürender Gerüchte ist dabei lediglich ein Teilstück jener Strategie, die vermeintlich generelle Schuld des jüdischen Staates an der Destabilisierung des Nahen Ostens im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern. Es ist wenig verwunderlich, dass die UN-Sondergesandte diese angeblich israelisch induzierte Destabilisierung mit der althergebrachten antisemitischen Metapher der Metastasen – sich ausbreitender Krebsgeschwüre – illustriert. Des Weiteren trage Israel auch an einem möglichen globalen Krieg die Schuld – auch dies ein klassisch antisemitischer Topos vom Juden als Feind des Weltfriedens und der Völker.[15] Schließlich darf auch der Klassiker antisemitischer Propaganda nicht fehlen, demzufolge die Juden, oder hier die Israelis, am Antisemitismus selbst schuld sind. So schreibt Albanese in ihrem ersten Post zum 07. Oktober: „Die heutigen Gewalttaten müssen im Kontext betrachtet werden. Fast sechs Jahrzehnte feindseliger Militärherrschaft über eine gesamte Zivilbevölkerung (die in viel zu vielen offiziellen Erklärungen und Medienberichten auf unfassbare Weise ignoriert wird) sind an sich schon eine Aggression und der Grund für noch mehr Unsicherheit für alle.“[16] Und überhaupt, was hätten die Palästinenser denn anderes tun sollen?[17] Ihre Gewalt sei unausweichlich, weil ihnen seit 55 Jahren das Recht auf Existenz abgesprochen würde[18] – eine schlichte Falschbehauptung, wenn man sich an die verschiedenen Vorschläge der UN, Israels und der USA zur Schaffung eines palästinensischen Staates erinnert.

2. Netanjahu = Hitler

Im Antisemitismus der Nationalsozialisten wurden die Juden, wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer treffend formulierten, „vom absolut Bösen als das absolut Böse gebrandmarkt“[19]. Nach der Shoa, mit der die Nazis der Welt „ihr Böses“ eindrücklich offenbart hatten, übersetzte sich der projektive Gehalt des antisemitischen Ressentiments dann perfiderweise in eine Formel, die ausgerechnet die Juden, oder „die Zionisten“, zu den neuen Nazis erklärte. Bei der Bewertung des Staates Israel ist diese offensichtliche Projektion besonders einschlägig. Kein anderer Staat wurde mit so vielen Nazi-Vergleichen überzogen wie der jüdische. Dabei wird einerseits ein falsches Bild der Politik Israels gezeichnet und andererseits der Nationalsozialismus relativiert. Die Opfer von damals werden als die Täter von heute imaginiert – was zur Folge hat, dass sie nicht mehr geschützt werden sollen, sondern umgekehrt bekämpft, oder auf „zivilisierte“ Weise „kritisiert“ werden müssen. Das hat für die Täternation und ihre Kollaborateure, etwa in Europa und im Nahen Osten, auch stets eine Entlastungsfunktion, die bereits kurz nach der Shoa beobachtet werden konnte. Mit der Bombardierung deutscher Städte sei man nun quitt – später entwickelte sich das Unwort vom Bombenholocaust.

Auf Schuld, Verantwortung und Holocaust stellt auch Albanese ab, wenn sie die Deutschen dazu aufruft, es nicht schon wieder zu einem Genozid kommen zu lassen, der dieses Mal von Israel an den Palästinensern verübt werde.[20] Bei einem Bild von Netanjahu in einer Gruppe von Leuten denkt sie an ein ähnlich aussehendes Bild von Hitler.[21] Gaza wird von ihr mit einem Konzentrationslager verglichen: „Gaza: Im größten und schändlichsten Konzentrationslager des 21. Jahrhunderts verübt Israel Völkermord an den Palästinensern – ein Stadtviertel nach dem anderen, ein Krankenhaus nach dem anderen, eine Schule nach der anderen, ein Flüchtlingslager nach dem anderen, eine ‚Sicherheitszone‘ nach der anderen“.[22] Begriffe wie Genozid oder Konzentrationslager werden inhaltlich entkernt und bloß als sprachliches Instrument zur Evokation von Empörung verwendet. Jeder, der sich schonmal über die Logik der Konzentrationslager der Nazis informiert hat, wird in Gaza kein solches Lager erkennen können. Wer einen Genozid unterstellt (der Israel in wahnhafter Weise vielfach schon seit 1948 oder 1967 und nicht erst seit dem jüngsten Gaza-Krieg zur Last gelegt wird und in der antizionistischen Propagandageschichte eine lange Tradition hat)[23], muss die Absicht eines solchen beweisen, anstatt von der Wahrnehmung der vermeintlichen Opfer aus zu argumentieren. Denn sonst reicht für das Verdikt des Genozids bereits das Gefühl von Menschen aus, die sich in ihrer kollektiven Identität geschädigt sehen. Wenn die politisch relevanten Parteien der Palästinenser (und hier spricht die Charta der PLO durchaus eine ähnliche Sprache wie jene der Hamas) ganz offen die Herstellung der palästinensischen Volksgemeinschaft nur dadurch zu erreichen gedenken, dass sie Israel von der Landkarte tilgen (und womöglich ihrerseits einen Genozid verüben), muss aus ihrer Sicht all das als genozidale Politik am palästinensischen Volk verstanden werden, was sie von der Verwirklichung ihrer eigenen Vernichtungsagenda abhält. Hieraus erklärt sich auch die Inflation des Genozidbegriffs, wie er schon in Punkt 1 hervorgehoben wurde.

Während Albanese auf solche Weise Israel mit dem Nationalsozialismus identifiziert, hat sie für die Hamas, die in ihrer Charta und in den Verlautbarungen ihrer Funktionäre ganz offen eine vernichtungsantisemitische Agenda verfolgt[24], mal verharmlosende, mal unterstützende Worte übrig.[25] Dabei dethematisiert sie die weit verbreitete Judenfeindlichkeit in der arabischen Welt bis weit in die Vergangenheit hinein: „Juden wurden in Europa diskriminiert, nicht in Westasien und auch nicht in der arabischen Welt, wo sie tatsächlich willkommen waren, nachdem sie aus Spanien und anderen Teilen Europas vertrieben worden waren.“[26] Arabische Pogrome gegen Juden und die Unterwerfung der Juden als Dhimmis scheint es in ihrem Geschichtsbild nicht zu geben. Auch behauptet Albanese, der 07. Oktober sei keine antisemitische Tat gewesen, sondern habe sich gegen Israel gerichtet und unglücklicherweise gegen israelische Zivilisten, weil sie Besatzer seien.[27]Bereits 2014 sprach sich Albanese für eine bewaffnete Hamas aus: „Israel fordert einen entmilitarisierten (und ‚von der Hamas befreiten‘) Gazastreifen. Damit es dann dort genauso herrschen kann wie im Westjordanland?“[28] Auf einer von der Hamas organisierten Konferenz beschwor sie die Menge: „Sie haben das Recht auf Widerstand gegen diese Besatzung.“[29]

