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Zur Kritik des akademischen Aktivismus am Beispiel Aram Ziais

Erscheinungsjahr: 2026

1. Zum folgenden Text

Dieser Text verfolgt zwei miteinander verknüpfte Ziele: Einerseits soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass Aram Ziai, Professor für Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien an der Universität Kassel, israelfeindliche, antizionistische Gruppierungen, namentlich Unidiversität und Bündnis Yousef Shaban, unterstützt. Diese Gruppierungen bewegen sich jenseits des akzeptablen Rahmens dessen, was landläufig mit dem fragwürdigen Begriff „Israelkritik“ bezeichnet wird: Sie verstehen sich in der ideologischen Tradition der PFLP und legitimieren den Terror der Hamas. Andererseits soll argumentiert werden, dass diese Unterstützung aus der Forschung und Lehre Aram Ziais folgt. Hierfür erfolgt eine Analyse einschlägiger Texte und einzelner Lehrinhalte Ziais, die Sichtung seiner öffentlichen Aussagen in Interviews, Vorträgen, Podiumsdiskussionen sowie eine Darstellung der Beziehung Ziais zu den genannten Gruppen in Form öffentlicher Aussagen und mutmaßlich finanzieller Unterstützung. Diese Ausführungen dienen auch der exemplarischen Untersuchung des aktuellen Phänomens, dass der politische Aktivismus sich vermittelt über diverse Akteur*innen den akademischen Betrieb dienstbar macht.

2. Forschung und Lehre

Bereits in seiner Dissertation zum Entwicklungsbegriff vertritt Ziai einen naiven Relativismus, den er in der Tradition einer durch Michel Foucault inspirierten Machtkritik entwickelt (vgl. Ziai 2004, S.5). Er beruft sich hierbei auf die historische und soziale Bedingtheit von Erkenntnis und setzt im Zuge dessen die grundsätzliche Kontingenz aller wissenschaftlichen Prämissen voraus: „Die dem jeweiligen Wissen zu Grunde liegenden erkenntnistheoretischen und normativen Prämissen sind durchaus unterscheidbar und rationalen und ethischen Urteilen zugänglich. Diese Urteile sind jedoch nicht universell, sondern nur innerhalb ihrer eigenen Prämissen gültig. Eine Letztbegründung dieser Prämissen ist nicht möglich - sie sind kontingent [...].“  (Ziai 2004, S.77). Ziel seiner Arbeit sei nicht bloß theoretische Erkenntnis, sondern ein aus einem emanzipatorischen Erkenntnisinteresse folgendes Ideal der Gleichberechtigung aller Menschen (vgl. Ziai 2004, S.4). Weder könne jedoch vor dem Hintergrund der genannten fundamentalen Kontingenz allen Wissens die Theorie irgendeine spezifische Form von Praxis begründen, noch bedürfe die Praxis überhaupt einer solchen theoretischen Begründung (vgl. Ziai 2004, S.7). Was nun noch als Grundlage der wissenschaftlichen und politischen Tätigkeit übrigbleibt, ist nach Ziais Selbstauskunft ein bloßes „Empfinden“, dass der Gegenstand seiner Kritik - hier die Entwicklungspolitik - „veränderungsbedürftig“ sei (Ziai 2004, S.8).

Im Sammelband Postkoloniale Politikwissenschaft von 2016 befasst sich Ziai in dessen Einleitung unter diesen theoretischen Vorzeichen mit dem Holocaust, dem Kolonialismus und der deutschen Erinnerungs- und Gedenkkultur. Ihm geht es darum, auf „koloniale Heuchelei“ und „doppelte Standards“ aufmerksam zu machen (Ziai 2016, S.17). Im Wortlaut beginnt der zweite Abschnitt dieser Einleitung ohne jede weitere Hinführung wie folgt:

„Die Befreiung vom Nationalsozialismus führte nicht nur zur Vertreibung von vielen Millionen Menschen aus den vermeintlich befreiten Gebieten, sondern auch zu Gräueltaten rachsüchtiger Mobs: verbrannte Kinder und schwangere Frauen, denen die Babys aus dem Bauch gehackt worden waren. Es gibt glaubhafte Berichte von alliierten Soldaten, die Säuglinge am Spieß geröstet haben. Die russischen Soldaten verwandelten sich in Horden, die gründlich vergessen hatten, dass sie Menschen waren. Nur ZynikerInnen, die kein Mitleid kennen, können das Ende des Nationalsozialismus daher als Befreiung bezeichnen. In allen anderen erwächst der verzweifelte Wunsch, dass die stabile Herrschaft des Nationalsozialismus zurückkehren möge. Könnte es sein, dass die große Geschichtserzählung, die wir alle eingetrichtert bekommen haben, nach der der Nationalsozialismus von Anfang bis Ende nichts als ein Übel war, falsch ist? Die Befreiung vom Nationalsozialismus war – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – eine Katastrophe.“ (Ziai 2016, S.14)

Was wie eine obszöne Schilderung eines rechten Geschichtsrevisionisten erscheint, ist eine von Ziai fantasierte Aussage, die er sogleich als solche einordnet, um im Anschluss darauf hinzuweisen, dass in der Tageszeitung DIE WELT ein Artikel publiziert worden sei, der das Ende des britischen Empires in solcher Weise darstelle (vgl. Stein 2015). Er suggeriert damit die Existenz bzw. Persistenz eines politisch-historischen Doppelstandards: Hinsichtlich des Nationalsozialismus zögen apologetische Aussagen hierzulande direkt gesellschaftliche Ächtung und strafrechtliche Konsequenzen nach sich, während in Bezug auf Deutschlands und Europas koloniales Erbe ambivalente Positionen nach wie vor als zumindest diskutabel gälten. Ziai geht mindestens wissenschaftlich unredlich vor, wenn er, um angebliche doppelte Standards nachweisen zu wollen, von einer durch ihn selbst bloß fantasierten Aussage behauptet, dass sie sicherlich strafrechtlich verfolgt würde, während eine tatsächliche Aussage über den Kolonialismus, so beweist der inkriminierte WELT-Artikel, ohne eine solche Verfolgung möglich sei.

Unter Berufung auf Aimé Césaire versucht Ziai nun die These vom Holocaust als Zivilisationsbruch zu entkräften. Césaire unterstellt, dass die Bewertung des Holocaust als bis dato einmalig Ausdruck einer Kränkung sei, die aus der Anwendung kolonialer Praktiken auf weiße Europäer*innen selbst resultiere (vgl. Césaire 2017, S.28 f.). Wer „vor diesem Hintergrund“, so Ziai, „erst in Auschwitz einen Zivilisationsbruch sieht, kann dies nur mithilfe der kolonialen Heuchelei tun: Einige Opfer sind gleicher als andere“ (Ziai 2016, S.17) Die „gleichere Gleichheit“ der Opfer des Holocaust, die im Zusammenhang mit der Vorstellung steht, erst in Auschwitz habe ein Bruch der Zivilisation stattgefunden, beruhe also auf der europäischen Herkunft, mithin der weißen Hautfarbe dieser Opfer. Die differentia specifica von Holocaust und Kolonialverbrechen liege also weder in den sie begründenden Ideologien noch den konkreten Formen der ausgeübten Gewalt, sondern wesentlich in der Identität der jeweiligen Opfergruppen. Laut Steffen Klävers postuliert Ziai damit, dass „wer auch immer damit argumentiert, dass Auschwitz etwas irgendwie - hier ja noch nicht mal klarer definiert - besonderes sein soll [...], der sei eurozentrisch, rassistisch und kolonialapologetisch“ (Klävers 2023, S.297).