3. Zionismus als größte Bedrohung

Das steigert sich dahingehend, dass im Weltbild postkolonial geprägter Akteure und eben auch Francesca Albaneses oft nicht mehr nur konkrete Handlungen der israelischen Regierung oder der IDF das Urteil eines Genozids rechtfertigen sollen, sondern die Existenz des Staates Israel als solche einem Völkermord an den Palästinensern gleichkommt.[30] Die ganze israelische Gesellschaft erscheint in diesem Wahnbild als siedlerkolonial und damit genozidal. „Wir müssen uns der Realität stellen und das Ausmaß des Grauens begreifen, das wir angerichtet haben. Wie jede Gesellschaft, die Völkermord begeht“, zitiert Albanese die Autoren Goldberg und Baltman zustimmend.[31] Für Albanese hat diese Entwicklung ihren Ursprung bereits im Zionismus selbst, von dessen vielgestaltiger empirischer Wirklichkeit sie keinen Begriff hat. Die Al-Jazeera-Dokumentation „Israelism“ (Israelismus) empfehlend, sagt sie: „Die Gründungsideologie (und Lüge) Israels führt nun zu einem Völkermord“[32] – ein Urteil, das bereits die Nazis über den Zionismus fällten. Die Nationalbewegung der Juden angesichts des mörderischen Antisemitismus in Europa, der diese Bewegung im Grunde erst initiierte und ihr im 20. Jahrhundert unter der jüdischen Bevölkerung einen enormen Zulauf bescherte, als Lüge zu bezeichnen, befördert eine falsche und nur dem Antizionismus dienende Trennung von Juden und Zionismus; nicht, weil alle Juden Zionisten gewesen wären, sondern weil Albaneses Behauptung den maßgeblichen Grund für die jüdische Nationswerdung leugnet oder zumindest für nichtig erklärt. Dass nicht alle Mitglieder einer Gruppe Teil einer Nationalbewegung waren oder sind, gilt indes auch für andere Kollektive oder als Kollektive betrachtete Ansammlungen von Individuen. Dennoch würden viele ohne große Umschweife von der kurdischen oder der palästinensischen Nationalbewegung sprechen. Der Unterschied zwischen den tatsächlich aktiven Nationalisten und Leuten, die sich als Kurden oder Palästinenser verstehen, spielt in diesen Fällen in der Regel keine Rolle. Im Fall der Juden trifft es aber alle Mitglieder dieser Gruppe, wenn die damit verbundene Nationalbewegung als genozidal verunglimpft wird. Es sei denn, man schwört, wie im postmodernen Jewsplitting üblich, dem als böse verfemten Zionismus öffentlich ab und positioniert sich als „guter diasporischer Jude“ – falls dieses Ritual denn überhaupt noch hilft, um aus der Schusslinie des Antisemitismus zu geraten.[33] Zugleich hört man von Antizionisten nur wenig über die Proteste in Gaza gegen die Hamas, respektive werden jene Palästinenser diffamiert, die auf Kompromiss und Ausgleich mit Israel hinarbeiten oder auf Probleme in der eigenen Nationalbewegung verweisen. Im Antisemitismus werden beide Pole – „die Zionisten“ und „die Palästinenser“ – als monolithische Blöcke konstruiert. Politische Differenzen innerhalb der Pole spielen keine Rolle oder werden in den eigenen Reihen als Anlass für Verratsvorwürfe verwendet.

4. Alter Antisemitismus im antizionistischen Gewand

Albanese bedient regelmäßig antisemitische Stereotype, wenn sie gegen Israel hetzt. Vor ihrer Karriere als Sondergesandte sprach sie sogar davon, dass die USA von der jüdischen Lobby unterworfen seien und Europa einem „Schuldkult“ erliege: „Amerika und Europa – das eine unterworfen von der jüdischen Lobby, das andere von den Schuldgefühlen wegen des Holocaust.“[34] Zwar bereute sie später angeblich diese Formulierung, spricht aber seither ohne Umschweife und in trauter Eintracht mit rechtsextremen Antisemiten wie Tucker Carlson von einer Unterwanderung durch die israelische Lobby, etwa in Bezug auf die Berichterstattung der BBC: „Die israelische Lobby steckt in euren Adern und Systemen“.[35] Abgesehen von der Tatsache, dass gerade die BBC nicht erst seit dem 07. Oktober mit einer klar antiisraelischen Berichterstattung aufgefallen ist[36], was Albaneses Vorwurf noch absurder werden lässt, gilt: Bloß weil man das Wort Jude gegen die Wörter Zionist oder Israeli eintauscht, wie es in der Umwegkommunikation des Post-Shoah-Antisemitismus üblich ist, wird das Geraune von Medienbeeinflussung nicht weniger antisemitisch. Nicht weil es nicht grundsätzlich Beeinflussung durch verschiedenste Akteure und Lobbys geben kann und gibt – sondern weil es in diesem speziellen Fall schlicht als Selbstverständlichkeit gilt, ohne dass dafür irgendwelche Belege angeführt würden. Andere mögliche Gründe für eine journalistische Berichterstattung, die dem Wahnbild Albaneses und ihrer Geistesgenossen widerspricht, – etwa die in der Berichterstattung über den sogenannten Nahostkonflikt ohnehin nur selten eingehaltenen journalistischen Standards, oder die Meinung bzw. die Position eines konkreten Journalisten – werden überhaupt nicht in Betracht gezogen. Diese seien vielmehr bis ins Blut hinein infiltriert.

Die Vorstellung von einer bis in die Substanz hineinreichenden Verjudung/Israelisierung lässt auch weit entfernte Ereignisse als Symptom ein und derselben Ursache erscheinen. So sieht Albanese eine Verbindung zwischen den Feuern in Palästina und den Waldbränden in Los Angeles und zitiert zustimmend: „Die Brände, die heute in Palästina und Los Angeles wüten, sind Symptome derselben Krankheit: eines Systems, das Eroberung über die Bewahrung, Profit über Menschen und Expansion über das Leben stellt.“[37] Wie in ihrer Rede bei Al Jazeera[38] spricht sie nicht explizit von Israel, aber insinuiert, dass Israel die Inkarnation der größten Übel dieser Welt ist. Dies wird auch durch den bekannten erlösungsantizionistischen Slogan ‚Palästina wird uns alle befreien‘ (Palestine will free us all) ausgedrückt, den sie sich in abgewandelter Form auch zu eigen macht: Wenn Palästina frei ist, werden wir alle frei sein.[39]

Die antisemitische Verunglimpfung appelliert an tiefsitzende Abneigungen, um den Kampf gegen das vermeintlich böse Prinzip zu rechtfertigen. Das ist ein Grund für die Anziehungskraft, die etwa die seit dem christlichen Mittelalter kolportierte Ritualmordlegende ausübt, der zufolge Juden Kinder opfern und ihr Blut trinken würden. Wie viele zeitgenössische Antisemiten bringt Albanese diese wirkmächtige Legende mit dem jüdischen Staat in Verbindung. Als jemand unter einem ihrer antizionistischen Posts behauptet, die Juden seien fähig, Menschenfleisch zu essen, antwortet sie: „Bitte schreiben sie nicht dem gesamten jüdischen Volk zu, was Israel tut.“[40] Der traditionell antisemitische Gehalt dieses Gerüchts wird lediglich auf israelische Juden begrenzt. Es ist klar, dass hier metaphorische und wortwörtliche Sprache verschwimmen und am Ende stehen bleibt, dass Israel – das hier wie so oft als eine Art Kollektivsingular im Sinne von „der Jude“ adressiert wird – Menschenfleisch verschlinge: Nicht, weil im Krieg Menschen sterben, sondern weil Israel danach giere.

Der Antisemitismus verfolgt sein Bild vom Juden und Jüdischen in realen Juden, aber nicht nur. So existiert auch ein Antisemitismus ohne Juden, insofern „das Jüdische“ mitunter nicht mehr als feste Gruppe, sondern als geistiges Prinzip gefasst wird, das sich angeblich überall hin ausbreiten könne und in die verschiedensten Milieus und Gesellschaftsbereiche diffundiere. Die Nazis nutzten für diese Vorstellung den Terminus der Verjudung. Anstelle von ‚Verjudung‘ benutzt Albanese nun, so zum Beispiel auf einer Tagung in Athen[41], das Wort „Israelisierung“, wenn sie darüber spricht, dass bestimmte UN-Staaten Israel unterstützen und zugleich Überwachungstechnologie kaufen, um „die Sicherheitsmaßnahmen in ihren Gesellschaften zu verschärfen“. „Das ist die Israelisierung unserer Gesellschaften“, erklärte sie und fügte hinzu: „Wenn es eine Israelisierung unserer Gesellschaften gibt, gibt es auch eine Palästinisierung einiger Gesellschaften, und das geschieht bereits.“ Anschließend fordert sie: „Solange die israelische Besetzung Palästinas (...) nicht vollständig und bedingungslos beendet ist, dürfen die UN-Mitgliedstaaten Israel in keiner Weise unterstützen oder beistehen.“ Später bemüht sie sich, zu konkretisieren, wie sie Israelisierung gemeint haben will und verweist auf das Buch „The Palestinian Laboratory. How Israel Exports The Technology Of Occupation Around The World“ (Das Palästinensische Labor. Wie Israel Besatzungstechnologie in die ganze Welt exportiert) von Anthony Loewenstein.[42] Ein weiteres Beispiel für Israelisierung führte sie anhand des Wahlrechts in einem Webinar für United-Staff for Gaza, einem informellen Zusammenschluss ehemaliger und aktueller UN-Mitarbeiter in Gaza, aus. Dort sprach sie davon, dass viele Leute nicht wählen dürfen und „[w]er nicht wählt, kann als unerwünschte Belastung betrachtet werden. (…) Diese Menschen sind bereits unter uns, Migranten und Flüchtlinge (…). Schauen Sie sich an, wie Europa mit ihnen umgeht.“[43] Zwar wurde historisch auch gelegentlich von Sinisierung oder Russifizierung gesprochen, aber das beschränkte sich immer auf ein Land und war meist kulturell gemeint. „Israelisierung“ hingegen ist in Albaneses Wahrnehmung ein Vorgang, der alle „unsere“ Gesellschaften betrifft. Technologie und Rechtsunterschiede werden als „israelisch“ attribuiert, nicht der Herkunft, sondern der Funktion wegen. Profitstreben und Marktmacht auf dem Weltmarkt sowie Sicherheitsinteressen von Staaten werden generell als „israelisch“ gedeutet, wodurch der eigentliche Feind markiert ist. Palästina wird „ein ideales Versuchslabor für den israelischen militärisch-industriellen Komplex.[44] Der ganze Weltapparat, so wird insinuiert, sei das Resultat eines sinistren Plans oder einer „israelischen Substanz“. Bereits 2014 spricht Albanese daher vom „Orwellschen Albtraum, der erneut durch Israels Gier erzeugt“ worden sei.[45] Jeder, der Orwells 1984 gelesen hat und die Rezeptionsgeschichte dieses Buches kennt, weiß von dem verschwörungsideologischen Gehalt, den solche Aussagen haben.

Derartige Fieberphantasien sind Ausdruck eines manichäischen Schemas, in dem Israel als die Verkörperung des Bösen den Palästinensern als Verkörperung des Guten gegenübergestellt wird. In einer Rede Albaneses wird dies deutlich: „Ich sehe jenseits dieser Dunkelheit den Schimmer einer Welt, in der wir das Leben der Herrschaft vorziehen, Fürsorge der Ausbeutung, Solidarität dem Individualismus, Menschlichkeit dem Konsumdenken, Heilung der Betäubung und Liebe der Angst. Eine Welt, die sich daran erinnert, was indigene Völker schon immer gewusst haben: Diese Erde gehört uns nicht, um sie zu besitzen, sondern um sie zu schützen. Sie ist uns von unseren Kindern geliehen, nicht von unseren Vorfahren vererbt. Und wenn Palästina frei sein wird – denn es wird frei sein –, werden wir alle frei sein.“[46]

Nicht nur die abstrakte Gegenüberstellung und durchsichtige Verteilung von Gut und Böse ist hier augenfällig. Durch eine solche werden die Pole zum bloßen Jargon, bei dem die Wahl bereits feststeht: Keine Reflexion der Tatsache, dass das jeweils konkrete Leben ohne Herrschaft über sich selbst und die Natur gar nicht möglich gewesen wäre. Keine Reflexion darüber, dass die Fürsorge nicht den stofflichen Austausch mit der Natur ersetzt. In diesem ressentimentgeladenen Rahmen ist die Forderung, Solidarität über Individualismus zu stellen, nur ein milderes Echo des antisemitischen Slogans „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“. In Albaneses antimodernistischem, die Natur und die sogenannten Urvölker verklärenden Weltbild, hat das Individuum in der Gemeinschaft aufzugehen. Die Welt, wie sie ist, wird nur noch erhalten. Jede Generation gibt sie an die nächste weiter und darf keinerlei Ansprüche stellen. Dieses Bild einer vormodernen Einheits- und Reinheitsharmonie wird dann als Freiheit der Menschheit ausgegeben. In erlösungsantisemitischer Manier soll diese dadurch erreicht werden, dass das vermeintliche Hindernis zu diesem paradiesischen Freiheitsreich beseitigt wird: Die Juden oder Israel, „der Jude unter den Staaten“.

„Kritische Wissenschaft“ und Ressentiment

Gegen die Vorwürfe der Denunziation Albaneses und des Angriffs auf die Wissenschaft wurde hier der Zusammenhang der bei Albanese allenthalben zu findenden antisemitischen Stereotype und Schemata rekonstruiert. Israel ist für die UN-Sondergesandte an allem Möglichen schuld, auch am antisemitischen Massaker der Hamas. Systematisch wird Nazideutschland mit Israel, das aufgrund seiner bloßen Existenz genozidal sei, gleichgesetzt. In der daraus folgend an alle Juden gerichteten Forderung, sich vom Zionismus zu distanzieren, wird die stets angeführte Trennung von Juden und Zionisten zugleich zurückgenommen. Insgesamt bedient Albanese in ihrer Agitation immer wieder klassische antisemitische Stereotype.

Auf den ersten Blick scheint es befremdlich, dass selbsternannte kritische Wissenschaftler sich öffentlich mit einer Person solidarisieren, die wiederholt mit antisemitischen Äußerungen aufgefallen ist und weiterhin auffällt. Oben wurde die These vertreten, dass das Denken Albaneses und jenes einiger „kritischer Wissenschaftler“ zumindest teilweise durch ähnliche Strukturelemente geprägt ist. Inwiefern dies tatsächlich der Fall ist, soll im Folgenden ausgeführt werden.