Ziai setzt darüber hinaus - zumindest implizit - Antisemitismus und Rassismus gleich, indem er die NS-Verbrechen umstandslos in die Kontinuität kolonialer Verbrechen einordnet. Bei beiden habe es sich um „rassistisch begründete, gewaltsam aufrecht erhaltene und kriegerisch ausgeweitete Herrschaft über Andere“ gehandelt, „die selbst vor Völkermord nicht zurück schreckt.“ (Ziai 2016, S.14) Um die These von der kolonialen Heuchelei halten zu können, unterschlägt er, dass der Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden nichts war, wovor die Nationalsozialisten „nicht zurückschreckten“, sondern eben der Kern nationalsozialistischer Politik; es handelte sich bei der Vernichtung jüdischen Lebens nicht um ein sekundäres Phänomen, eine spontane Reaktion, eine Bestrafungsaktion, militärisches oder ökonomisches Kalkül etc., sondern um die konsequente Entfaltung eben jenes Antisemitismus, der bereits 1933 staatstragend wurde (vgl. Friedländer 2006, S.38 ff., S.45 f.). In dieser eliminatorischen Politik wird auf radikale Weise ein wesentliches Merkmal des modernen Antisemitismus deutlich: Die Juden und Jüdinnen gelten den Antisemit*innen zwar durchaus als zersetzend und unrein, aber auch als übermächtige Bedrohung, die im Zweifel um des eigenen Heils willen vernichtet werden muss (vgl. Bergmann 2006; Friedländer 2006, S.53, S.115; Salzborn 2020; Weyand 2024, S.22 ff.).

Genau darin divergieren Antisemitismus und Rassismus: Im Denken der Rassist*innen gelten Menschen aufgrund ihrer vermeintlichen Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse oder Kultur nicht als übermächtig, sondern als unterlegen und somit als willfähriges Objekt etwa der Erniedrigung, Ausbeutung und auch Ermordung (vgl. Bojadzijev 2023). Wulf Hund spricht daher in der Analyse des Rassismus von „der Erfindung der Rassen“, um darauf aufmerksam zu machen, dass es sich nicht um eine biologische, sondern „soziale Kategorie“ handelt, „welche unter spezifischen Umständen zur Grundlage einer Politik rassistischer Herabminderung entwickelt worden ist“ (Hund 2007, S.8). Beispielhaft systematisiert in diesem Sinne Lukas Egger die wissenschaftliche Debatte über den Ursprung des Rassismus anhand religiöser sowie ökonomischer Faktoren, die zur Verknüpfung einer dunklen Hautfarbe mit einer „rassistischen Inferiorisierung“ führten (Egger 2024, S.24 ff.). In der eliminatorischen Politik, die die Vernichtung jüdischen Lebens als Selbstzweck betrieb, unterscheidet sich außerdem der Nationalsozialismus radikal vom Kolonialismus – und hierauf zielt die Rede vom Zivilisationsbruch ab (vgl. Diner 2007, S.37; Diner 2022; Fritz Bauer Institut 2023).

Jonas Kreienbaum hat eine exemplarische Untersuchung dieser Differenz von Nationalsozialismus und Kolonialismus anhand einer Analyse der Lager in Deutsch-Südwestafrika vorgelegt. Er kommt darin zu dem Schluss, dass die Behauptung einer Kontinuität zwischen den kolonialen Lagern, die vor allem militärischen Zwecken dienten, und denen des Nationalsozialismus, die sich durch multiple sich wandelnde Zwecke und Strukturen auszeichneten, an genau diesen wesentlichen Unterschieden scheitern. Darüber hinaus finden sich nach Kreienbaum in der europäischen Kolonialgeschichte – dies ist für die Frage nach den Differenzen von Kolonialismus und Nationalsozialismus von eminenter Bedeutung – keine Vernichtungslager wie Chelmno, Treblinka, Sobibor, Belzec, Majdanek oder Auschwitz-Birkenau (Kreienbaum 2015, S.293 ff.; Kreienbaum 2021). Ziai bleibt also seinem relativistischen Anliegen treu: Wenn mit Foucault alles Wissen auf kontingenten Prämissen beruht und die Realität nur diskursiv erschlossen werden kann, dieser Diskurs aber von Effekten der Macht durchzogen ist, dann kann der Angriff auf etabliertes Wissen als Geste des Widerstands verstanden werden. Die Kontingenz dieses Wissens ist gleichbedeutend, so suggerieren die beschriebenen Gedankenspiele und Fantasien Ziais, mit dessen eurozentrischer Prägung. Mit anderen, an seine Dissertation angelehnten Worten: Die These vom Holocaust als Zivilisationsbruch kann ob ihres vermeintlich eurozentrischen Gehalts nicht das letzte Wort sein, ist sie auch noch so gut begründet.

In der Aufzeichnung einer Podiumsdiskussion (medico international 2016) wiederholt Ziai seine Thesen der kolonialen Heuchelei und der „gleicheren Gleichheit“ der Opfer des Holocaust. Neben ihm sitzt derweil die heutige Vizepräsidentin der Universität Kassel, Sonja Buckel, die ihn ohne Widerspruch gewähren lässt. Hier führt Ziai aus, dass Eurozentrismus das „stillschweigende Fundament“ für die deutsche Gedenkkultur und Holocaustforschung sei. Dies meint: Das Fundament, auf dem die kritische Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Deutschland ruht, ist eine auf kolonialen Rassismus zurückgehende Ungleichbehandlung von Menschen. Das heißt nicht, dass in der kritischen Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit eine zu beklagende Vernachlässigung der Kolonialgeschichte auszumachen sei, die durch hinreichende Forschung sowie das Schaffen von Erinnerungs- und Gedenkorten zu schließen wäre. Es heißt: Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der BRD beruht ganz grundsätzlich in allen ihren Entwicklungsphasen und konkreten Ausformungen auf einer rassistisch motivierten Ungleichbehandlung und wäre ohne diese nicht denkbar. Sie steht daher, so müssen wir richtigerweise aus Ziais Überlegungen folgern, notwendig der Aufarbeitung des Kolonialismus im Wege, weil sie dessen Rassismus letztlich wiederholt. Nur eine fundamentale Erneuerung der Holocaustforschung und des Holocaustgedenkens, die auf eine Revidierung der Aussage über den Zivilisationsbruch hinausläuft, ermöglicht demnach eine tatsächliche Aufarbeitung der (post-)kolonialen Geschichte. Von hier ist unweigerlich eine Brücke geschlagen zur Frage nach der Legitimität der Existenz des israelischen Staates, da die Gründung desselben durch die nationalsozialistischen Verbrechen wesentlich beschleunigt wurde, wenngleich das zionistische Projekt deutlich älter und im Kontext einer langen Verfolgungsgeschichte von Juden und Jüdinnen zu sehen ist (vgl. Brenner 2008).

Es ist daher wenig überraschend, dass Ziai den Nahostkonflikt in seiner Lehre thematisiert, z.B. in seiner Vorlesung Internationale Politik in einer postkolonialen Welt aus dem Sommersemester 2020 in einer Sitzung zum Thema Terrorismus. Der Audiomitschnitt sowie die Folien der Vorlesung wurden von Ziai im Nachhinein digital auf der Plattform der Universität Kassel zur Verfügung gestellt. In dieser Vorlesung forderte Ziai die Studierenden dazu auf, sich „selbst ein Bild zu machen“, ob die Hamas Terrorist*innen oder Freiheitskämpfer*innen seien, die gegen einen „israelischen Apartheidstaat“ kämpften. Was sich hier wie eine mehr oder weniger wissenschaftliche Kontroverse anhört, wird in Ziais Beiträgen in den öffentlichen Debatten der folgenden Jahre zu einer Legitimation antizionistischer Haltungen und auch antisemitischen Terrors.