Vergleicht man etwa Albaneses konkretistische Gesellschaftskritik im Namen von Naturverbundenheit, Harmonie, Homogenität und Reinheit indigener oder autochthoner Gemeinschaften mit Daniel Loicks Charakterisierung der von ihm gepriesenen Gegengemeinschaften als „unreine Praxiskontexte“[47], scheint es zunächst kaum Überschneidungen zu geben. Gemeinsamkeiten existieren jedoch insofern, als Gesellschaftskritik unter dem Motto der Anknüpfung an soziale Kämpfe hier wie dort zu einer moralistischen Überhöhung der wirklich oder vermeintlich Subalternen gerät. Aber im Gegensatz zu Albanese glorifiziert Loick die Subalternen nicht aufgrund ihrer angeblich harmonischen Naturverbundenheit oder ihrer traditionell-solidarischen Lebensweise. Die – nicht zuletzt moralische – ‚Überlegenheit der Unterlegenen‘ basiert bei ihm ganz explizit nicht auf einer ursprünglichen Reinheit oder ungebrochenen Identität. Die ihren Unterdrückern und Peinigern überlegene Sittlichkeit der Diskriminierten und Ausgeschlossenen speise sich, so Loicks Ansatz, vielmehr aus den besonderen gegengemeinschaftlichen Praktiken, mit der die Unterdrückten auf ihre subalterne soziale Stellung reagieren. Folgt man Loick, dann ist es gerade „die aufgrund ihrer sozialen Situiertheit intensive Erfahrung der Konfliktualität, Widersprüchlichkeit und Spannung“[48] – sowohl untereinander als auch im Kontakt mit ihren Unterdrückern –, die Gegengemeinschaften zum normativen Maßstab und Vorbild emanzipatorischer Gesellschaftstransformation machen: „Denn anders als die Mitglieder dominanter Gruppen – anders als ‚der durchschnittliche weiße Amerikaner‘ (oder Deutsche) – sind sie es gewöhnt, mit Widersprüchen und Kontestationen umzugehen. Die Sittlichkeit von Gegengemeinschaften hat Fähigkeiten und Einstellungen kultiviert, die dynamisch und transgressiv sind.“[49]

Hypothetisch zugespitzt ließe sich die Anwendung von Loicks Theorie einer ‚Überlegenheit der Unterlegenen‘ auf den Konflikt zwischen den Palästinensern und Israel in etwa so vorstellen: Die angeblich genozidale Bedrohung der Palästinenser ist die Bedingung für die Herausbildung einer spezifischen gegengemeinschaftlichen Sittlichkeit der Unterlegenen, die der herrschenden oder hegemonialen Sittlichkeit der Israelis überlegen ist. Denn, so Loicks standpunkttheoretische Annahme: „Jemand kann politisch, ökonomisch, sozial oder kulturell unterdrückt sein, aber dennoch einen epistemischen, normativen, ästhetischen oder affektiven Vorteil haben.“[50] Vorteile dieser Art kommen den Unterdrückten allerdings nicht automatisch und zwangsläufig aufgrund ihrer ‚sozialen Situiertheit‘ zu. Erst der abolitionistische Kampf für „die Aufhebung, nicht die Verbesserung der bestehenden Gesellschaft“[51], macht aus den sozial Benachteiligten eine sittlich überlegene Gegengemeinschaft.[52] Die zentrale Stellung des Kampfes als Grundlage der sittlichen Überlegenheit bei Loick könnte – zusammen mit seinen öffentlichen Positionierungen für die ‚pro-palästinensischen‘ Kräfte – zumindest dahingehend missverstanden werden, dass Hamas, Palästinensischer Islamischer Dschihad, PFLP usw. ‚Gegengemeinschaften‘ sind, zumal sein allegorisches Lob für die gegengemeinschaftlichen ‚Maulwürfe‘, die „ihre Gänge ausdehnen und ihre Territorien erweitern“[53], diese Assoziation evoziert.[54] Allerdings würde eine emanzipatorische Gegengemeinschaft, wie sie Loick vorschwebt, wohl kaum jegliche Opposition und alternativen Lebensentwürfe gewaltsam unterdrücken oder sich die Vertreibung, Versklavung oder Vernichtung von Juden auf die Fahne schreiben, wie dies die Hamas tut.[55] Man hätte also zumindest erwarten können, dass sich Loick hier eindeutig abgrenzt.

Loick neigt aber nicht nur dazu, ‚die Subalternen‘ geradezu politexistentialistisch zu einer moralisch überlegenen Gegengemeinschaft zu fetischisieren. Er setzt auch, wie Albanese, ganz selbstverständlich einen Genozid voraus – und gerät in der vermeintlichen Begründung desselben in gleichsam verschwörungstheoretisches Gelände.

So beantwortet er die Frage, warum der vermeintliche Genozid gerade jetzt stattfinde, anknüpfend an Mbembes These von der Nekropolitik (zusammen mit Vanessa Thompson) nämlich mit einem ökonomischen Argument: Israel wolle die Überflüssigen als unproduktiven Kostenfaktor und potentiell Aufständische entweder aktiv vernichten oder gezielt sich selbst überlassen (nekropolitische bzw. strafende Vernachlässigung, „necropolitical“ bzw. „punitive abandonment“[56]). „Diese carcerale Wende hin zu Strafmaßnahmen, mit denen gesellschaftliche Probleme ‚bewältigt‘ werden sollen, ist Ausdruck der staatlichen Steuerung relativer Überschussbevölkerungen“.[57] Für Loick und Thompson ist „der israelische Genozid an den Palästinensern“ Faktor und Indikator einer faschistischen Krisenlösung, die soziale Probleme mit staatlicher Gewalt zu lösen versucht: „ein Versuch, ein Volk auszulöschen, das als überflüssig erachtet wurde.“[58]

Wie auch bei Albanese spielt in diesen Erklärungen der Antisemitismus als eine zentrale Ursache des Konflikts keine Rolle – ebenso wenig wie der palästinensische Überfall und das genozidale Massaker der Hamas als auslösendes Ereignis des Gaza-Krieges. Schon die beiden Intifadas haben ob der berechtigten Angst vor den andauernden palästinensischen Attentaten auf die israelische Zivilbevölkerung dazu geführt, dass weniger Palästinenser von israelischen Unternehmen beschäftigt wurden als zuvor. Und doch wäre es selbstredend vollkommen wahnwitzig, den 07. Oktober als Widerstand gegen die zunehmende eigene Überflüssigkeit zu deuten. Vielmehr ist es so, dass erst durch den 07. Oktober die meisten Arbeitserlaubnisse für Palästinenser (über 100000) von der israelischen Regierung ausgesetzt wurden, sehr zum Schaden der israelischen Wirtschaft und der palästinensischen Beschäftigten, die nun langsam durch andere Arbeitskräfte ersetzt werden. Die palästinensischen Arbeitskräfte wurden nicht deshalb von den Israelis nicht mehr beschäftigt, und somit überflüssig, weil diese nun lieber die philippinische Billiglohnkonkurrenz beschäftigten, sondern weil sie im Anschluss an den von der palästinensischen Zivilbevölkerung vielfach gefeierten 07. Oktober oft aus nachvollziehbaren Gründen als Sicherheitsrisiko wahrgenommen wurden. Nicht zuletzt ließe sich fragen, wieviel Verantwortung eigentlich den palästinensischen Regierungen dafür zukommt, dass sie trotz der umfangreichen internationalen Unterstützung keine eigene Nationalökonomie jenseits von Tunnelbau und Terrorrenten aufgebaut haben.

Wie auch immer: Der Erklärungsansatz Daniel Loicks und Vanessa Thomsons suggeriert eine absichtliche, geplante, oder durch die faschistische Lösung kapitalistischer Krisen hingenommene Vernichtung der Palästinenser durch Israel. Der Gaza-Krieg wird nicht als Reaktion auf das genozidale und antisemitische Massaker der Hamas vor dem Hintergrund eines hochkomplexen Konflikts zwischen verfeindeten Bevölkerungsgruppen einer Region verstanden, sondern als davon unabhängig stattfindender Feldzug zur Vernichtung der überflüssigen, nicht mehr verwertbaren Arbeitskräfte.