3. Intervention in öffentlichen Debatten

3.1. Antisemitismus, Antizionismus, Rassismus

Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht Wunder, dass Ziai sich mehrfach in öffentliche Debatten zu den Themen Antisemitismus und Antizionismus einmischte. Beispielhaft seien hier einige seiner Argumente im Rahmen der Diskussion um die 15. Documenta 2022 sowie den 07. Oktober 2023 aufgegriffen, um zu verdeutlichen, dass er sich immer wieder im Sinne seiner Forschung und Lehre um die Legitimation oder Relativierung antizionistischer und antisemitischer Inhalte bemüht. Hierzu setzt Ziai an verschiedenen Stellen an. So ist er in einem Artikel für die Frankfurter Rundschau zum Streit um die 15. Documenta, auf der mehrere antisemitische Darstellungen zu sehen waren, darum bemüht, einen angeblich in Deutschland vorherrschenden „weitreichenden und hochsensiblen“ Antisemitismusbegriff zu konstatieren und überdies den Verfechter*innen dieses Antisemitismusbegriffs zu unterstellen, sie seien der Überzeugung, über den „einzig richtigen, ja sogar den einzigen Antisemitismusbegriff zu verfügen“ (Ziai 2022). Der Abschlussbericht des Gremiums zur fachwissenschaftlichen Begleitung zur 15. Documenta lässt jedoch keinerlei Zweifel daran zu, dass sich einige Ausstellende in ihren Exponaten antisemitischer Codes und Bildsprachen bedienten und dies auch schon in früheren Arbeiten taten (Deitelhoff et al. 2022). In einem zur Publikation gekürzten Text in der Onlineausgabe der Sozialistischen Zeitung bemüht sich Ziai um eine Differenzierung der Debatte zur 15. Documenta. Ausgangspunkt ist für ihn die Feststellung im Abschlussbericht des Expertengremiums: „Die documenta fifteen fungierte als Echokammer für israelbezogenen Antisemitismus, und manchmal auch für Antisemitismus pur“. (Ziai 2025) Diesem Resümee hält Ziai entgegen, dass es durchaus antisemitische Darstellungen auf der Documenta gab. Von vier in diesem Kontext häufig genannten Werken seien es aber nur zwei, für die diese Beschreibung zutreffend sei - was bei mehreren tausend Werken, so wird von ihm suggeriert, eine Marginalie sei.

Nun ist noch vor der Entscheidung, mit welcher Definition des Antisemitismus man es hält (IHRA oder JDA), und der Frage, ob überhaupt eine Definition dynamischer gesellschaftlicher Phänomene das letzte Wort sein kann, festzustellen, dass eine Ausstellung, die antisemitische Darstellungen zeigt, Antisemitismus einen Raum gibt, in dem er sich entfalten kann. Nicht ohne Grund tauchten nachweislich im Fridericianum noch während der Documenta Plakate mit den Schriftzügen „Free Palestine from German guilt" und „Nakba is a Part of Erinnerungskultur“ auf, die nicht entfernt wurden und die zumindest unter dem Gesichtspunkt einer Relativierung der Shoah zu diskutieren sind (RIAS 2023, S.13). Seinen Text beschließend, hält Ziai mit Blick auf die im Abschlussbericht vorgebrachte Kritik, jüdische Perspektiven seien missachtet worden, fest: „Der Vorwurf einer Missachtung jüdischer Perspektiven ist nur dann plausibel, wenn rechtszionistische Perspektiven der israelischen Regierung oder des Zentralrats der Juden als einzig legitime jüdische Perspektiven angesehen und andere ausgeblendet werden“ (Ziai 2025). Angesichts der Tatsache, dass die Jüdische Gemeinde Kassel bekannterweise ihr Unbehagen bezüglich der Documenta äußerte und hervorhob, dass dieses Unbehagen keinerlei Berücksichtigung fände, muss Ziai hier so verstanden werden, dass er der Jüdischen Gemeinde Kassel eine rechtszionistische Position unterstellt oder eine solche, die deckungsgleich mit der des Zentralrats der Juden sei (vgl. Sara Nussbaum Zentrum 2022a/2022b). Dass es sich bei einer solchen Argumentation mindestens um eine anmaßende Pauschalisierung handelt, die wiederum selbst jüdische Perspektiven (namentlich die der Jüdischen Gemeinde Kassel) ausklammert, steht außer Frage.

In einem Artikel zur Verteidigung der postkolonialen Studien führt Ziai weiter aus, dass insbesondere der Vorwurf des israelbezogenen Antisemitismus sich auf „die vage und weite Definition der International Holocaust Remembrance Alliance“ stütze, um anzumerken, dass dies kontrovers sei, da „die Feindschaft gegenüber einem jüdischen Staat (zumal einem, der Palästinenser:innen entrechtet, vertreibt und bombardiert) nicht mit der Feindschaft gegenüber jüdischen Menschen gleichgesetzt werden kann“ (Ziai 2024). Ziai bedient sich hier einer einseitigen Darstellung des gewaltsamen Konflikts, die etwa terroristische Angriffe von palästinensischer Seite gegen den israelischen Staat und seine Bürger:innen völlig ausblendet und so das militärische Agieren Israels seines wesentlichen Kontextes beraubt. Bereits in einem Interview mit dem deutschlandfunk geht Ziai auf die Kritik an antisemitischen Tendenzen in den postkolonialen Studien in gewohnt relativierender Weise wie folgt ein: „Die [Vorwürfe] beziehen sich dann eben auf Israel-Palästina, Apartheidstaat oder nicht, Kolonialismus oder nicht. Da gibt es auf jeden Fall Kontroversen. Aber ich denke, dass diese Schnittstelle [von Antisemitismus und postkolonialen Studien (Anm. Verf.)] bei einer etwas engeren Antisemitismusdefinition verschwindend gering ist“ (Götzke 2022). Und so sei dann, wie Ziai in einem Interview mit derHNA ausführt, die „Hauptquelle“ des Konflikts um die Frage des Antisemitismus in den postkolonialen Studien, „dass dann gesagt wird, ok, wenn man von „Siedlungskolonialismus“ und „Apartheid“ spricht, ist das antisemitisch“ (Andraczek 2022).

In diesem Kontext ist es bemerkenswert, dass Ziai in einem späteren Interview zur Situation auf dem Campus der Universität Kassel behauptet, es sei wichtig, ernst zu nehmen, dass jüdische Studierende sich nicht sicher fühlten auf dem Campus. Die Angriffe auf Juden und Jüdinnen seien aber nicht zwingend antisemitisch, sondern könnten auch antizionistisch motiviert sein (vgl. Lohr 2024). Zur Situation auf den Campus in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist eine im Juli 2024 veröffentlichte Umfrage unter jüdischen Hochschullehrenden aufschlussreich. Sie macht das Ausmaß der Gefahrenlage deutlich: Rund 40% der aus dem Netzwerk der jüdischen Hochschullehrenden Befragten gaben an, „seit dem 7. Oktober wegen ihrer jüdischen Identität bedroht oder belästigt worden zu sein“ (Netzwerk jüdischer Hochschullehrender 2024). Ziai führt im Interview mit der HNA weiter aus: „Wenn man jedoch in anderen Kontexten im Zusammenhang mit Israel von Apartheid, Siedlungskolonialismus oder ethnischen Säuberungen spricht, wird man sofort so [als Antisemit (Anm. Verf.)] bezeichnet. Man diffamiere Israel, die Heimstätte und Zuflucht der Juden nach der Shoah. Wir müssen aber eine Ambivalenz aushalten: Auch der jüdische Staat kann zum Täter werden“ (Lohr 2024). Dass der jüdische Staat „auch zum Täter werden kann“, ist kaum ernsthaft zu bestreiten, und die Artikulation solcher Binsenweisheiten scheint mehr rhetorisches Mittel zu sein, um einer differenzierten Auseinandersetzung zum Verhältnis von Antizionismus und Antisemitismus auszuweichen. Dass die Vorwürfe von Apartheid, Siedlungskolonialismus und ethnischen Säuberungen in Bezug auf den israelischen Staat in toto bzw. die Politik dieses Staates nicht zutreffen, erwähnt Ziai mit keinem Wort. Diese historisch ungenauen und z.T. schlicht falschen Darstellungen sind für ihn nicht das Problem in der Debatte um die postkolonialen Studien, sondern eine Antisemitismusdefinition, die solche mitunter vorsätzlich dämonisierenden und delegitimierenden Darstellungen, in denen Antizionismus immer wieder in Antisemitismus übergeht, mit einschließt.

Zwar ist es richtig, dass eine Gleichsetzung von Antisemitismus und Antizionismus durchaus kritikwürdig ist, aber ebenso wäre ihre vollständige Trennung allein angesichts der empirischen Befunde, geschweige denn eines historischen sowie begrifflich verbürgten Zusammenhangs nicht aufrechtzuerhalten (vgl. Siggelkow 2023; Decker und Reimer-Gordinskaya 2024). So kam es unmittelbar nach dem Angriff der Hamas am 07.10.2023 weltweit zu einer Explosion antisemitischer Straftaten (vgl. Bund.Europa.Internationales.Medien 2024); auch in Deutschland vervielfachte sich deren Vorkommen (statista 2024). Die Amadeu Antonio Stiftung konstatiert daher in ihrem Lagebild zum Antisemitismus in Deutschland aus dem Jahr 2024: „Nicht erst seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 zeigt sich: Sobald es im Nahostkonflikt eskaliert, nehmen auch in Deutschland die antisemitischen Vorfälle deutlich zu. Doch das Ausmaß ist diesmal erschreckender denn je“ (Amadeu Antonio Stiftung 2024). Ergänzend hierzu zeigt eine Studie zum Meinungsklima der Studierenden der Universität Konstanz bezüglich der Gewalteskalation im Israelisch-Palästinensischen Konflikt, dass es einen „erwartbaren Zusammenhang zwischen antisemitischen Haltungen und der Kritik an Israel gibt“, was jedoch keinesfalls eine Gleichsetzung erlaube (Hinz et al. 2024, S.30). Der israelische Staat entstand auch aus der Idee, jüdischen Menschen eine Zuflucht vor der faktischen Verfolgung und Vernichtung zu gewähren – was Ziai keinesfalls bestreitet. Diese Verfolgung bestand u.a. aus Ausgrenzung, rechtlicher Ungleichheit und Pogromen in Europa und dem Nahen Osten und gipfelte in der Vernichtung jüdischen Lebens in Europa durch die Nationalsozialisten (vgl. Wagner 2021, S.149 ff.; Dippel 2021; Hillenbrand 2023; Schneider und Toyka-Seid 2025). Dies bedeutet eben, dass eine „Feindschaft“ (nicht etwa ist hier von Gegnerschaft oder Skepsis oder kritischer Haltung die Rede) gegenüber dem jüdischen Staat darauf abzielt, seine Bürger*innen eben dieser Verfolgung preiszugeben. Angesichts dessen fällt es schwer, zu glauben, israelbezogenen Antisemitismus mit allen nötigen Differenzierungen in den Begriff von Antisemitismus aufzunehmen, bedeute, diesen vage und weit zu definieren oder zeuge gar von einer spezifisch deutschen Sensibilität.

Wie bereits im Sammelband zur postkolonialen Politikwissenschaft deutlich wird, ist es in Ziais Interesse, Antisemitismus als eine Form von Rassismus zu verstehen. So sei ein Problem bei der Debatte um Antisemitismus und Antizionismus, dass Menschen, die sich mit Antisemitismus beschäftigen, sich mit „genau dieser Spielart des Rassismus beschäftigen, beziehungsweise die dann halt eben sogar sagen, das ist etwas ganz anderes als Rassismus“ (Götzke 2022). Und so sei auch der „hochsensible“ Antisemitismusbegriff in Deutschland unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass mit ihm „gruppenbezogene Feindlichkeit gegenüber jüdischen Menschen etwas völlig anderes sei – nämlich ein auf Vernichtung ausgerichteter Antisemitismus – als gegenüber anderen Menschen (das ist dann „nur“ auf Diskriminierung ausgerichteter Rassismus, erklärte mir neulich ein Student)“ (Ziai 2022). Nun besteht kein Zweifel, dass zwischen Antisemitismus und Rassismus die u.a. an Nationalsozialismus und Kolonialismus bereits aufgezeigten und oben erörterten Unterschiede bestehen, die Ziai mit dieser recht merkwürdigen Äußerung offenkundig zu nivellieren sucht. Schlussendlich führt Ziai die von ihm kritisierten Haltungen und Positionen auf einen falschen (deutschen und/oder eurozentrischen) Universalismus zurück: „Bestimmte Annahmen“ seien „universalisiert [worden]“, wodurch eine Diskussion verunmöglicht worden sei: „[...] da wird nicht darüber diskutiert, dass man vielleicht unterschiedliche Ansichten darüber hat. Sondern da wird ganz klar gesagt: Wir wissen, was Antisemitismus ist, und wir definieren das und das ist eine universelle Definition, die für jeden zu gelten hat.“ (Andraczek 2022) Hier wäre nur noch zu fragen, in welcher Definition die Darstellung eines Juden mit Reißzähnen und SS-Runen, wie sie auf der Documenta zu sehen war, nicht antisemitisch ist.

In Ziais Forschung, Lehre und Diskussionsbeiträgen sind die Identifikation von Rassismus und Antisemitismus, der Angriff auf die These des Holocaust als Zivilisationsbruch unter Einebnung der Differenzen von Nationalsozialismus und Kolonialismus sowie die strikte Trennung von Antizionismus und Antisemitismus immer wieder – mal mehr mal weniger explizit – dadurch in Beziehung gesetzt, dass sie als ein (in Ermangelung eines besseren Wortes:) Gedankenkonvolut unter den Topos des Antikolonialismus und Anti-Eurozentrismus fallen und ihm daher, so können wir mit Rückgriff auf Ziais Dissertation annehmen, als relativistische, machtkritische und von Empfindungen getragene Einmischungen in die Praxis gelten.

3.2. Hamas, BDS, Intifada

Insbesondere im Rahmen der Diskussionen um den 07. Oktober bringt Ziai diesen Relativismus und Anti-Eurozentrismus in Anschlag, um auch offene, antizionistische und antisemitische Gewalt zu legitimieren und zu relativieren. Kurz nach dem 07. Oktober 2023 und dem Beginn der israelischen Offensive in Gaza veröffentlichte Ziai einen Artikel, in dem zu den Ereignissen in Nahost zu lesen ist: „It boils down to taking lives of others and feeling justified with it“ (Ziai 2023). Diese Abstraktion erlaubt eine grundsätzliche Gleichsetzung nahezu jedweder Form von Gewalt. So sei die Hamas zwar eine Terrororganisation, kämpfe jedoch zugleich gegen einen „settler colonial Apartheid state“ (Ziai 2023). In einer Fußnote zum Apartheidsbegriff heißt es: „Not only Israeli historians use the term settler colonialism, early zionists did too. As for the accusation of Apartheid: although the discrimination in Israel does not reach the level of Apartheid South Africa [sic], it does meet the definition of Apartheid according to international law. See the 280-page report of Amnesty International“ (Ziai 2023). Ziai ignoriert hier mögliche Gegendarstellungen zum Report von Anmesty International, die gewichtige Gründe vorbringen, warum dieser Report irreführend ist (vgl. Johnson 2022; Safian 2022). Dieser vermeintliche Kolonial- und Apartheidstaat folge derselben Logik des Mordens von Zivilist*innen wie die Hamas. Nach der Klassifikation der Hamas als Terrororganisation, die Gewalt gegen Unschuldige ausübe, heißt es im Text: „This is also the principle underlying the bombings in the retaliatory „war on terror“ of the Israeli army to protect its citizens or the legal slow-motion ethnic cleansing in the occupied territories. One does not need to support Hamas to become a victim of Israel’s policy“ (Ziai 2023). So töte die Hamas im Namen der Dekolonisation, Israel im Namen der Sicherheit seiner Bürger*innen: „In this simplified view, we seem to be confronted with the choice between endorsing either killing in the name of decolonization or killing in the name of national security“ (Ziai 2023). Dass eine solche Gleichsetzung unlauter ist, lässt sich u.a. an der Tatsache erkennen, dass das erklärte Ziel der Hamas laut ihrer Gründungscharta nicht so sehr die „Dekolonisation“, sondern die Vernichtung jüdischen Lebens ist (Pfahl-Traughber 2023). Daniel Rickenbacher weist außerdem in einem Artikel in der NZZ darauf hin, dass die Hamas 2021 die Pläne zur Vernichtung und Plünderung des israelischen Staates auf einer Tagung noch einmal ausführlich darstellte (Rickenbacher 2025).