Sicherlich ist der Kapitalismus, wie die Nazis es verstanden haben, volks- und kollektivzersetzend, weil solche gemeinschaftlichen Bindungen nur instrumentell für die Akkumulation und nicht als Selbstzweck in Betracht kommen. Potenziell ist damit jeder Einzelne auf sich gestellt. Der historische Fortschritt gegen traditionelle Abhängigkeiten und Zwangskollektive erscheint hier aber als bloßer Mangel. Das diesem modernen Mangel vermeintlich vorausgehende Volk oder die solidarische Gegengemeinschaft werden gegen eine als absolut menschenfeindlich gedachte Wirtschaft und Verwaltung in Stellung gebracht.

Israel wird nun, wie bei Albanese, als Inkarnation oder bedeutendster Repräsentant und Vollstrecker eines Systems verstanden, das unnütze Bevölkerungsteile entsorgt oder dem Tod überlässt. Das bringt alle konkreten Gründe, wieso Palästinenser gestorben sind, zum Verschwinden bzw. ordnet jene nur als Erscheinungen eines größeren Plans ein. Dieser Plan wird aber in typisch verschwörungsideologischer Denkweise als sehr rational aufgefasst: Mit der „Deportation, Kriminalisierung, organisierten Vernachlässigung oder schlichtweg Vernichtung“ von „Migranten und Flüchtlingen, Feminstinnen, trans- und gender- nicht-konformen Menschen, Arbeitslosen und anderen Leuten, die als unproduktiv konstruiert werden, ebenso Linken und anderen politischen Gegnern“[59], würden die zunehmend faschistisch agierenden Staaten das Kapitalinteresse exekutieren. Die Politik der Faschisierung, so die dahinterstehende instrumentelle Staatsauffassung im Anschluss an Georgi Dimitroff, sei letztlich nur der Vollzug der Interessen des Kapitals so als ob die Bevölkerungspolitik mit dem Kapitalinteresse des Staates zusammenfallen würde und Staats- und Kapitalinteresse miteinander identisch wären. Dass sie das nicht sind, gilt für Israel umso mehr, dessen Staatsinteresse der Schutz der Juden vor Verfolgung ist. Durch diese so verstandene unmittelbare Einheit wird der Zionismus als solcher kapitalistisch, der Kapitalismus zionistisch und Israel zum inhärent expansionistischen und alle vermeintlich naturwüchsigen Grundlagen aufsaugenden Gebilde erklärt. Palästina wird zum Experimentierfeld dieser angeblich von Israel ausgehenden und auf andere Regionen übergreifenden Machenschaften phantasiert. Albaneses Formel von der „Israelisierung“ lässt grüßen.

Besagte Laborthese über Gaza teilt nicht zuletzt auch die Philosophin Eva von Redecker. Dass sich viele große politische Bewegungen der Gegenwart, wie Fridays for Future und Black Lives Matter, mittlerweile hauptsächlich auf Palästina konzentrieren, ist für von Redecker zwar komplexitätsverdrängend, reagiere aber auf einen realen Wahnsinn, „weil es ein Labor ist für vieles, was kommen könnte. Das Völkerrecht wird ausgesetzt, eine künstliche Hungersnot hergestellt, eine Weltgegend unbewohnbar gemacht. Sich auf solche Szenen auch an anderen Orten vorbereiten zu müssen, das steht tatsächlich in der Gegenwart auf dem Spiel.“[60]

Abgesehen von der Laborthese, der sowohl ein verschwörungsideologisches Element als auch die antisemitische Kernthese von den Juden als Ursprung des Bösen respektive einer völkervernichtenden Praxis inhäriert, fällt die radikale Einseitigkeit und das manichäische Schema auf, in das der komplexe israelisch-palästinensische Konflikt nicht nur von Albanese, sondern auch von den besagten kritischen Theoretikern gepresst wird. Die Talking Points von Redeckers erklären Israel zum Alleinschuldigen der Lage in Gaza und lassen die Hamas und andere palästinensische Akteure außen vor. So werden etwa Art und Umfang des Völkerrechtsbruchs von der Philosophin gar nicht erst bestimmt. Die fälschlicherweise als „Hungersnot“ bezeichneten zeitweiligen Versorgungsengpässe in Gaza[61] werden allein Israel in die Schuhe geschoben, ungeachtet der Frage wann und wie viele Hilfslieferungen nach Gaza hineinkamen, nicht adäquat verteilt oder aber von der Hamas und anderen Gruppierungen gestohlen wurden. Die Unbewohnbarkeit des Gazastreifens scheint ebenfalls allein dem israelischen Bombardement geschuldet – und nicht auch der Tatsache, dass die Hamas die zivile Infrastruktur mit voller Absicht zu militärischen Zwecken verwendet, Waffen in Schulen und Krankenhäusern lagert, die Grenze zwischen Kombattanten und Zivilisten unkenntlich macht und den Küstenstreifen so umfassend untertunnelt hat, dass der Wideraufbau vieler Gebäude schon deshalb eine große Herausforderung darstellt.[62] Auch von Redecker folgt dabei dem schon von Albanese bekannten Israelisierungsphantasma, wenn sie erklärt, dass die in Palästina erprobten Zustände bald auch anderswo drohen. Die systematische Dethematisierung der eigentlichen Gründe des Konflikts im Allgemeinen und des Krieges im Besonderen, ja die völlige Verharmlosung der palästinensischen Nationalbewegung und der Hamas, deren diskursive Nivellierung den Eindruck erweckt, die israelischen Streitkräfte hätten überhaupt keinen realen Gegner gehabt, sondern wahllos in Gaza gewütet und gemordet, folgt nicht zuletzt der im Antisemitismus gängigen Täter-Opfer-Umkehr.

Dabei ist sich Eva von Redecker nicht zu schade, den Kampf gegen den seit 10/7 zunehmend eskalierenden Antisemitismus in die Nähe des Faschismus zu rücken. Faschismus wird bei ihr zur Verteidigung von ‚Phantombesitz‘, also von imaginären Verfügungs- und Herrschaftsansprüchen über Andere oder die Nation, über Institutionen, Traditionen, Land und Werte auch nach der Abschaffung der realen Herrschafts- und Verfügungsverhältnisse. Der Faschismus verteidige diese Ansprüche gegen imaginäre Feinde, die auf die eine oder andere Art ‚vernichtet‘ werden sollen. So erklärt von Redecker, um ihren Begriff Phantombesitz zu erläutern: „Oder es sind die Muslime und Musliminnen, die angeblich jetzt das Leben unserer – Phantombesitz, Phantombesitz – jüdischen Mitbürgerinnen unmöglich gemacht haben“[63] und legt beim Sprechen einen besonderen Nachdruck auf das das Wort „unserer“. Dessen ungeachtet, dass eine große Mehrzahl der Juden in der Diaspora und nicht zuletzt in Deutschland erklärt, unter dem persistierenden Judenhass zu leiden, werden Juden von ihr zum Phantombesitz eines „paternalistischen Philo-Semitismus“ erklärt, die „um jeden Preis ‚geschützt‘ und gegen zumindest partiell phantasmatische Figuren wie ‚importierte Antisemiten‘ oder ‚linke Hamas-Versteher‘ verteidigt werden“ müssen.[64] Was nun real oder nur phantasmatisch bedrohlich an diesen Figuren ist, bleibt offen und unterstreicht die Unschärfe und damit die Untauglichkeit des Begriffs „Phantombesitz“ als Analysekategorie.[65] Das Possessivpronomen hier als Beweis für eine vermeintliche Phantombesitz-Haltung gegenüber den Juden ins Feld zu führen, ist dabei ähnlich absurd, als würde man einer Person vorwerfen, sie spräche von „meiner Bank“ oder „meinem Friseur“, obwohl weder die Bank noch der Friseur ihr gehören. Possessivpronomen können aber auch in einem anderen Sinne gebraucht werden. In Ermangelung einer besseren Alternative darf und sollte auch der kritische Wissenschaftler vom deutschen Staat erwarten, dass dieser „seine“ Staatsbürger vor antisemitischen Bedrohungen schützt. Der eigentliche Skandal ist doch, dass Juden in der deutschen Gegenwart überhaupt massiv geschützt werden müssen, und sich öffentliches jüdisches Leben nur unter Polizeischutz ausüben lässt. Wenn somit die jüdischen Staatsbürger unglücklicherweise zum angeblichen „Phantombesitz“ des deutschen Staates werden, bezeugt dies einmal mehr die Notwendigkeit eines jüdischen Staates als Zufluchtsort vor dem globalen antisemitischen Ressentiment. Wer den Phantombesitz an dieser Stelle kritisiert und gleichzeitig nicht die Tatsache leugnet, dass jüdisches Leben in Deutschland und anderen Ländern einer massiven Gefahr ausgesetzt ist, müsste insbesondere dafür einstehen, dass sich die Juden in einem wehrhaften jüdischen Staat selbst verteidigen können. Diese Schlussfolgerung zieht von Redecker aus ihrem Vorwurf aber nicht. Vermutlich ist Israel, ähnlich wie die Juden in der Diaspora, in ihrer Wahrnehmung auch bloß von partiell phantasmatischen Antisemiten umgeben.