In einem längeren Interview mit Matthias Lohr in der HNA versucht Ziai vor allem die Unterstützung der BDS-Kampagne und die Rufe nach einer Intifada bei Protesten auf dem Campus der Universität Kassel zu legitimieren. BDS sei die gewaltfreie Alternative „zum gewalttätigen Widerstand in Palästina“ (Lohr 2024). Impliziert ist: Es gibt nur zwei Wege des Protests gegen die israelische Politik: Gewaltsamer Widerstand (mit anderen Worten: Intifada) oder BDS. Dies übergeht ganz explizit die palästinensischen Stimmen, die sich für eine friedliche Lösung jenseits des Boykotts und der Gewalt aussprechen (vgl. Natour 2024; Steffens 2024). Weiterhin folgt daraus, dass der Hinweis auf die antisemitischen Inhalte von BDS keine bedenkenswerte Kritik ist, sondern lediglich ein Versuch sei, friedlichen Protest zu unterbinden. Dass BDS in seinen Forderungen grundsätzlich jede legitime Kritik überschreitet, steht außer Frage (vgl. Pfahl-Traughber 2020; Baier 2021). Dementsprechend äußert Ziai auch für die Rufe nach einer Intifada auf dem Kasseler Campus grundsätzliches Verständnis: „Es ist eine klare Bezugnahme auf die Intifada, die sich gewalttätig gegen Israel richtete. Allerdings muss man auch dies einordnen. Seit 1967 gibt es eine völkerrechtswidrige Besatzung. Und laut UN-Recht gibt es in solchen Fällen ein Recht auf gewaltsamen Widerstand. Man muss die Verhältnismäßigkeit in Betracht ziehen und fragen, wer hier das Völkerrecht verletzt und wer sich dagegen wehrt.“ (Lohr 2024). Insinuiert ist, dass Israel das Völkerrecht verletze und mit der Intifada sich Teile der Palästinenser*innen dagegen wehrten. Während der ersten Intifada wurden nicht nur israelische Zivilist*innen ermordet, sondern auch mehrere hundert vermeintliche palästinensische Kollaborateur*innen. Ob dies noch unter den Begriff der Verhältnismäßigkeit fällt, lässt Ziai offen (vgl. DW 2023). Ebenso ob der Mord an über 1000 Israeli, von denen ca. ¾ Zivilisten waren, im Zuge der zweiten Intifada nach Ziais Dafürhalten verhältnismäßig ist, bleibt an dieser Stelle unbeantwortet (DW 2023) – Lohr lässt ihn, ohne konkret nachzufragen, gewähren. Sowohl Lohr als auch Ziai vermeiden außerdem eine weitere Kontextualisierung durch andere Proteste, etwa an der FU Berlin, bei denen jüdischen Studierenden der Zugang zu Hörsälen verwehrt und sie physisch bedrängt und verbal bedroht wurden sowie die Existenz Israels delegitimiert wurde (Jüdische Allgemeine 2023). Lohr stellt im Anschluss die tendenziöse Frage: „Kann man hierzulande die israelische Politik kritisieren, ohne als Antisemit zu gelten und andere negative Folgen zu haben? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?“ (Lohr 2024) Dass dies möglich ist, kann angesichts der Fülle kritischer Äußerungen und Artikel über die israelische Politik in keiner Weise bestritten werden (taz 2024), sodass diese Frage sachlich überflüssig ist und mutmaßlich eher darauf abzielt, zu suggerieren, es könnte tatsächlich so etwas wie ein Phänomen geben, das im Interview als „Verengung des Diskurses“ bezeichnet wird (Lohr 2024).

Diesem fraglichen Phänomen ist Ziai im Juni 2026 auch in einem Artikel in der Frankfurter Rundschau auf der Spur. Unter der Überschrift Der politische Subtext der Antisemitismusbekämpfung warnt er vor einer durch die IHRA-Definition bedingten Verzerrung bei der Erfassung antisemitischer Vorfälle und Straftaten sowie vor einer mit der daraus vermeintlich resultierenden Strafverfolgung einhergehenden autoritären Formierung, die u.a. die Meinungs- und Versammlungsfreiheit gefährde (vgl. Ziai 2026). Schließlich kommt Ziai zu dem Schluss, es sei von einem „Gerücht über die Palästinenser“ zu sprechen, wenn im Rahmen der Antisemitismusbekämpfung in „Forderungen nach einem freien Palästina, in unpassenden Holocaustvergleichen, in Kritik an Kriegsverbrechen in Gaza und unterschiedlichen Rechtsnormen für palästinensische Menschen im Westjordanland sowie an deutschen Waffenlieferungen, in Forderungen nach gleichen Rechten für palästinensische Menschen und gewaltfreien Boykottaufrufen stets nur Judenhass“ gesehen würde (Ziai 2026). Leider ist dem Text nicht zu entnehmen, was in „unpassenden Holocaustvergleichen“ noch zu sehen wäre außer Antisemitismus; auch bleibt ungeklärt, wie ein „passender“ Holocaustvergleich, der hier logisch vorausgesetzt wird, für Ziai aussähe. Wie dem auch sei: Ziai bezieht sich auf die bekannte Formel Theodor W. Adornos vom Antisemitismus als Gerücht über die Juden; Adorno greift diese selbst 1962 noch einmal in seinem Vortrag Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute auf und stellt sie bezeichnenderweise in den Kontext eines Post-Shoah-Antisemitismus, der um seine gesellschaftliche Ächtung weiß und diese Ächtung im Gerücht als einem „Krypto-Antisemitismus“ zu umgehen sucht – es wäre an anderer Stelle durchaus gewinnbringend zu diskutieren, ob der Antizionismus ein solcher Krypto-Antisemitismus ist oder ein eigenständiger Begriff der Kritischen Theorie (Christ 2025). Dem Antisemiten diene, so Adorno, die gesellschaftliche Ächtung außerdem noch dazu, sich selbst als den eigentlich Verfolgten auszugeben (Adorno 2024, S.16 f.).

In Ziais Text ist keine Rede von den gewaltsamen Besetzungen universitärer Hörsäle und Bedrohungen von Mitarbeitenden der Universitäten im Rahmen von sogenannten pro-palästinensischen Protesten (vgl. Spiegel 2024); ebenso bleiben Angriffe auf jüdische Studierende an deutschen Universitäten unerwähnt (vgl. SWR 2025) sowie solche Vorfälle wie die Schändung der Gedenktafel für die im Nationalsozialismus zerstörte Kasseler Synagoge u.a. durch das Beschmieren mit roten Dreiecken (vgl. Sara Nussbaum Zentrum 2026). Dass Ziai stattdessen die rhetorische Frage „Aber ist jüdisches Leben in Deutschland nicht tatsächlich mit Bedrohungen konfrontiert?“ mit „Möglicherweise ja“beantwortet, erscheint angesichts der aktuellen Studien zur Bedrohungslage geradezu zynisch: So gaben 43% der in Deutschland von der Europäischen Agentur für Grundrechte 2026 befragten Juden und Jüdinnen an, im letzten Jahr belästigt worden zu sein. 9% sagten, dass sie in den letzten fünf Jahren angegriffen worden seien und 82%, dass Antisemitismus in ihrem Leben ein großes Problem darstelle (vgl. Mediendienst Integration 2026). Eine qualitative Studie aus 2026 weist konkreter auf, dass Juden und Jüdinnen nach dem 07. Oktober 2023 vermehrt Diskriminierung, Ausgrenzung und Anfeindungen erleben, etwa im öffentlichen Nahverkehr, im Bildungsbereich, bei Arztbesuchen oder Online. Die Befragten berichten von ihrem Rückzug aus öffentlichen und digitalen Räumen in Folge dieser Erfahrungen (vgl. Chernivsky und Hoppe 2026). Die Schilderungen der betroffenen Juden und Jüdinnen decken sich mit der Analyse der Bildungsstätte Anne Frank zu den Folgen des 07. Oktober im Netz. Die Herausgeberinnen dieser Analyse beschreiben eine Flut „fragwürdiger, feindseliger, antisemitischer und offen demagogischer Inhalte“ in den sozialen Netzwerken (Berendsen und Schnabel 2024, S.5). Hierzu zählten etwa Shoah-Relativierungen sowie Fake News und Verschwörungsbehauptungen rund um das Geschehen während und nach dem 07. Oktober sowie die Glorifizierung der Taten der Hamas. Statt einer Berücksichtigung solcher empirischer Daten, die selbst mit der JDA-Definition schwerlich aus der Welt zu reden sind, ist in Ziais Text ganz im Sinne jener Umkehrung, die Adorno beschreibt, das Geraune zu vernehmen, es sei durch die Ahndung antisemitischer Straftaten die Versammlungs- und Meinungsfreiheit in Gefahr, derweil Recherchen von STRG_F ergaben, dass seit dem 07. Oktober 2023 lediglich ca. 1% der angemeldeten öffentlichen Versammlungen in den Jahren 2023/2024 untersagt wurden (vgl. Zengerling und Biallas 2024), und in den letzten Jahren in Deutschland zahlreiche pro-palästinensische Kundgebungen z.T. mit bis zu 60.000 Teilnehmenden stattfanden (vgl. zdf heute 2025).