Die besagte Stelle in von Redeckers aktuellem Buch zeugt zudem von einer Haltung, die den Antisemitismus vornehmlich bei den anderen (nämlich den ‚weißen, westlichen Rechten‘) sehen kann, nicht aber bei Linken ihrer Couleur, sowie bei Muslimen oder Migranten. Ganz im Sinne der postkolonialen Othering-Dogmatik werden Kritiken ‚westlicher‘ an ‚nichtwestlichen‘ Akteuren hier vornehmlich als herabwürdigende Phantasmen abgetan, hinter denen eine imperiale, hier gar: faschistische Bemächtigungs- oder Vernichtungsabsicht stecke. Implizit werden so z.B. Muslime oder Palästinenser zu den neuen Juden einer solchen Vernichtungsabsicht stilisiert. Umgekehrt scheint die Analysekategorie des Phantombesitzes und seiner faschistischen Verteidigung bei der palästinensischen Befreiungsbewegung keine Anwendung zu finden, obwohl diese in ihrem Gründungsmythos einen antizionistisch begründeten Besitzanspruch auf das Land erhebt, das nur durch die Eliminierung des Feindes wiedererlangt werden kann. Dagegen fallen von Redecker die Palästinenser in einem Interview eher als Beispiel für den Kampf um Bleibefreiheit ein – ihrem Gegenentwurf zum Phantombesitz.[66] So schön sich das Bleiberecht anhört, wird es im Fall der Palästinenser, ob gewollt oder nicht, zur Rechtfertigung für den Kampf gegen Israel. Denn das Ziel aller relevanten politischen Führungen der Palästinenser ist nicht das bloße Bleiben in Palästina neben Israel – das Angebot haben die palästinensischen und arabischen Führungen mehrmals ausgeschlagen –, sondern, artikuliert in der revanchistischen Forderung eines ‚Rechts auf Rückkehr‘, das Bleiben anstelle Israels und damit anstelle der meisten Juden im Nahen Osten.[67]

Dieser selektive Charakter der Othering-Dogmatik hat bei von Redecker auch die üblichen Konsequenzen im Hinblick auf die Sympathie gegenüber ‚verwurzelten Gemeinschaften‘ im Gegensatz zur ‚Wurzellosigkeit‘ der westlichen Zivilisation. In „Bleibefreiheit“ zitiert von Redecker zustimmend das Urteil der amerikanischen Biologin Robina Wall Kimmerer und der „weisesten indigenen Ältesten“ über die Europäer, die mit Kolumbus nach Amerika kamen: „Das Problem mit diesen neuen Menschen ist, dass sie nicht mit beiden Füßen am Ufer stehen. Ein Fuß ist an Bord geblieben. Anscheinend wissen sie nicht, ob sie bleiben sollen oder nicht.“[68] Gegenüber solcher Wurzellosigkeit gelten die fein aufeinander abgestimmten natürlichen Zyklen, die durch ihr Ineinandergreifen neues Leben schaffen, als Modell für gelungene Freiheit: „Aber wo man sich der Erfahrung öffnet, Beziehungen zur Welt aufnimmt und mit ihren Gezeiten geteilte Momente der Schöpferischkeit sucht, da vervielfachen sich die Möglichkeiten proportional zur Lebendigkeit ringsumher. Mehr Leben bedeutet wirklich mehr Freiheit“.[69] Ähnlich wie bei Albanese wird das Heil der modernen Gesellschaft im Konkretismus der guten, indigenistischen, reisschalenromantisch verklärten Kollektive und der Natur als ewig nahrhaftem Mutterschoß gesucht. Wo dergestalt moralisch das Konkrete und Geerdete dem Abstrakten und Weltläufigen vorgezogen wird, sind Ressentiments und die Suche nach Schuldigen, die die einfache Lösung verhindern, nicht weit. Diese Logik aufzuklären wäre einer kritischen Theorie, die mehr sein will als akademisch veredeltes und mit geistesgeschichtlichen Referenzen garniertes Ressentiment, durchaus angemessen.

Fußnoten

[1] Ich danke den Mitgliedern des Ak Antisemitismuskritik der Gesellschaft für kritische Bildung für wertvolle Hinweise und Unterstützung.

[2] https://www.philomag.de/artikel/linksautoritaere-irrungen

[3] https://voelkerrechtsblog.org/open-letter-unsr-albanese/

[4] https://www.instagram.com/p/DZu3m3WFQfw/

[5] „Wir haben uns in den letzten zwei Jahren mit der Planung und Durchführung eines Völkermords beschäftigt. Und dieser Völkermord ist noch nicht vorbei. Der Völkermord als vorsätzliche Vernichtung einer Gruppe als solche ist nun eindeutig offenbart. Er lag schon lange in der Luft und ist nun in vollem Umfang sichtbar. Es war schwierig, über diesen Völkermord zu berichten. Al Jazeera weiß das besser als jeder andere in den Medien, im Medienbereich, aufgrund all der Verluste, die es als Medienunternehmen erlitten hat. Aber niemand weiß es besser als die Palästinenser selbst. Die Palästinenser haben weiterhin von der Flut des Leids berichtet, die unerbittlich über sie hereingebrochen ist. Und das ist eine Herausforderung. Die Tatsache, dass der Großteil der Welt Israel nicht gestoppt hat, sondern es bewaffnet, ihm politische Ausreden geliefert, politischen Schutz gewährt sowie wirtschaftliche und finanzielle Unterstützung gewährt hat. Das ist eine Herausforderung. Die Tatsache, dass die meisten Medien in der westlichen Welt die pro-Apartheid- und Völkermord-Rhetorik verstärkt haben, ist eine Herausforderung. Und gleichzeitig liegt hier auch die Chance. Denn wenn dem Völkerrecht ein Stich ins Herz versetzt wurde, so ist es doch auch wahr, dass die Weltgemeinschaft noch nie zuvor die Herausforderungen gesehen hat, denen wir alle gegenüberstehen. Wir, die wir keine großen Mengen an Finanzkapital, Algorithmen und Waffen kontrollieren. Wir erkennen nun, dass wir als Menschheit einen gemeinsamen Feind haben und dass Freiheiten – die Achtung der Grundfreiheiten – der letzte friedliche Weg, das letzte friedliche Instrumentarium ist, das uns bleibt, um unsere Freiheit zurückzugewinnen. Aber wir müssen uns zur Wehr setzen. Wir müssen das Richtige tun, wir alle, in unserem jeweiligen Umfeld. Ob als Juristen, Journalisten, Pädagogen, Studierende oder einfache Bürger zu Hause. Wir alle haben eine Rolle zu spielen, und diese Rolle besteht darin, unsere Gewohnheiten zu ändern. Angefangen bei dem, was wir kaufen, konsumieren und lesen, bis hin dazu, wie wir uns gegenüber der Macht verhalten. Wir müssen in der Lage sein, unsere Stimme zu erheben. Wir müssen die Kraft haben, einander anzusehen und in unseren Mitmenschen Brüder und Schwestern sowie Verbündete zu erkennen. In dieser Hinsicht steht Al Jazeera meiner Meinung nach vor einer größeren Herausforderung als andere, denn es geht darum, seinen Grundwerten treu zu bleiben – der Mission, die den Sender weltweit bekannt gemacht hat: seiner Fähigkeit, die wahren Fakten zu liefern und mit ihnen in der Hand für Gerechtigkeit einzutreten. Ich glaube fest daran, dass Palästina frei sein wird. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir alle frei sein werden, denn nach 80 Jahren der Vermittlung und Lehre der Menschenrechte ist das Bewusstsein für Menschenrechte in der heutigen Welt zu tief verwurzelt. Aber wir müssen handeln, und zwar jetzt. Deshalb braucht es 2026 einen vollen Einsatz für Rechenschaftspflicht und Gerechtigkeit.“

Englisches Original: „We have been spending the last two years looking at the planning and making of a genocide. And the genocide is not over. The genocide as the intentional destruction of a group as such is clearly unveiled now. It’s been in the air for a long time and now it’s in full display. It’s been difficult to report the genocide. Al Jazeera knows better than anyone else in the media, in the media realm, because of all the losses it has suffered as a as a media company. But no other people knows it better than the Palestinians themselves. The Palestinians have continued to narrate the deluge of conscious that fell upon them relentlessly. And this is a challenge. The fact that instead of stopping Israel, most of the world has armed, given it political excuses, political sheltering, economic and financial support. This is a challenge. The fact that most of the media in the western world has been amplifying the pro-apartheid, the genocidal narrative, is a challenge. An at the same time, here also lays the opportunity. Because if international law has been stabbed in the heart, it’s also true that never before the global community has seen the challenges that we all face. We who do not control large amounts of financial capitals, algorithms and weapons. We now see that we as a humanity have a common enemy and freedoms, the respect of fundamental freedoms, is the last peaceful avenue, the last peaceful toolbox that we have to regain our freedom. But we need to stand up. We need to do the right thing, all of us, in our individual sphere. Being as lawyers, journalists, educators, students, ordinary citizens at home. We all have a role to play and this role is changing our habits. From what we choose to buy, to consume, to read, to how we stand in front of power. We need to be able to speak up. We need to have the strength to look at each other and see our brothers and sisters and see allies in them and in this respect I think the Al Jazeera has a bigger challenge than than others because it is to stay true to its core values, true to the mission that has made it known around the world, its ability to produce true facts and march toward justice with them in their hands. I do believe that Palestine will be free. I do believe that we will all be free, because too much human rights conscience is rooted in todays world after 80 years of preaching and teaching human right. But we need to, we need to act and the time is now. So for a 26 of full commitment toward accountability and justice.“                  https://www.instagram.com/francesca.albanese.unsr.opt/reel/DUjOMG9ihjT/?hl=de

[6] „for me, antisemitism is discriminating against Jews because they are Jews. This has nothing to do with the appraisal of Israel’s performance as a member state of the United Nations.“ https://www.jns.org/feature/not-an-international-crime-to-kill-soldiers-uns-francesca-albanese-says-of-oct-7

[7] https://www.jns.org/feature/not-an-international-crime-to-kill-soldiers-uns-francesca-albanese-says-of-oct-7

[8] https://www.ohchr.org/en/statements-and-speeches/2024/09/un-experts-warn-international-order-knifes-edge-urge-states-comply

[9] https://www.juedische-allgemeine.de/meinung/ein-publikum-wie-eine-sekte-so-war-francesca-albaneses-auftritt-in-berlin/

[10] https://www.juedische-allgemeine.de/meinung/wie-die-new-york-times-israel-verteufelt/

[11] https://www.youtube.com/watch?v=jjRMAhl81Gk&t=28s

[12] https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(24)01169-3/fulltext

Dieser Leserbrief ist nur eine Prognose und wendet spekulativ Daten vergangener Kriege auf den Krieg in Gaza an. Dadurch ergaben sich Opferzahlen in Höhe von 186000 und mehr. Solche Prognosen können als worst-case-Kalkulation sinnvoll sein, wurden aber oft als faktisch höhere Opferzahl herumgereicht.

[13] https://www.pcbs.gov.ps/portals/_pcbs/PressRelease/Press_En_PalChildDay2024E.pdf

[14] „in that interview, the largest figure I deliberately mentioned in a provocative way had the effect I wanted — it made people nod their heads and say, ‘What’s going on?’ These numbers are highly disputed.“ https://unwatch.org/francesca-albaneses-made-up-math-and-false-facts/

[15] https://x.com/JGreenblattADL/status/1846276664545923517

[16] „Today’s violence must be put in context. Almost six decades of hostile military rule over an entire civilian population (incomprehensibly ignored by too many official statements & media outlets) are in themselves an aggression, and the recipe for more insecurity for all.“

https://x.com/FranceskAlbs/status/1710652725870874874

[17] https://www.jns.org/feature/not-an-international-crime-to-kill-soldiers-uns-francesca-albanese-says-of-oct-7

[18] https://x.com/HillelNeuer/status/1526543254363291649

[19] Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. In: Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, Bd. 5, Frankfurt/M. 1997, S. 197.

[20]https://x.com/FranceskAlbs/status/1731646447777427668 https://x.com/FranceskAlbs/status/1821318372111348176

[21] https://x.com/HillelNeuer/status/1816478017973100714

[22] „Gaza: In the largest and most shameful concentration camp of the 21st century, Israel is genociding the Palestinians one neighborhood at the time, one hospital at the time, one school at the time, one refugee camp at the time, one ‘safe zone’ at the time.“

https://x.com/FranceskAlbs/status/1822184214860534271

[23] Vgl. https://isca.indiana.edu/publication-research/research-paper-series/norman-jw-goda-research-paper.html

[24] Zur ersten und zur – nur vermeintlich nichtantisemitischen – zweiten Charta der Hamas vgl. https://www.bpb.de/themen/islamismus/dossier-islamismus/36358/antisemitismus-und-antizionismus-in-der-ersten-und-zweiten-charta-der-hamas/ sowie https://mena-watch-lexikon.com/das-lexikon/palaestinenser/das-hamas-grundsatzpapier-von-2017/#_ftn4

[25] https://x.com/EFischberger/status/1796073349795152195

[26] „Jews had been discriminated in Europe, not in West Asia, not in the Arab world, where they had been in fact welcomed once they were kicked out from Spain and other parts of Europe.“

https://www.jns.org/news/u-s-news/scoop-read-history-books-un-adviser-albanese-told-after-claiming-jews-only-well-treated-in-arab-lands-post-inquisition