4. Politisches Engagement

4.1. Offene Briefe

Aram Ziais Name ist unter offenen Briefen zu finden, die sich mit dem Nahostkonflikt befassen und eindeutig antizionistische Inhalte verbreiten. Im Folgenden wird gemutmaßt, dass es sich tatsächlich um Aram Ziai handelt, der diese Briefe unterschrieben hat. Es wird darin deutlich, dass es Ziai nicht nur um Debattenbeiträge, sondern auch um ein konkretes politisches Engagement geht.

Prof. Dr. Aram Ziai, University Kassel, Germany gehört zu den Unterzeichner*innen eines Briefes, der die Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung und Verbrechen der israelischen Armee anprangert. In diesem Kontext ist von einer siedlerkolonialen Politik die Rede, die seit 1948 von Israel praktiziert werde (Decolonising Development 2021) – damit ist insinuiert, dass der gesamte Staat Israel ein koloniales Projekt sei, wodurch die Legitimität seiner Existenz grundsätzlich in Frage steht.

Aram Ziai ist auch unter den Unterzeichner*innen des bekannten Briefs aus Berlin vom 28.10.2023. In diesem offenen Brief, der eine antiisraelische Position einnimmt, werden vermeintliche Gegenstandpunkte und jüdische Perspektiven aufgegriffen, um schlussendlich zwar ein „Gegen jeden Antisemitismus. Gegen Polizeigewalt und Rassismus“ zu verkünden, aber zuvor antisemitische Vorfälle zu relativieren, die Verantwortung der Hamas für die Eskalation der Gewalt sowie ihre Mitverantwortung für zivile Opfer in der palästinensischen Bevölkerung auszuklammern und – wie sollte es anders sein – im Holocaustgedenken eine Quelle der vermeintlichen deutschen Empathielosigkeit für die Opfer des israelischen Militäreinsatzes auszumachen (Brief aus Berlin 2023). So sind vereinzelt Polizeimeldungen zu antisemitischen Straftaten in Berlin verlinkt, doch wird die erschreckend hohe Zahl ebendieser Straftaten nicht klar benannt. Die Meldestelle für Antisemitismus in Berlin spricht im Jahresbericht 2023 von einem deutlichen Anstieg; so sei es 2023 zu 1270 antisemitischen Vorfällen gekommen, wovon 783 nach dem 07.10.2023 bis zum Jahresende stattfanden. Dazu zählten auch etliche Straftaten (vgl. RIAS 2024). Der Brief erschien noch im Jahr 2023 und doch häuften sich bereits im Oktober 2023 die Vorfälle (vgl. statista 2024). Als sei es spiegelbildlich – hier Antisemitismus, dort Rassismus – ist im Brief ohne jeden Beleg von racial profiling die Rede, durch das „ein ganzer Stadtteil kriminalisiert wird“ (Brief aus Berlin 2023). Zwar gab und gibt es noch u.a. immer wieder Artikel einschlägiger Medien, denen zurecht latenter bis offener Rassismus vorzuwerfen ist, aber dabei handelt es sich nicht um eine Kriminalisierung, die von staatlichen Organen ausgeht. Als Quelle, um Polizeigewalt zu belegen, bezieht sich der Brief auf einen Artikel von Palästina spricht – eine Organisation, die ohne jeden Zweifel immer wieder inakzeptable Positionen vertritt (vgl. Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus 2022). So etwa auch die, dass das barbarische Massaker am 07.10.2023 durch die Hamas ein Akt des Widerstands und der 07.10.2023 ein revolutionärer Tag zum Feiern sei (Amadeu Antonio Stiftung 2024). Sie gehört auch zu den Unterzeichnenden einer Erklärung vom 08.10.2023, in der zu lesen ist: „The latest Palestinian resistance has to be seen in this light. Our struggle for freedom, justice and liberation will be exemplary to other oppressed indigenous people around the world“ (The Left Berlin 2023). Die unkritische Bezugnahme auf Gruppierungen, die derlei Positionen vertreten, lässt erhebliche Zweifel an der Redlichkeit der angesonnenen Zwecke der Verfasser*innen und Unterzeichner*innen des Briefes zu. Es wird außerdem gegen Israel der Vorwurf eines Genozids erhoben. Als Beleg wird eine Quelle herangezogen, die explizit von einem Genozid spricht sowie eine Quelle, die vor der Gefahr eines potentiellen Genozids warnt. Diese Uneinigkeit der eigens aufgerufenen Expert*innen wird im Brief verschwiegen. Des Weiteren ist von einer deutschen „pro-jüdischen Staatsräson“ die Rede, die zu einer falschen Solidarität mit Israel führe. Eine solche pro-jüdische Staatsräson existiert nicht – daher fehlt auch hier jeder Beleg. Angela Merkels Versprechen, Israels Sicherheit sei deutsche Staatsräson sowie dessen jüngste Wiederholung durch andere Politiker*innen, sind umstritten und weit entfernt von einer widerspruchsfreien realpolitischen Umsetzung (vgl. Krell 2023). Weiterhin wird entgegen der faktischen Präsenz dieses Themas etwa in der Tagesschau als wichtigster deutscher Nachrichtensendung behauptet, dass das Leid der Palästinenser*innen keinen Platz in öffentlichen Debatten fände (vgl. Tagesschau 2024). Hessenauer und Uwira weisen für 2023 darüber hinaus nach, dass stattdessen in der deutschen Berichterstattung „die Verwendung direkter und indirekter antisemitischer Stereotype und Topoi, verzerrende Darstellungen, ungeprüfte Informationen und Verharmlosungen terroristischer Gewalt“ gehäuft auftreten (Hessenauer und Uwira 2025, S.7). Hinzu komme die Tendenz zur Darstellung Israels als alleiniger Aggressor im Konflikt (Hessenauer und Uwira S.128 ff.). Schließlich wird im Brief suggeriert, dass die Verurteilung von Antisemitismus bei pro-palästinensischen Veranstaltungen der Unterbindung von Solidarität mit der palästinensischen Sache diene. Es besteht jedoch keinerlei Zweifel, dass es auf solchen Veranstaltungen zu antisemitischen Vorfällen kam (vgl. rbb24 2023; Amadeu Antonio Stiftung 2024), die einer legitimen Kritik zu unterziehen sind.

4.2. Unterstützung von antizionistischen Bündnissen in Kassel

Zu den an der Universität Kassel in den letzten Jahren aktiven pro-palästinensischen Gruppierungen gehören das Bündnis Yousef Shaban und die Hochschulgruppe Unidiversität – es ist in Bezug auf diese Gruppen eine personelle Überschneidung festzustellen. Sie sind außerdem vor allem auf dem Campus und vereinzelt auch in der Stadt Kassel durch Veranstaltungen und in den Sozialen Medien mit etlichen Beiträgen aktiv. In aller Kürze werden hier nun Belege vorgestellt, dass es sich beim Bündnis Yousef Shaban und Unidiversität um Gruppen handelt, die Israels Existenz delegitimieren und antisemitischen Terror verharmlosen. Wissam Fakher ist sowohl im Bündnis Yousef Shaban aktiv als auch Mitglied von Unidiversität. In einem Interview mit klassegegenklasse.org vom 25.11.2023 bezeichnete Fakher Israel als „zionistische Entität [, die] sich zum Ziel gesetzt hat, alle PalästinenserInnen zu vertreiben und unter den Augen der Welt zu massakrieren“ (Krüger 2023). Dieser vermeintlichen Politik Israels setzt Fakher im Interview seine Utopie eines „freie[n] Palästina“ entgegen, „das sich vom Jordan bis zum Mittelmeer erstreckt“ (Krüger 2023). Die Existenz Israels zu delegitimieren, dafür steht die hier zitierte Parole „from the river to the sea“, überschreitet die Grenze legitimer Kritik an der israelischen Politik. Inwieweit dies in bestimmten Kontexten strafrechtlich relevant ist, ist trotz aktueller Gerichtsurteile weiterhin nicht letztgültig geklärt und bedarf einer jeweiligen Einschätzung des Einzelfalls (vgl. Kolter 2024). Die Delegitimation der Existenz Israels will aber in jedem Fall die Preisgabe jüdischen Lebens an Staaten und Organisationen, die unverhohlen dessen Vernichtung ansinnen. Solche Äußerungen widersprechen außerdem der von der Universität veröffentlichten Erklärung zum Nahostkonflikt vom 08.11.2023 (vgl. Uni Kassel 2023).

Im Studierendenparlament der Universität Kassel kam es am 29.05.2024 zu einem Polizeieinsatz in Folge der Abstimmung zu einer Resolution, mit der sich der AStA gegen Antisemitismus an der Universität Kassel ausspricht – wohlgemerkt ohne direkt Stellung zum Nahostkonflikt zu beziehen, geschweige denn die Situation der Palästinenser*innen unerwähnt zu lassen. Laut einem inzwischen gelöschten Bericht des Arbeitskreis Medien nannte Mustafa Saleh als Angehöriger der Liste Unidiversität die Resolution eine Verleugnung von Völkermord (AK Medien 2024). Er wiederholte außerdem mindestens zweimal die Aussage: „Die Hamas ist keine Terrororganisation“. Gegenüber der HNA bekräftigte er dies im Nachhinein nochmals (Rudolph 2024).

Das Bündnis Yousef Shaban, dem sowohl Saleh als auch Fakher angehören, bildete sich nach einer von Saleh organisierten Gedenkveranstaltung für den gleichnamigen Studenten der Universität Kassel, der laut Berichten von Palestinian Lives Matter bei einem israelischen Luftangriff in Gaza ums Leben kam. Die Gedenkveranstaltung wurde von der Uni-Präsidentin Ute Clement abgebrochen, da Israel in den Redebeiträgen u.a. als Kolonialstaat bezeichnet wurde (Küster 2023).

Beim feministischen Kampftag in Kassel am 08. März 2024 war das Bündnis Yousef Shaban mit einem Redebeitrag vertreten. Der Beitrag wurde nach der Demonstration vom Bündnis auf Instagram gepostet (Bündnis Yousef Shaban 2024a). Die Rednerin des Bündnisses warf Israel einen Genozid an den Palästinenser*innen vor und bezeichnete Leila Khaled als eine ihrer „Vorfahrinnen“, wobei dies sehr wahrscheinlich in ideologischer und nicht biologischer Hinsicht zu verstehen ist, da diesbezüglich von ihr neben Khaled auch Rosa Luxemburg und Clara Zetkin genannt wurden. Khaled selbst gehört der PFLP an. Sie beteiligte sich u.a. an einer Flugzeugentführung mit der Absicht der Ermordung der Passagiere des Flugzeugs. In ihrer Autobiografie schreibt Khaled:

„In den ersten drei Jahren der höheren Schule hatte ich mich mit wichtigen Personen beschäftigt: Lincoln, Napoleon, Hitler, Lenin. Ich hatte sie am Anfang alle bewundert …Zuerst hegte ich Sympathie für Hitler, weil ich dachte, er sei ein Feind der Juden. Später fand ich heraus, daß er die Araber als Untermenschen klassifizierte, nur wenig über den Zigeunern und den Juden“ (Schindler 2023).

Abgesehen von einer offenkundig antisemitischen und auch antiziganistischen Ideologie sitzt Khaled hier einer Desinformation auf: Das Verhältnis Hitlers und anderer einflussreicher Nationalsozialisten zu „den Arabern“ war durchaus ambivalenter und mitunter, neben einer tatsächlichen rassistischen Inferiorisierung, in Bezug auf den Islam auch von Bewunderung und dem Wunsch nach Kooperation gekennzeichnet (vgl. Brumlik 2018; Klatt 2019; Topel 2017, Motadel 2018)

Auf einer Veranstaltung unter dem Motto „Stoppt den Genozid in Gaza“ am 20.01.2024 in Kassel, die vom Bündnis Yousef Shaban mitorganisiert und beworben wurde, stellte eine geladene Rednerin einen Vergleich zwischen der aktuellen Migrationspolitik der Bundesrepublik und der antisemitischen Politik des Nationalsozialismus an und unterstellte eine Zusammenarbeit von Nationalsozialisten und Zionisten, ohne dies konkret historisch einzuordnen. Ein Video hierzu ist auf dem Instagramkanal Strassenreporter zu sehen (Strassenreporter 2024). Die Organisator*innen distanzierten sich nicht von diesen Inhalten.

Das Bündnis Yousef Shaban bewarb eine Veranstaltung zum Nakba-Gedenktag 2024 auf dem Campus der Universität Kassel mit dem Slogan „76 Jahre Krieg“, um fälschlicherweise zu suggerieren, die Staatsgründung Israels sei ein Synonym für einen andauernden Krieg gegen die Palästinenser*innen. Der AStA der Universität Kassel veröffentlichte eine Stellungnahme auf Instagram, in der er dem Bündnis eine „revanchistische Nakba-Erzählung“ sowie „Geschichtsverklärung“ vorwarf und einer „Instrumentalisierung des universitären Raums zur Einschüchterung von Kommiliton*innen“ beschuldigte (AStA Uni Kassel 2024).

Aram Ziai setzte sich bereits öffentlich für das Bündnis Yousef Shaban ein, als er den Abbruch der besagten Gedenkfeier für Shaban kritisierte und als „unverhältnismäßig“ bezeichnete (Lohr 2023). Diese Kritik wiederholte er im erwähnten HNA-Interview, indem er betonte, die Präsidentin Ute Clement habe sich „bei der abgebrochenen Gedenkfeier für Yousef Shaban im November sehr unglücklich verhalten“ (Lohr 2023). Er fügt an dieser Stelle hinzu: „Studierende meines Studiengangs haben zuletzt ebenfalls Protestveranstaltungen wegen des Kriegs organisiert. Das war alles friedlich“ (Lohr 2023). Ob damit Studierende um das Bündnis Yousef Shaban und die Hochschulliste Unidiversität gemeint sind, bleibt hier offen, scheint aber überaus naheliegend. Ebenso, dass es sich um die oben genannte Veranstaltung zum Nakba-Gedenktag handelt, die am Tag des Interviews auf dem Campus stattfand. Hier von friedlich zu sprechen, scheint auch mit Blick auf das Statement des AStA sehr fragwürdig. Darüber hinaus ist im Aufruf zur Veranstaltung durch das Bündnis Yousef Shaban auf Instagram von einer Besatzung Palästinas die Rede – ohne Differenzierung zwischen Gaza, Westjordanland und dem gesamten israelischen Staatsgebiet (Bündnis Yousef Shaban 2024b). Damit ist die Legitimität des Staates Israel selbst in Frage gestellt. Beobachter*innen der Demo berichteten von Sprechchören, die „from the river to the sea, palestine will be free“ skandierten sowie von bewusster Desinformation um die Staatsgründung Israels – eine Karte auf einem Banner suggerierte, dass zuvor ein palästinensischer Staat existierte und dass Israel an dessen vollständiger Auslöschung arbeite. Auch wenn es keine Berichte von unmittelbarer Gewaltanwendung gibt, ist es absolut verfehlt, derlei Verhalten in relativierender Weise als friedlich zu beschreiben. Das Bündnis bewarb eine Veranstaltung zum Gedenken an Yousef Shaban am 24.10.2024 auf dem Campus der Universität Kassel mit einem Foto der Aufschrift „Intifada“ auf einer Tafel eines Raumes der Universität Kassel (Lohr und Rudolph 2024). Auf dieser Veranstaltung wurde u.a. die Parole „Von Kassel bis nach Gaza – Yallah Yallah Intifada!“ skandiert. Wie die hier auch für Kassel geforderte Intifada konkret aussähe, wird vom Bündnis Yousef Shaban in seiner nachträglichen Stellungnahme zu dieser Veranstaltung nicht ausgeführt. In dieser Stellungnahme wird stattdessen entgegen allen historischen Tatsachen (und sogar entgegen der oben genannten Einordnung der Intifada durch Ziai als „gewalttätigen Widerstand“) behauptet, Intifada sei ein Synonym für „gewaltfreien Widerstand“ (Bündnis Yousef Shaban 2024c).