[27]https://x.com/HillelNeuer/status/2023204598182281689?ref_src=twsrc%5Etfw%7Ctwcamp%5Etweetembed%7Ctwterm%5E2023204598182281689%7Ctwgr%5E52226ac2738e57626410051e87d0ea740674461d%7Ctwcon%5Es1_&ref_url=https%3A%2F%2Funwatch.org%2Ffrancesca-albanese-excuses-october-7-atrocities-israeli-civilians-in-kibbutzim-are-occupiers-on-stolen-land-deserving-reminders%2F

[28] „Israel demands a demilitarized (and ‚de-hamasised‘) Gaza. So that it can then rule over it the same way it does in the West Bank?“

https://x.com/HillelNeuer/status/1818787033415893323

[29] „You have a right to resist this occupation.“

https://www.jns.org/israel-news/un-envoy-to-hamas-you-have-the-right-to-fight-israel

[30] Vgl. dazu kritisch u.a.: https://k-larevue.com/en/the-meaning-of-genocide/

[31] „We will need to face the reality and understand the depth of the horror we have inflicted. As any genocidal society“.

https://x.com/FranceskAlbs/status/1886817900956209295

[32] „Israel's founding ideology (and lie) is now leading to a genocide“.

https://x.com/FranceskAlbs/status/1871471061188927755

[33] Vgl. dazu https://www.philomag.de/artikel/bruno-chaouat-der-leibhaftige-jude-erzeugt-ein-grosses-unbehagen.

[34] „America and Europe, one of them subjugated by the Jewish lobby, and the other by the sense of guilt about the holocaust.“

https://www.timesofisrael.com/un-palestinian-rights-officials-social-media-history-reveals-antisemitic-comments

[35] „The Israeli Lobby is inside your veins and systems“

https://static.timesofisrael.com/www/uploads/2022/12/Untitled-1-4.jpg

[36] https://www.camera.org/article/outlet/bbc/

[37] „The fires burning in Palestine and Los Angeles today are symptoms of the same disease: a system that values conquest over conservation, profit over people, and expansion over existence.“

https://www.thejc.com/news/israel/francesca-albanese-gaza-la-fires-connected-mzg9w00c

[38] Zum Sender Al Jazeera vgl. u.a. https://www.tagesschau.de/faktenfinder/kontext/al-jazeera-nahost-100.html

[39] https://www.instagram.com/francesca.albanese.unsr.opt/p/DWRt-hrCrl-/?hl=de

[40]„Do not attribute what Israel does to all Jewish people, please“.

https://www.jns.org/world/un-adviser-scolds-follower-for-saying-all-jews-not-just-israelis-are-cannibals?utm_content=341573835&utm_medium=social&utm_source=twitter&hss_channel=tw-538525553

[41] „increasing the security grip in their societies“. „This is the Israelisation of our societies“, erklärte sie und ergänzte, „when there is an Israelisation of our societies, there is also the Palestinianisation of some, and it’s already happening.“ Sodann fordert sie: „Until the Israeli occupation of Palestine (...) ends, totally and unconditionally, UN member states must not aid or assist Israel in any possible way.“

https://www.trtworld.com/article/1283a8a22ad2

[42] https://x.com/FranceskAlbs/status/2058856308497940984

[43]  „those who do not vote can be treated as an unwanted encumbrance. […]  These people are already among us, migrants and refugees, […]. Look at the way Europe treats them.“

https://www.jns.org/news/u-s-news/scoop-read-history-books-un-adviser-albanese-told-after-claiming-jews-only-well-treated-in-arab-lands-post-inquisition

[44] „an ideal laboratory for the Israeli military-industrial complex.“

https://www.aa.com.tr/en/world/un-rapporteur-accuses-israel-of-one-of-cruelest-genocides-in-modern-history-urges-arms-embargo-global-disengagement/3620641

[45]„orwellian nightmare caused once again by Israel‘s greed“

https://static.timesofisrael.com/www/uploads/2022/12/Untitled-1-4.jpg

[46] „I see beyond this darkness, the glimmer of the world where we choose life over domination, we choose care over extraction, solidarity over individualism, humanity over consumerism, healing over numbing, and love over fear. A world that remembers what indigenous people have always known: this earth is not ours to possess, but to protect. Borrowed from our children, not inherited from our ancestors. And when Palestine will be free – because it will be free – we will all be free.“

https://www.instagram.com/francesca.albanese.unsr.opt/p/DWRt-hrCrl-/?hl=de

[47] Daniel Loick: Die Überlegenheit der Unterlegenen: Eine Theorie der Gegengemeinschaften, Berlin: Suhrkamp 2024, S. 19.

[49] Ebd., S. 11.

[50] Ebd., S. 8.

[51] Ebd., S. 250.

[52] Zur konstitutiven Rolle des Kampfes für die Entstehung von Gegengemeinschaften siehe Kapitel 8 (Politik für Maulwürfe) in ebd., S. 249-288.

[53] Ebd. S. 287.

[54] Vgl. ebd. S. 286-288.

[55] Zu Letzterem vgl. Daniel Rickenbachers Artikel in der NZZ: https://www.nzz.ch/feuilleton/hamas-massenmord-und-raub-der-plan-hinter-dem-7-oktober-ld.1876953

[56] Daniel Loick/Vanessa E. Thompson: Surplus Fascism: Reflections on Current Tendencies of Abandonment in Germany and Beyond, in: New German Critique 53/1 2026: S. 203–223, S. 210 und S. 215. Siehe dazu auch die Diskussion „Into the Wastelands. On Fascism and the Crisis of Capitalism“ mit Vanessa Thompson, Daniel Loick, Alberto Toscano, Bafta Sarbo und Jule Ulbricht vom 22.05.2026, https://fair.tube/w/bcaV3YjXQA99U78DH3PoUm .

[57] „[T]his carceral turn toward punitive measures to ‘deal with’ societal problems is an expression of state management of relative surplus populations.“ Ebd., S.216.

[58] „the Israeli genocide of Palestinians“, „an attempt at annihilating a people rendered surplus.“ Ebd.

[59] „deportation, criminalization, organized abandonment, or outright annihilation“ von „migrants and refugees, feminist women, trans and gender-nonconforming folk, unemployed people and other people construed as nonproductive, as well as leftists and other political opponents“. Ebd., S. 204.

[60]https://www.spiegel.de/kultur/philosophin-ueber-faschismus-ich-bewundere-alle-die-in-ostdeutschen-doerfern-nicht-afd-waehlen-a-a1f131cb-bf9b-4287-88e6-897841128534

[61] Vgl. dazu https://besacenter.org/debunking-the-genocide-allegations/, Chapter 1.

[62] Vgl. dazu https://www.wina-magazin.at/tunnelbau_gaza/

[63] https://www.youtube.com/watch?v=I-V_kbPBoHA

[64] Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus, Frankfurt am Main: Fischer 2026, S.191.

[65] Vgl. Leo Roepert: Phantom und Wiedergänger, Rezension zu „Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“ von Eva von Redeckerhttps://www.soziopolis.de/phantom-und-wiedergaenger.html

[66] https://www.youtube.com/watch?v=bIOtu0cadzQ

[67] Vgl. https://mena-watch.com/peter-beinart-und-die-rueckkehr-der-palaestinensischen-fluechtlinge/

[68] Eva von Redecker: Bleibefreiheit, Frankfurt am Main: Fischer 2025, S.135.

[69] Ebd., S.144.

(Zuerst in drei Teilen erschienen auf Mena-Watch: https://mena-watch.com/albanese-und-ihre-kritischen-theoretiker-teil-1/)


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