Angesichts der bisherigen Ausführungen überrascht es nicht, dass auf einer GoFundMe Seite des Bündnis Yousef Shaban, auf der zu Spenden an die Gruppe aufgerufen wird, eine Zahlung unter dem Namen Aram Ziai von 700€ zu finden ist (GoFundMe.de 2023).

5. Abschließende Einschätzung

Anhand der ausgewählten Arbeiten, Vorträge, Interviews etc. konnte klar gezeigt werden, dass die akademischen Veröffentlichungen und Debattenbeiträge Ziais nicht vorrangig ein wissenschaftliches Erkenntnisinteresse verfolgen. Stattdessen ist ihr bereits in Ziais Dissertation erklärter Zweck ein emotional begründeter Eingriff in die politische Praxis. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass Ziai jenseits historischer Fakten, logischer Schlüsse und begrifflicher Klarheit auf Grundlage eines antikolonialen, gegen Eurozentrismus gerichteten Relativismus den Versuch unternimmt, sich in öffentliche Debatten einzumischen. Unter das Phänomen Eurozentrismus fallen nach ihm auch die von ihm konstatierte, aus dem Holocaust resultierende deutsche Sensibilität für Antisemitismus sowie die damit einhergehende Gedenk- und Erinnerungskultur, weiterhin das Verhältnis zur Existenz und Politik des Staates Israel und damit zusammenhängend die Bewertung des Nahostkonflikts sowie die Debatten um Rassismus, Antisemitismus und Antizionismus.

Ziais Äußerungen zum etablierten Holocaustgedenken und zur Holocaustforschung, welche unter dem Wort „Historikerstreit 2.0“ verhandelt wurden, stellen den Auftakt dar für eine fortwährende Relativierung von Antizionismus und Antisemitismus, die sich durch Vorträge, Interviews und Artikel zieht. Zu beobachten ist, dass Ziai in öffentlichen Äußerungen diesbezüglich oftmals klare Positionierungen vermeidet und antizionistische wie auch antisemitische Inhalte nicht unbedingt direkt befürwortet, aber als antikolonial und anti-eurozentrisch und somit als legitime Kritik deutet. Diese legitimierten Inhalte zeitigen wiederum eine spezifische politische Praxis, die von öffentlichen Angriffen auf die Existenz Israels bis hin zu antisemitischer Gewalt reicht. Darüber hinaus ist anhand namentlicher Aufführungen zu mutmaßen, dass Ziai offene Briefe unterzeichnete, die Israel des Siedlerkolonialismus bezichtigen oder sich positiv auf terrorverherrlichende Organisationen beziehen und dass Ziai einen Text veröffentlichte, der den gesamten israelischen Staat als Apartheidstaat diffamiert. Der Name Aram Ziai ist außerdem einer Spendenzahlung an das Bündnis Yousef Shaban zugeordnet, dessen Mitglieder die Hamas nicht als Terrororganisation verstanden wissen wollen, sich explizit in der Tradition antizionistischer Terrorist*innen verstehen und bei deren Veranstaltungen auf dem Campus der Universität Kassel zur Intifada aufgerufen wurde. Eben diesen Aufruf versuchte Aram Ziai in einem Interview mit der HNA zu legitimieren.

6. Literatur

AK Medien (2024): Eklat im Studierendenparlament: Resolution zum Thema Antisemitismus führt zu Polizeieinsatz. akmedien.de.
https://web.archive.org/web/20240603214646/https://akmedien.de/eklat-im-studierendenparlament-resolution-zum-thema-antisemitismus-fuehrt-zu-polizeieinsatz

Amadeu Antonio Stiftung (2024): Antisemitische Allianzen nach dem 07. Oktober. Zivilgesellschaftliches Lagebild Antisemitismus #13. amadeu-antonio-stiftung.de
https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/zivilgesellschaftliches-lagebild-antisemitismus-13/

Andraczek, Alina (2022): Antisemitismus auf der documenta: „Es ist verfehlt, das Problem auszulagern“. hna.de
https://www.hna.de/kultur/documenta/aram-ziai-sind-postkoloniale-studien-antisemitisch-91686656.html

AStA Uni Kassel (2024): Stellungnahme zur heutigen Demonstration um 12:30 vor der Mensa. instagram.com
https://www.instagram.com/astakassel/p/C6-4Nyltfme/?hl=de&img_index=1

Baier, Jakob (2021): Antisemitismus in der BDS-Kampagne. bpb.de
https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/328693/antisemitismus-in-der-bds-kampagne/

Berendsen, Eva und Deborah Schnabel (2024): Die TikTok-Intifada – Der 7. Oktober & die Folgen im Netz. Analyse & Empfehlungen der Bildungsstätte Anne Frank.  bs-anne-frank.de
https://www.bs-anne-frank.de/fileadmin/content/Publikationen/Weiteres_P%C3%A4dagogisches_Material/TikTok_Report_Nahostkonflikt_BSAF_2024_neu.pdf

Bergmann, Werner (2006): Was heißt Antisemitismus? bpb.de
https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/37945/was-heisst-antisemitismus/

Bojadzijev, Manuela (2023): Rassismus. Zur Geschichte eines Begriffs. bpb.de
https://www.bpb.de/themen/rassismus-diskriminierung/rassismus/542802/rassismus-zur-geschichte-eines-begriffs/

Brenner, Michael (2008): Was ist Zionismus? Eine Einführung. bpd.de
https://www.bpb.de/themen/naher-mittlerer-osten/israel/44941/was-ist-zionismus/

Brief aus Berlin (2023): Brief aus Berlin. Kritische Wissenschaftler*innen an die deutsche Politik und Öffentlichkeit. docs.google.com
https://docs.google.com/forms/d/e/1FAIpQLSdQexuMBpgFM3PK0DJUtRwYd1ZuKo3bIvsNrShXc11orOmzrA/viewform

Brumlik, Micha (2018): Hitler begrüßte mich freundlich. Die Nazis und die islamische Welt. taz.de
https://taz.de/Die-Nazis-und-die-islamische-Welt/!5492317/

Bund.Europa.Internationales.Medien (2024): Veranstaltung „Die Zäsur des 07.10.2023: Antisemitismus in Europa: Wie können wir ihn gemeinsam erfolgreich bekämpfen?“ mbeim.nrw
https://mbeim.nrw/veranstaltung-die-zaesur-des-07102023-antisemitismus-europa-wie-koennen-wir-ihn-gemeinsam

Bündnis Yousef Shaban (2024a): Rede zur Lage in Palästina am Feministischen Kampftag. instagram.com
https://www.instagram.com/buendnisyousefshaban/p/C4dPB70NMXU/?img_index=1

Bündnis Yousef Shaban (2024b): Kundgebung Nakba-Tag. instagram.com
https://www.instagram.com/buendnisyousefshaban/p/C66s8uFtUGh/?img_index=1

Bündnis Yousef Shaban (2024c): Pressemitteilung zur Gedenkveranstaltung am 24. Oktober. instagram.com
https://www.instagram.com/buendnisyousefshaban/p/DBhCi1DsEhE/?hl=de&img_index=4

Césaire, Aimé (2017): Über den Kolonialismus. Alexander Verlag. Chernivsky, Marina und Friederike Lorenz-Sinai (2026): Zwischenbericht. Bundesweite Studie zu den Auswirkungen des terroristischen Anschlags am 7. Oktober 2023 auf jüdische und israelische Communities in Deutschland. koas-bildungsforschung.de
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Christ, Julia (2025): Antizionismus als Begriff der Kritischen Theorie, in: Sven Kramer et. al. (Hrsg.): Zeitschrift für Kritische Theorie. Bd. 31. Felix Meiner Verlag.

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